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Deutsche Welle kremlhörig? : „Moskaus langer Arm ist zu kurz“

An Kritik am Kreml hat es in der Deutschen Welle nicht gefehlt Bild: dpa

Ein freier Autor verliert seinen Job bei der russischen Redaktion der Deutschen Welle und sagt, daran müsse Wladimir Putin Schuld sein. Der Sender kontert, die Kündigung habe allein professionelle Gründe.

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          Die Deutsche Welle hat den Vorwurf zurückgewiesen, sie übe Zensur aus und werde von der russischen Regierung beeinflusst. Dies hatte der Autor Igor Eidman, der als Kolumnist knapp ein Jahr lang für den deutschen Auslandsrundfunk tätig war und mit dem der Sender nun nicht mehr zusammenarbeitet, behauptet. In der Russisch-Redaktion der Deutsche Welle herrsche „Zensur“, schrieb Eidman, offenbar hätten „Putins ,Instanzen`“ die „Möglichkeit, die Redaktionspolitik der Deutschen Welle zu beeinflussen“. Der Sender hält dagegen: Eidman werde als freier Autor aus handwerklich-professionellen Erwägungen heraus nicht mehr beschäftigt und nicht aus dem Grund, dass seine Beiträge zu Putin-kritisch seien.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Bild.de“ hatte Eidmans Kritik an seinem einstigen Auftraggeber mit der Frage verbunden, ob der „lange Arm Russlands“ bis in die Russisch-Redaktion der Deutschen Welle reiche. Der Sender, sagte die Programmdirektorin Gerda Meuer, arbeite „journalistisch unabhängig von jeder politischen Einflussnahme“. Die Deutsche Welle sei „kein Propagandasender“ und lasse „sich auch nicht als Instrument der Gegenpropaganda missbrauchen. Wir stehen für faktenbasierten, kritischen Journalismus, der den handwerklichen Standards unseres Berufs gerecht wird.“ In allen Programmen sei es „die Aufgabe der Redakteure, Manuskripte sorgfältig zu redigieren. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Deswegen ist es abwegig, von politischer Zensur zu sprechen.“

          Ist Putin ein „Diktator“ oder ein „Autokrat“?

          Der Soziologe und Publizist Eidman wurde 1968 im russischen Gorki geboren. Er war unter anderem Chef des größten russischen Meinungsforschungsinstiuts WZIOM. 2011 verließ er Russland und ging nach Deutschland. Als Autor ist Eidmann schon mit einigen Publikationen aufgetreten, so auch als Gastautor der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Neuen Zürcher Zeitung". Im Sommer ist von ihm das Buch „Das System Putin“ erschienen.

          Eidman erhob den Vorwurf, die von der Redaktion der Deutschen Welle gewünschten Änderungen an seinen Beiträgen seien politisch motiviert gewesen. Seine Kolumnen hätten zu den „am meisten gelesenen“ gezählt, sie seien in russischen Medien zitiert worden, „kremltreue Internetseiten“ hätten sich auf ihn „eingeschossen“: „Mir scheint, die Deutsche Welle hat Angst vor der eigenen Courage bekommen und ist bewusst oder unbewusst eingeknickt. Es hat den Anschein, dass sie nur vorsichtige, dezente Putin-Kritik will – aber keine massive wie die von mir,“ wird Eidman bei „Bild.de“ zitiert. So habe er etwa den russischen Präsidenten Putin nicht als „Diktator“, sondern als „Autokraten“ bezeichnen sollen.

          Die Deutsche Welle verstehe sich als „Stimme der Freiheit“, deshalb publiziere sie auch Beiträge von Gastautoren. Dazu gehörten in der Russland-Berichterstattung Kreml-Kritiker wie der Schriftsteller Viktor Jerofejew. Die Gastautoren eine kritische Haltung ebenso wie „das Verständnis von journalistisch glaubwürdiger Argumentation,“ entgegnete die Programmdirektorin Gerda Meuer.

          Unabhängig, nicht zensiert

          Für die Unabhängigkeit der Russisch-Redaktion der Deutschen Welle steht auch die Journalistin Schanna Nemzowa ein, die Tochter des im Februar 2015 in Moskau ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow. Sie hatte das Land verlassen, weil sie bedroht worden war und bei der Deutschen Welle eine Anstellung gefunden. „Ich arbeite seit über einem Jahr in der russischen Redaktion der DW“, sagte Schanna Nemzowa. „So etwas wie Zensur gibt es weder in der russischen Redaktion noch in sonst einer DW-Redaktion. Wir alle fühlen uns einem hohen journalistischen Standard verpflichtet. In meiner wöchentlichen Talk-Sendung gebe ich sowohl Kritikern von Putin als auch seinen Befürwortern die Möglichkeit, sich frei zu äußern.“

          Will mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg halten: Journalistin Schanna Nemzowa.

          Bei „Bild.de“ war erwähnt worden, dass Igor Eidman ein Cousin Boris Nemzows sei. Eidman habe rund fünfzig Gastkolumnen geschrieben. Für deren Erscheinen sei „seine kritische Haltung gegenüber der Kreml-Politik“ zu keiner Zeit ein Hindernis gewesen, sagte die DW-Direktorin Gerda Meuer. Allerdings habe es immer wieder Diskussionen „über handwerkliche und Qualitätsstandards“ gegeben. So habe es Eidman unterlassen, „seine kühnen und weitreichenden Thesen“ mit Belegen und Fakten zu untermauern. So hätten sich „zunehmend Konflikte und schließlich unüberbrückbare Differenzen“ entwickelt, was zum Ende der Zusammenarbeit geführt habe.

          Der Deutschen Welle „Zensur“ vorzuwerfen, trifft den Sender mit seinen zahlreichen fremdsprachlichen Programmen stets an einem wunden Punkt – weil sich die Vorwürfe, die es beizeiten zum Beispiel gegen die China-Redaktion des Senders gab – inhaltlich so schnell nicht nachvollziehen lassen. Die Russisch- und die Ukrainisch-Redaktion der Deutschen Welle stehen für gewöhnlich jedoch nicht in dem Ruf, es an einer kritischen Haltung gegenüber dem Regime Wladimir Putins mangeln zu lassen. Sie stehen vielmehr ganz oben auf der Liste derjenigen, die von der russischen Staatspropaganda angegriffen werden, davon zeugen schon die mannigfaltigen Reaktionen auf die Programme im Internet, deren Zustandekommen auch auf das staatlich organisierte Troll-Heer Russlands zurückgehen dürften.

          Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow, dessen Tochter für den deutschen Auslandsrundfunk arbeitet, war am 27. Februar 2015 bei einem Abendspaziergang in Moskau in Sichtweite des Kreml erschossen worden. Fünf Tschetschenen wurden von der russischen Justiz als mutmaßliche Täter ermittelt, der Hintergrund des Auftragsmords, für den die bislang unentdeckten Auftraggeber den Tätern mehr als 200.000 Euro versprochen haben sollen, wurde bislang nicht vollständig aufgeklärt. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen im vergangenen Juni vorläufig abgeschlossen.

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