https://www.faz.net/-gqz-8ccw7

Deutscher Fernsehpreis : Das müssen die Zuschauer sehen!

Barbara Schöneberger moderierte nicht nur, sondern wurde auch selbst ausgezeichnet. Bild: dpa

Beim Deutschen Fernsehpreis bleibt die Branche unter sich, übertragen wird die Gala von den Sendern nicht mehr. Das ist ein Jammer, weil Barbara Schöneberger wahnsinnig witzig moderiert. Sie bekommt dafür einen Preis. Auch sonst treffen viele Auszeichnungen die Richtigen.

          4 Min.

          Wäre Barbara Schöneberger ein Mann, sie hätte im deutschen Fernsehen keine Chance. Und nicht nur dort bekäme sie Probleme. Denn was sie an schrägen Bemerkungen im Laufe eines Abends vom Stapel lässt – da käme bei fünf Euro pro Gag mit Anzüglichkeitsgarantie in die Machokasse ein hübsches Sümmchen zusammen. Allerdings versteht sich Barbara Schöneberger auf die Kunst, sich zunächst und vor allem über sich selbst lustig zu machen. Sie ist schlagfertig, sie hat das richtige Timing und Ausdauer. Was bei einer Vier-Stunden-Veranstaltung wie der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises am Mittwochabend auf den Rheinterrassen in Düsseldorf nicht ganz unwichtig ist. Doch vom ersten Auftritt an, bei dem Barbara Schöneberger neben einem Nachbau des „Stars Wars“-Androiden R2-D2 steht und sich als R2-Doppel-D vorstellt, zeigt sie, warum die Leute sie mögen und sie längst einen Preis verdient hat. Den bekommt sie dann auch, ohne dass jemand Einspruch erhöbe - als beste Unterhaltungsmoderatorin.

          Reportage aus dem „Nazidorf“

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und auch sonst darf man sagen, dass die Jury des Deutschen Fernsehpreises sich die Richtigen ausgeguckt und den Mut bewiesen hat, nicht immer einfach die üblichen Verdächtigen oder Arrivierten auszuzeichnen. So gewann die Vox-Serie „Club der roten Bänder“ einen Preis, so wurde Jonas Nay für seine Rollen in „Deutschland 83“ und „Tannbach“ als bester Schauspieler geehrt, so ging eine Ehrung in der Informationskategorie an den Journalisten Michel Abdollahi, der eine Reportage über das „Nazidorf“ Jamel gedreht hat und so bekam der bislang zu Unrecht nicht mit Preisen überhäufte Regisseur Lars Becker auch eine Trophäe ab.

          Filmemacher Hubertus Koch war in seiner Dankesrede umwerfend ehrlich.
          Filmemacher Hubertus Koch war in seiner Dankesrede umwerfend ehrlich. : Bild: dpa

          Auch dass der Amateur-Filmer Hubertus Koch den mit 15.000 Euro dotierten Förderpreis erhielt ist bemerkenswert. Er hatte aus privater Initiative und auf eigenes Risiko einen Film über den Krieg in Syrien gedreht, „Süchtig nach Jihad“, der im Internet Furore machte. Ein Medienprofi ist er nicht, die Überzeugungskraft seines Films schmälert das nicht. Dass er nicht zur Branche gehört, die ihn da feiert, zeigt sich in Düsseldorf deutlich. Der Preis für ihn, sagt Koch, das sei schon „irgendwie gestört, aber – hätte schlechter laufen können“. Schlechter kommt bei ihm dann das Fernsehen an sich weg, dass ihn aufregt, weil es angesichts der drängenden Probleme der Welt die Leute mit allerlei Belanglosem unterhält. Da bekomme er „das Kotzen“, sagt Koch.

          Hannelore Krafts Laudatio ist bizarr

          Das ist einer der bizarren Momente an diesem Abend. Ein weiterer ist die Laudatio, welche die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft auf den Ehrenpreisträger Günter Wallraff stellt. Brav liest sie einen Wikipedia-artigen Text über den Enthüllungsjournalisten herunter, bei dem man spätestens an der Stelle unwillkürlich zuckt, an der Hannelore Kraft betont, Wallraff habe stets dafür gesorgt, „dass Dinge nicht unter den Tisch gekehrt werden“. Knapp zwei Wochen nach den zunächst von Polizei und Politik beschwiegenen Angriffen auf Frauen in Köln, mutet das, um es vorsichtig zu sagen, doch etwas seltsam an. Wallraff, sagt Hannelore Kraft noch, sei „ein ungemein streitbarer Genosse“. Damit wäre die politische Umarmungsvereinnahmung perfekt. Die dürfte aber dazu beitragen, dass Wallraff die Anerkennung, die er heute erfährt, langsam etwas suspekt ist. Da ihn nun sogar die „Bild“-Zeitung zum Gewinner des Tages erklärt habe, müsse er sich wohl fragen, was er falsch gemacht habe, sagt Wallraff.

          Der „Ehrenpreis der Stifter“ ging an Enthüllungsjournalist Günter Wallraff.
          Der „Ehrenpreis der Stifter“ ging an Enthüllungsjournalist Günter Wallraff. : Bild: dpa

          Die Stifter des Deutschen Fernsehpreises – die Sender RTL, Sat.1, WDR und ZDF -, haben indes kaum etwas falsch gemacht. Mit der Entscheidung, die Preisverleihung nicht mehr zu übertragen – sehen wir von der Zusammenfassung in einer halben Stunde auf dem Minisender ARD Festival ab, worüber Barbara Schöneberger auch fortwährend Witze reißt -, bekommt das Ganze eine wohltuende Lockerheit. Für die sorgt nicht zuletzt, dass an diesem Abend Bertolt Brechts Losung „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ in leicht abgewandelter Form gilt: Erst gibt es etwas zu essen, dann gibt es die Preise. Und danach konnten Preisträger und Gäste, so sie denn wollten, Barbara Schönebergers Empfehlung folgen, sich doch gepflegt und komplett „zuzulöten“.

          Die Senderchefs spielen „Star Wars“

          Wir fragen uns auch, ob der ziemlich witzige Film-Trailer zu diesem Abend entstanden wäre, wenn die beteiligten Darsteller gewusst hätten, dass sie damit ins Fernsehen kommen: In „Klar wars“ Episode sieben über das „Fernsehen der Macht“ sehen wir nämlich Frank Hoffmann und Kaspar Pflüger, die Geschäftsführer von RTL und Sat.1, auf der „dunklen Seite“ des Fernsehens im Kampf gegen die Yedi-Ritter, auf deren Seite der WDR-Intendant Tom Buhrow und sein ZDF-Kollege Thomas Bellut stehen. Besonders Bellut, dessen Gesicht auf die Figur des Yoda montiert wurde, weiß in diesem Kurzfilm zu überzeugen, dem man eigentlich nur ein möglichst großes Publikum wünschen kann – denn hier nimmt sich das deutschen Fernsehen einmal schön selbst auf die Schippe, wie es nicht alle Tage vorkommt.

          Alle Tage freilich gibt es auch Vorhersehbares – dass Joko und Klaas für ihr „Duell um die Welt“ einen Preis bekommen; dass Jan Böhmermann einen erhält und dies ebenso für selbstverständlich verdient hält wie das sich seiner Bedeutung für das Abendland gewissen Kabarett-Duo der ZDF-Sendung „Die Anstalt“; dass Sandra Maischberger einen Preis zugesprochen bekommt; dass sich der ARD-Doping-Rechercheur Hajo Seppelt über eine Ehrung freuen darf.

          Gruppenbild der Preisträger am Mittwochabend in Düsseldorf.
          Gruppenbild der Preisträger am Mittwochabend in Düsseldorf. : Bild: dpa

          Und fürs nächste Jahr, fürs nächste Mal, sagt Barbara Schöneberger, nachdem sie noch reichlich Witze auf ihre eigenen Kosten gerissen hat, etwa über die Tatsache, dass man sie an diesem Abend von vorne und von hinten sehe, wofür einiges an Vorbereitung notwendig gewesen sei, schließlich, legen sie dann vielleicht sogar eine Kassette ein, um das Ganze so richtig fürs Fernsehen aufzuzeichnen.

          Verdient wäre es, doch kommen wird es dazu nicht – über die frühere Form der Preisverleihung und die anschließende Ausstrahlung im Fernsehen, die ein echter Quotenkiller war, hatten sich die Preisstifter schließlich heillos zerstritten. Danach war der Deutsche Fernsehpreis erst einmal tot. Jetzt ist er wieder da, als Treffen, bei dem die Branche unter sich bleibt und sich selbst feiert. Bisweilen hat sie ja sogar auch Grund dazu.

          Deutscher Fernsehpreis : Kölner Übergriffe machen TV-Promis nachdenklich

          Die Preise

          Information und Sport

          Beste Information: „An der Grenze“

          Die Information hat die Jury dem großen Thema der Flüchtlingskrise gewidmet: Der Fernsehpreis geht an „An der Grenze – 24 Stunden an den Brennpunkten der Flüchtlingskrise“ (N24/Welt).

          Beste Persönliche Leistung Information: Michel Abdollahi

          Unter den TV-Journalisten bzw. -Journalistinnen, die mit Engagement und Haltung überzeugt haben, entschied sich die Jury für Michel Abdollahi und seine Straßenaktionen im Kulturjournal sowie seine Reportage „Im Nazidorf" (NDR).

          Bestes Infotainment / Beste Talksendung: „Menschen bei Maischberger“

          Beste Dokumentation / Reportage: „Asternweg - Eine Straße ohne Ausweg“ (Vox)

          Bester Sportjournalismus: Hajo Seppelt für „Geheimsache Doping“

           

          Unterhaltung

          Beste Comedy / Kabarett: „Die Anstalt“ (ZDF)

          Beste Unterhaltung Primetime: „Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt“ (Pro Sieben)

          Beste Moderation Unterhaltung: Barbara Schöneberger (RTL, „Die 2 – Gottschalk & Jauch gegen alle“)

          Beste Unterhaltung Late Night: „NEO MAGAZIN Royale“ (ZDF)

          Bestes Factual Entertainment: „Die Höhle der Löwen“ (Vox)

           

          Fiktion

          Bester Fernsehfilm: „Nackt unter Wölfen“ (ARD)

          Beste Serie: „Club der roten Bänder“ (Vox)

          Beste Schauspielerin: Ina Weisse für „Ich will dich“ und „Ein großer Aufbruch“

          Bester Schauspieler: Jonas Nay für „Deutschland 83“ und „Tannbach“

          Beste Regie: Lars Becker für „Zum Sterben zu früh“ (ZDF)

          Bestes Buch: Magnus Vattrodt für „Ein großer Aufbruch“ und „Das Zeugenhaus“

          Beste Kamera: Ngo The Chau für „Zum Sterben zu früh“ (ZDF)

          Bester Schnitt: Ulf Albert für „Altersglühen“ (ARD)

          Beste Musik: Stefan Will und Marco Dreckkötter für „Mordkommission BERLIN 1“ (Sat.1)

          Beste Ausstattung: Max Wohlkönig, Matthias Müsse und Tilman Lasch für „Mordkommission BERLIN 1“ (Sat.1)

          „Förderpreis“ für Filmemacher Hubertus Koch

          „Ehrenpreis der Stifter" für Günter Wallraff

           

          Statistik:

          Das ZDF erhält insgesamt 7 Preise, die ARD kommt auf 6 Preise, VOX erhält 3 Preise, RTL und SAT.1 erhalten je 2 Preise und je ein Preis geht an ProSieben und N24. Jeweils über 2 Auszeichnungen können sich die Produktionen „Ein großer Aufbruch“, „Zum Sterben zu früh“ und „Mordkommission BERLIN 1“ freuen. Bei den Produktionsfirmen liegen Network Movie mit 4, Wiedemann & Berg mit 3 sowie UFA Fiction mit 2 Nennungen vorn.

          Weitere Themen

          Tom Cruise gibt Preise ab

          Golden Globes in der Krise : Tom Cruise gibt Preise ab

          Die Hollywood Foreign Press Association, welche die Golden Globes vergibt, steht massiv in der Kritik. Ihr wird ein eklatanter Mangel an Diversität vorgeworfen. Tom Cruise veranlasste das zu einem bemerkenswerten Schritt.

          Der Michael-Althen-Preis für Kritik 2021

          Bitte einsenden : Der Michael-Althen-Preis für Kritik 2021

          Zur Erinnerung an den Redakteur und Filmkritiker Michael Althen hat die F.A.Z. einen Preis ausgeschrieben. Zum zehnten Mal soll eine Form der Kritik gewürdigt werden, die analytische Schärfe und emotionale Integrität verbindet.

          Topmeldungen

          Abhängig von Energie: Rauchende Schornsteine der ThyssenKrupp Stahlwerke in Duisburg (Archivbild)

          Gesetz gegen Erderwärmung : Entzug für das Klima

          Deutschland giert nach fossilem Brennstoff wie ein Schnapsbruder nach Likör. Berlin plant jetzt den Radikalentzug. Aber wer zahlt die Rechnung?

          Nahostkonflikt : Politik mit Raketen

          Bislang kann sich die Hamas sicher sein, dass Israel keinen Regimewechsel herbeiführen möchte. Umgekehrt haben die Islamisten nun sogar indirekt dafür gesorgt, dass Netanjahu von der jüngsten Eskalation profitieren kann.
          Leider nicht im erforderlichen Maße skalierbar: Bei  Gaildorf in Baden-Württemberg wurde ein Windpark mit einem Pumpspeicherkraftwerk kombiniert.

          Energiewende : Das Problem mit der grünen Grundlast

          Die Verfassungsrichter haben den rascheren Umstieg auf erneuerbare Energiequellen angeordnet. Doch damit verschärft sich ein Problem, das mehr Windräder und Solarparks nicht lösen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.