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Deutscher Fernsehpreis : Bitte Mutter, hau' auf die Glocke!

  • -Aktualisiert am

Matthias Koeberlin und Maria Furtwängler Bild: dpa

Der Deutsche Fernsehpreis scheint am Ende zu sein: Was 2007 im deutschen Fernsehen passiert ist, war am Samstag abend überhaupt nicht wichtig. Stefan Niggemeier über eine Veranstaltung, die möglicherweise die zeitloseste Preisverleihung der Welt ist.

          Als am Samstagabend dann unter dem Titel „Abschiede 2007“ ausführlich noch Ulrich Wickerts letzte „Tagesthemen“-Sendung gewürdigt wurde, war der Deutsche Fernsehpreis endgültig aus der Zeit gefallen. Die Sendung hatte, wie das Datum im Hintergrund unübersehbar in Erinnerung rief, am 31. August 2006 stattgefunden - also fast zwei Monate vor der letztjährigen Verleihung des Deutschen Fernsehpreises.

          Das passte ganz gut zu einer Veranstaltung, die möglicherweise die zeitloseste Preisverleihung der Welt ist. Es gewann erstmals „Super-Nanny“ Katharina Saalfrank, drei Jahre, nachdem sie begann, Kinder bei RTL auf die „Stille Treppe“ zu setzen. Ausgezeichnet wurde „Stromberg“ , die Pro-Sieben-Sitcom mit Christoph Maria Herbst, die seit 2005 jedes Jahr als beste Sitcom nominiert wird und offenbar einfach das Glück hatte, lange genug zu überleben, bis es praktisch keine Konkurrenz in dieser Kategorie mehr gab. Die Laudatoren beschränkten sich gerne darauf, Lehrbuch-Definitionen über das jeweilige Genre vorzulesen, es gab einen kurzen Film mit Pannen, der aus jedem Jahr hätte stammen können, und nicht einmal eine Erinnerung an die Verstorbenen des Jahres. Was 2007 im deutschen Fernsehen passiert ist, war fast vollständig abwesend bei dieser Veranstaltung, die doch genau das würdigen und feiern sollte. Und so wurde ausgerechnet Oliver Pocher zu einem Helden des Abends.

          „Nächstes Jahr sitzt da ein anderer“

          In einen Stand-up legte er den Finger in offene Wunden. „Informationssendungen“, sagte er, „ja, einige sind heute nicht nominiert. Schade für Sat.1.“ Es war angesichts des Elends der Sat.1-Informationsprogramme einer der wenigen großen Lacher des Abends im Saal, und Pocher setzte gleich noch einen drauf: „Da klatschen jetzt zweihundert Ex-Mitarbeiter“, sagte er, und als die Kameras dann Sat.1-Geschäftsführer Matthias Alberti zeigten, fügte er bösartig hinzu: „Nächstes Jahr sitzt da ein anderer.“

          Die Preisträger, Schauspielerin Maria Furtwängler (l-r), der Moderator Reinhold Beckmann, Comedian Christoph Maria Herbst und der Moderator Stefan Raab (2.v.r.)

          Es war ein merkwürdiger Auftritt, bei dem Pocher vor lauter Aufregung und Begeisterung nicht aufhören konnte, über seine eigenen Pointen zu glucksen. Aber es war eine Wohltat, weil da jemand stand, der sich tatsächlich mit dem Fernsehgeschehen des letzten Jahres beschäftigte - und sei es nur, um böse Witze darüber zu machen. Fast alle anderen und die gesamte Inszenierung strahlten vor allem eine grenzenlose Gleichgültigkeit aus, die man nicht einmal „Routine“ nennen möchte, weil das zu sehr nach „Können“ klingt.

          „Endlich zum Ende kommen“

          Konstanter Tiefpunkt des Abends war der Moderator Marco Schreyl, der sonst vor großem Publikum Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ moderiert, für deren Erfolg völlig gleichgültig ist, wer da steht und die Standardsätze von Moderationskarten abliest. Schreyl nahm der Veranstaltung das bisschen Restglamour, das sie noch hätte haben können, wie er auf die Bühne schlappte und sich Mühe gab, nichts zu tun, an das man sich am nächsten Tag erinnern könnte, außer Fremdschäm-Momente in Reihe zu produzieren, wenn wieder einmal eine Pointe versagte und er das Publikum aufforderte, trotzdem zu applaudieren.

          Spätestens als Pocher auf der Bühne sagte, er hätte hier lieber den Oliver Geißen gesehen, und das kein harmloses Gefrotzel, sondern offenkundig der Gedanke vieler war, hatte Schreyl die Sympathien der Zuschauer im Saal verloren - von denen sich einige ohnehin Bücher mitgebracht hatten, um darin zu lesen. Schon bald gelang es der Kamera nicht mehr, Gesichter im Publikum einzufangen, die nicht bestenfalls gelangweilt aussahen, wenn nicht ernsthaft genervt, und Götz George, der als letzter ausgezeichnet wurde, für sein Lebenswerk, schien allen aus dem Herzen zu sprechen, als er sagte, man müsse endlich zum Ende kommen, er habe einen solchen Hunger.

          Lieblos und dilettantisch produzierte Show

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