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Deutsche Welle : „Wir sind dort, wo unabhängige Berichterstattung fehlt“

Mit dem Format „Shababtalk“ zu Gast in Sudan: Moderator Jaafar Abdul Karim befragt seine Gäste zum Thema Frauenrechte. Bild: Deutsche Welle

Der Auslandssender „Deutsche Welle“ wurde von der Politik lange stiefmütterlich behandelt. Das hat sich radikal geändert. Im Interview spricht Intendant Peter Limbourg darüber, wie gefährlich die Arbeit der Redakteure im Ausland sein kann.

          6 Min.

          Sie sind gerade als Intendant der Deutschen Welle wiedergewählt worden. Der Rundfunkrat hat Sie einstimmig in Ihrem Amt bis 2025 bestätigt. Eine solche Einmütigkeit stimmt fast schon bedenklich.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ich fühle mein Team und mich durch dieses Votum in unserer Arbeit bestätigt. Und ich kann Sie beruhigen – es gab auch zwei Enthaltungen. Aber es ist schon eine schöne Wertschätzung, ohne Gegenstimme eine geheime Wahl zu bestehen.

          Was Ihr Sender macht, den im eigenen Land ja die wenigsten sehen, haben wir jüngst am Beispiel der Talkshow „Shababtalk“ gesehen: Ihr Moderator Jaafar Abdul Karim war mit der Sendung in Sudan zu Gast. Es ging um Frauenrechte, anschließend gab es Morddrohungen gegen den Moderator und gegen Ihren Partnersender. Was unternehmen Sie, damit Ihrem Moderator und seinen Gästen – die Frauen, die mutig das Wort ergriffen haben –, kein Haar gekrümmt wird?

          Wir wägen immer die Risiken ab und halten unsere Gäste über alles informiert. Auch nach der Ausstrahlung bleiben wir weiter in Kontakt mit ihnen, um reagieren zu können, falls das nötig werden sollte. Wir haben in der DW ein Sicherheitsmanagement etabliert, das sich um unsere eigenen Leute, die in gefährlichen Gegenden unterwegs sind, rund um die Uhr kümmert. Wir tun auch gemeinsam mit Jaafar Abdul Karim was nötig und möglich ist, um seine Sicherheit zu gewährleisten. Es ist eine bedauernswerte Tatsache geworden, dass Journalismus in vielen Teilen der Welt ein gefährlicher Job sein kann.

          Sie hatten intern gerade einen prominenten Fall, der auch mit der arabischen Welt zu tun hat und sich mit dem Stichwort „MeToo“ verbindet. Da ging es um Vorwürfe sexueller Belästigung gegen einen bei Ihnen beschäftigten Moderator, mit dem Sie die Zusammenarbeit beendet haben. Was unternehmen Sie, um so etwas aufzuklären und zu unterbinden?

          Ich bin in den letzten Monaten gemeinsam mit unserer Verwaltungsdirektorin Barbara Massing durch fast alle Abteilungen gegangen und habe direkt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter informiert, was in solchen Fällen getan werden kann und an wen sie sich wenden können. Es gibt zum Beispiel externe Anwältinnen, an die man sich, auch zunächst anonym, richten kann. Wir wollen keine Kultur der anonymen Bezichtigung schaffen, sondern eine, in der Vorwürfe ernst genommen werden und in der man sich nicht davor fürchtet, sich zu äußern. Ich habe einen entsprechenden Brief an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschrieben und wir haben Informationsflyer in allen Sendesprachen verteilt.

          Und der besagte Fall?

          Der Fall, den Sie ansprechen, ist im Zuge dieser vielen Gespräche, es waren mehr als dreißig Termine, an uns herangetragen worden. Die Vorwürfe erschienen glaubwürdig und stichhaltig und wir haben entsprechend gehandelt. Mehr kann ich zu Personen oder welche Redaktion betroffen war, aus juristischen Gründen nicht sagen.

          Als Sie vor fünf Jahren erstmals zum Intendanten der Deutschen Welle gewählt wurden, was für einen Sender haben Sie vorgefunden?

          Das war ein Sender mit vielen guten, motivierten Leuten, dem es aber an einer klaren Strategie mangelte und der auch in der Struktur etwas diffus war. Das war ein Sender, der versuchte, viele Aufträge zu erfüllen und dies schwerlich bewerkstelligen konnte, weil er unterfinanziert war. Das waren die drei Herausforderungen, die wir gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen angepackt haben. Und jetzt sind wir auf einem guten Weg.

          Der DW-Intendant Peter Limbourg.

          Dass die Deutsche Welle mehr Geld brauchte, ist bei der Bundesregierung und im Bundestag offenbar angekommen. In den Jahren zuvor sank der Etat, zuletzt hat er sich merklich erhöht.

          Das ist angekommen. Als ich anfing, lagen wir bei einer Grundförderung von 272 Millionen Euro im Jahr, jetzt kommen wir auf einen Etat von 326, im nächsten Jahr 350 Millionen Euro. Das ist im Verhältnis aber nun auch nicht so wahnsinnig viel, wenn Sie etwa auf die Etats in Frankreich oder Großbritannien schauen. Wir müssen einen Investitionsstau, etwa in unsere technische Infrastruktur, aufholen. Aber wir haben eine Perspektive, weiter zu wachsen. Was wichtig ist, weil unsere Aufgaben auch wachsen in einer Medienwelt, die von globalen Konflikten und Krisen, Terror, Propaganda und dem Wirken von Autokraten geprägt ist. Das Geld für die Deutsche Welle ist gut angelegt.

          Über Jahrzehnte war bei der Deutschen Welle die Grundsatzfrage: Ist es die deutsche Stimme in der Welt, oder ist es auch eine Stimme für die Deutschen in aller Welt, also quasi ein Auslands-Heimatsender. Die Frage hat sich inzwischen erledigt, oder?

          Diese Frage ist entschieden. Unser Sender ist die deutsche Stimme in der Welt. Selbstverständlich versorgt unser deutsches Programm auch Deutsche im Ausland. Das steht aber nicht im Zentrum unseres Auftrags. Mehr als 95 Prozent unserer Nutzer sprechen nicht Deutsch, informieren sich aber bei uns über Deutschland und Europa und sie wollen wissen, was wir aus ihrer Region berichten. Das bedingt, dass wir in vielen Sprachen senden, von Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch bis hin zu Kisuaheli und Urdu. Englisch ist mit Deutsch die Hauptproduktionssprache, aber Arabisch und die afrikanischen Sprachen sind für uns ebenfalls von großer Bedeutung. Denken Sie nur an die Informationsleistung, die wir in den verschiedenen Ländern zum Thema Migration erbringen können. Das schlägt sich nieder. Wir haben die Nutzung der Programme in den letzten Jahren um sechzig Prozent gesteigert.

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          Wie groß ist das Publikum, das Sie erreichen, denn tatsächlich?

          Vor fünf Jahren hatten wir 101 Millionen Nutzer pro Woche – damit meine ich nicht die technische Reichweite, sondern die reale Reichweite. Wir sind mittlerweile bei 162 Millionen Nutzern pro Woche.

          Sie sind da ziemlich ehrgeizig. In Ihrer Aufgabenplanung steht, Sie wollten bis 2021 210 Millionen Nutzer haben. Kommt bei solchen Plänen Ihre Herkunft vom Privatfernsehen durch?

          Ich würde das nicht komplett abstreiten. Ich bin damit groß geworden, dass man mit Programmen erfolgreich sein, also das Publikum erreichen muss. Für die Deutsche Welle geht es um Relevanz und Wirkung, aber die erzielen wir nur, wenn wir auch eine gewisse Reichweite haben.

          Sie setzen dabei vor allem auf das Internet.

          Wir müssen uns bemühen, im Haus Silos abzubauen, also die Trennung zwischen Fernsehen, Radio und Netz. Die Digitalisierung ist für uns von enormer Bedeutung, gerade um junge Menschen zu erreichen. Die digitale Welt ist für uns keine Nische. Das führt dazu, dass wir viele neue Formate haben, mit denen wir zum Beispiel auf Youtube sehr erfolgreich sind. Wir machen Facebook-Radio live in Afrika.

          Sie konzentrieren sich auf bestimmte Weltregionen – Asien, Afghanistan, Arabien, Afrika, Süd- und Lateinamerika, Russland, Ukraine, Türkei.

          Wenn ich sage: Wir senden einfach in alle Welt, ist das eventuell nicht besonders erfolgreich. Sich auf bestimmte Regionen zu konzentrieren, erscheint mir da sinnvoller. Wir sehen die Welt aber vor allem thematisch. Migration, Flucht, Terror, Propaganda, Menschen- und Frauenrechte, Klimawandel, Fake News – das sind die Stichworte für uns. Waren wir früher vielleicht eher in der südlichen Hemisphäre gefragt, ist es heute auch Mittel- und Osteuropa und der Balkan.

          Ihre jüngste Idee ist ein Fernsehprogramm für die Türkei, DW Turk.

          DW Turk ist nur der Arbeitstitel. Wir haben zunächst ein Büro in Istanbul eröffnet, weil wir uns sicher sind, dass wir in der Türkei präsenter sein müssen. Wir haben ja schon ein türkisches Internetangebot. DW Turk würden wir gerne mit internationalen Partnern verwirklichen. Wir bringen zuerst einmal ein türkisches Youtube-Angebot an den Start, ein lineares Fernsehangebot könnte dann folgen.

          Und welchen Zweck verfolgen Sie?

          Das ist meines Erachtens geboten, weil sich die Lage der Pressefreiheit in der Türkei radikal verschlechtert hat und wir eine Brückenfunktion haben zwischen den türkischen Communitys und der Türkei. Wir müssen hier wieder ins Gespräch kommen. Der Bundestag hat uns erfreulicherweise eine Anschubfinanzierung dafür bewilligt. Ende des Jahres soll das Konzept ausgearbeitet sein, Mitte des nächsten Jahres wollen wir dann loslegen.

          Ist das auch eine Reaktion auf die Politik des türkischen Präsidenten Erdogan?

          Ja, auch. In der Türkei gilt es, ein Informationsvakuum zu füllen. Wir sind aber nicht so vermessen, uns einzubilden, wir seien die einzigen, die es füllen könnten. Das ist die Kardinalaufgabe internationaler Sender, dort Informationen zu verbreiten, wo unabhängige Berichterstattung blockiert und unterdrückt wird.

          Wer sind die größten Widersacher der Deutschen Welle? Wo werden Sie am stärksten bekämpft und am Senden gehindert? China, Iran, Russland fielen mir da ein.

          Die Länder, die uns aktiv blockieren, sind China und Iran. Ich werde nicht müde, allen, die mit diesen beiden Ländern zu tun haben, zu verdeutlichen, dass dies ein unfreundlicher Akt ist – der eigenen Bevölkerung gegenüber, der man offenbar nicht zutraut, mit dem Programm des deutschen Auslandsrundfunks umzugehen, und der Bundesrepublik gegenüber selbstverständlich auch. Die Total-Blockade der Chinesen ist nicht hinnehmbar. Die Reaktionen von Nutzern aus China und Iran, die uns auf Umwegen online empfangen, zeigen, wie wichtig es ist, dort präsent zu sein.

          Und Russland?

          Was die Russen angeht, stellen wir fest, dass es starke Desinformationskampagnen gibt. Auf der anderen Seite muss man anerkennen, dass unsere Programme online und im Fernsehen nicht unterdrückt werden. Wir können senden und unsere Korrespondenten können sich in dem Maß frei bewegen, in dem das in Russland generell möglich ist. Was die Bedeutung des Auslandsrundfunks angeht, erzähle ich gern von einem Treffen, das ich vor einigen Jahren mit Lech Walesa hatte. Er umarmte mich, wie es seine Art ist, und sagte: Ohne euch, die Deutsche Welle, ohne die BBC, ohne die Voice of America hätten wir die Revolution nicht geschafft.

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