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Schanna Nemzowa : „Ich bin Journalistin, das ist mein Beruf“

  • -Aktualisiert am

Will mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg halten: Journalistin Schanna Nemzowa. Bild: Edgar Schoepal

Bekannter Neuzugang bei der Deutschen Welle: Die Reporterin Schanna Nemzowa, Tochter des ermordeten Kreml-Kritikers, unterstützt die Russisch-Redaktion. Ein Besuch.

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          Jetzt ist sie in der Stadt, in der sich die Regierungschefs damals umarmten. In einer lauschigen Sommernacht war das, sie saßen auf der Mauer über dem Rhein, und wenn es stimmt, was Helmut Kohl schreibt, sprachen er und Michael Gorbatschow „einfach einmal darüber, wie unser eigenes Leben verlaufen ist“, und über den Strom der Geschichte, den man nicht aufzuhalten vermag. Beide wussten im Sommer 1989, wie sehr es in der Diplomatie auf die leisen Töne ankommt.

          Schanna Nemzowa, die Tochter des ermordeten Kreml-Kritikers Boris Nemzow, dürfte in diesen Tagen allerdings Besseres zu tun haben, als Anekdoten zu lauschen, die man sich in der Stadt ihres neuen Arbeitgebers wie Märchen aus besseren Zeiten erzählt. Sie muss die Russisch-Redaktion der Deutschen Welle kennenlernen und deren Arbeitsroutinen verstehen.

          Karrieretraum: Eigene Sendung

          Als wir sie im Labyrinth des Schürmann-Baus finden, sitzt sie konzentriert vor dem Rechner eines Großraumbüros. Um sie herum wird telefoniert. Journalisten wie Wjatscheslaw Yurin, der Moderator der neuen Nachrichtensendung „DW Nowosti“, feilen an Texten. Auf den Kacheln eines Großbildschirms ist das Live-Programm der wichtigsten Auslandssender zu sehen, darunter „Russia today“, ein Sender, der aus allen Rohren anti-westliche Propaganda feuert und bei Gelegenheit auch die Deutsche Welle zu diskreditieren versucht.

          Wie wird das russischsprachige Publikum der Deutschen Welle diese Frau wahrnehmen: als die Tochter, die um das Erbe ihres Vaters kämpft, oder die Journalistin, die sie ist? Vermutlich beides.

          Noch ist nicht klar, wo genau Schanna Nemzowa bei der Welle ihren Platz hat. Sie ist erst zehn Tage im Haus. Aber einen Karrieretraum hat sie durchaus: eine eigene Sendung. „Träumt davon nicht jeder, der unseren Job macht?“ Schanna Nemzowa strahlt, sie ist eine einnehmend oft lachende Frau. Vielleicht ist die gute Laune der Einunddreißigjährigen das notwendige Gegengewicht zu dem Dunkel, das sich mit dem Tod des Vaters in ihr Leben einschlich.

          Keine Rückkehr nach Moskau

          Als Wirtschaftsjournalistin, die beim russischen Sender RBK moderierte und Interviews führte, fiel sie politisch nicht auf. Als Privatperson freilich, als Tochter des Opfers, warf sie Putin vor, politisch für den Mord an ihrem Vater im Februar verantwortlich zu sein – auch im deutschen Fernsehen gab sie Interviews, bei „Günther Jauch“ zum Beispiel im März.

          Sie geriet mit den Zehen in die Fußstapfen des Vaters hinein. Und im derzeitigen Russland, in einem Land, das so unberechenbar geworden ist, dass man sich zu fragen beginnt, ob die politische Führung überhaupt noch berechenbar ist, gilt man schnell als Landesverräter, wenn man nicht linientreu auftritt. Der „Braindrain“, den Russland erlebt, sagt Schanna Nemzowa, kommt nicht von ungefähr. Nach dem 27. Mai, als sie auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung in Berlin war, um im Gedenken an ihren Vater eine „Rede für die Freiheit“ zu halten, kehrte auch sie nicht nach Moskau zurück.

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