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Deutsche Welle : „Wir sind dort, wo unabhängige Berichterstattung fehlt“

Wenn ich sage: Wir senden einfach in alle Welt, ist das eventuell nicht besonders erfolgreich. Sich auf bestimmte Regionen zu konzentrieren, erscheint mir da sinnvoller. Wir sehen die Welt aber vor allem thematisch. Migration, Flucht, Terror, Propaganda, Menschen- und Frauenrechte, Klimawandel, Fake News – das sind die Stichworte für uns. Waren wir früher vielleicht eher in der südlichen Hemisphäre gefragt, ist es heute auch Mittel- und Osteuropa und der Balkan.

Ihre jüngste Idee ist ein Fernsehprogramm für die Türkei, DW Turk.

DW Turk ist nur der Arbeitstitel. Wir haben zunächst ein Büro in Istanbul eröffnet, weil wir uns sicher sind, dass wir in der Türkei präsenter sein müssen. Wir haben ja schon ein türkisches Internetangebot. DW Turk würden wir gerne mit internationalen Partnern verwirklichen. Wir bringen zuerst einmal ein türkisches Youtube-Angebot an den Start, ein lineares Fernsehangebot könnte dann folgen.

Und welchen Zweck verfolgen Sie?

Das ist meines Erachtens geboten, weil sich die Lage der Pressefreiheit in der Türkei radikal verschlechtert hat und wir eine Brückenfunktion haben zwischen den türkischen Communitys und der Türkei. Wir müssen hier wieder ins Gespräch kommen. Der Bundestag hat uns erfreulicherweise eine Anschubfinanzierung dafür bewilligt. Ende des Jahres soll das Konzept ausgearbeitet sein, Mitte des nächsten Jahres wollen wir dann loslegen.

Ist das auch eine Reaktion auf die Politik des türkischen Präsidenten Erdogan?

Ja, auch. In der Türkei gilt es, ein Informationsvakuum zu füllen. Wir sind aber nicht so vermessen, uns einzubilden, wir seien die einzigen, die es füllen könnten. Das ist die Kardinalaufgabe internationaler Sender, dort Informationen zu verbreiten, wo unabhängige Berichterstattung blockiert und unterdrückt wird.

Wer sind die größten Widersacher der Deutschen Welle? Wo werden Sie am stärksten bekämpft und am Senden gehindert? China, Iran, Russland fielen mir da ein.

Die Länder, die uns aktiv blockieren, sind China und Iran. Ich werde nicht müde, allen, die mit diesen beiden Ländern zu tun haben, zu verdeutlichen, dass dies ein unfreundlicher Akt ist – der eigenen Bevölkerung gegenüber, der man offenbar nicht zutraut, mit dem Programm des deutschen Auslandsrundfunks umzugehen, und der Bundesrepublik gegenüber selbstverständlich auch. Die Total-Blockade der Chinesen ist nicht hinnehmbar. Die Reaktionen von Nutzern aus China und Iran, die uns auf Umwegen online empfangen, zeigen, wie wichtig es ist, dort präsent zu sein.

Und Russland?

Was die Russen angeht, stellen wir fest, dass es starke Desinformationskampagnen gibt. Auf der anderen Seite muss man anerkennen, dass unsere Programme online und im Fernsehen nicht unterdrückt werden. Wir können senden und unsere Korrespondenten können sich in dem Maß frei bewegen, in dem das in Russland generell möglich ist. Was die Bedeutung des Auslandsrundfunks angeht, erzähle ich gern von einem Treffen, das ich vor einigen Jahren mit Lech Walesa hatte. Er umarmte mich, wie es seine Art ist, und sagte: Ohne euch, die Deutsche Welle, ohne die BBC, ohne die Voice of America hätten wir die Revolution nicht geschafft.

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