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Deutscher Film : Große Leinwand, kleines Format

Die Bilder: Was in der Sprache zwanghaft kurze Sätze und ausschließlicher Gebrauch von Hilfsverben sind, das ist dem Fernsehen die Bildgestaltung. Wer einen Dialog dreht, sperrt die Sprechenden ein in einen öden Verhau aus Schuss und Gegenschuss. Wer spricht, tut dies in die Kamera, wer zuhört, ist nicht zu sehen. Vom sogenannten Mastershot, der zwei Dialogpartner in einer Halbtotale zeigt, welche Körpersprache und Reaktionen sichtbar macht, ist auch in deutschen Kinofilmen wenig zu sehen. Weite, ein Horizont, vor dem Charaktere Welthaltigkeit gewinnen, ein dramaturgisch durchdachter Umgang mit Räumen, das alles ist entbehrlich, weil auf dem kleinen Bildschirm eh nicht viel davon übrigbleibt.

Schlichte Grammatik

Zwar werden bisweilen exotische Schauwerte aufgeboten, wie etwa in „Nichts als Gespenster“ nach Judith Hermanns Erzählungen - aber nur, um sie einer Ansichtskartenoptik zu unterwerfen und in der Montage dann zusammenzuschrauben wie ein Ikea-Regal. Da ist es auch kein Wunder, dass der erfolgreichste Film des letzten Jahres, die „Keinohrhasen“, in seiner ganzen telegenen Beziehungskomödieneinfalt nicht eine einzige visuelle Idee verrät, die diesen Namen verdiente.

Uniformität und Monotonie der Bildfolge sorgen dafür, dass man auch bei geschlossenen Augen weiß, was gerade zu sehen ist. Die meisten Filme leben nur noch von Standardsituationen wie das Spiel von Schalke 04. Ohne Ecken oder Freistöße erzielen die Gelsenkirchener kaum ein Tor; ohne die starre Kombination einer Einstellung, mit einem bestimmten Gesichtsausdruck und einer bestimmten Musik macht die Fernsehästhetik keinen dramatischen Punkt. Und weil das Fernsehen längst so etwas wie die Matrix unserer Wahrnehmung ist, weil es in seinen Formaten festlegt, was ein Blick, eine Einstellung, ein Schwenk, ein Off-Ton „bedeuten“, versucht es, dem Kinofilm jeden Verstoß gegen diese schlichte Grammatik auszutreiben. Man könnte das auch die schleichende Degeto-isierung des deutschen Kinos nennen, weil die Produktionen der ARD-Tochter in ihrer dramaturgischen Einfalt, dumpfen Gefühligkeit und visuellen Armut einen Standard des Grauens etabliert haben.

Kein Entkommen aus der standardisierten Welt

Die Musik: Seifig, klebrig, plätschernd, das sind die Adjektive, die sich einstellen, wenn man auf die Tonspur hört. Die Musik funktioniert wie Glutamat im Chinarestaurant: als Geschmacksverstärker für etwas, das offenbar keinen Eigengeschmack besitzt. Die Folge davon ist, dass alles gleich schmeckt oder eben: sich anhört. Die Musikdramaturgie folgt einem simplen Reiz-Reaktions-Schema: Klingelt das Glöckchen, setzt beim Hund die Leersekretion ein, weil er weiß, dass es Futter gibt. Die Dramatik, welche im Bild womöglich gar nicht erkennbar ist, ist zu hören; Bedeutsames, Sentimentales hat seinen Sound, das einsame Klavier, das schwermütige Saxofon. Und es ist dabei nur die Frage, ob man den Zuschauer eher für taub hält oder für erblindet.

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