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Deutsche Welle : Der Intendant war nicht der Entführer

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Der Falsche: Hans Wesemann war Gestapo-Agent und entführte den Publizisten Berthold Jacob Bild: Archiv

Hans Otto Wesemann, erster Intendant der Deutschen Welle, wurde jüngst verdächtigt, für den KGB und die Gestapo spioniert und einen Juden entführt zu haben. Der Verdacht der Entführung ist falsch.

          Hans Otto Wesemann, der erste Intendant der Deutschen Welle, war ein Gestapo-Agent und KGB-Spion. Dies jedenfalls schreibt der ehemalige „Spiegel“-Redakteur Peter Ferdinand Koch in seinem Buch „Enttarnt“, das im April dieses Jahres erschienen ist. So soll Hans Otto Wesemann im Auftrag des NS-Geheimdienstes 1935 den bekannten jüdischen Publizisten Berthold Jacob aus der Schweiz entführt haben und nach dem Krieg vom KGB angeworben worden sein. Kochs Behauptungen wurden in der Presse in Deutschland und der Schweiz mit großem Interesse aufgenommen (F.A.Z. vom 14. April). In der Schweizer „Weltwoche“ prangte ein Foto von Hans Otto Wesemann mit der Unterschrift: „Sein Wesen gleicht dem eines Ungeheuers. Journalist Wesemann 1963.“

          Die Deutsche Welle reagierte reserviert, dementierte aber nicht: „Schon vor seiner Wahl zum Intendanten gab es Mutmaßungen, dass Wesemann in der NS-Zeit eine zweifelhafte Rolle gespielt habe“, sagte der Pressesprecher der Senders, Johannes Hoffmann. Die gegen Wesemann erhobenen Vorwürfe ließen sich jedoch anhand der Informationen, die dem Sender vorlägen, nicht eindeutig klären.

          Der Entführte starb nach jahrelanger Gestapo-Haft

          Die Annahme, Hans Otto Wesemann sei für die Gestapo tätig gewesen, ist nicht neu: Schon 1998 hatte Erich Schmidt-Eenboom in seinem Buch „Undercover - Der BND und die deutschen Journalisten“ die Entführung Berthold Jacobs mit Hans Otto Wesemann in Verbindung gebracht. Die Geschichte klingt spannend und ist filmreif: Der jüdische Publizist Berthold Jacob war wegen seiner kritischen Artikel den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Er war aus Deutschland nach Frankreich geflohen. Nun brauchte er dringend einen neuen Pass. Ein alter Bekannter und ehemaliger Kollege versprach zu helfen und lockte ihn in die Schweiz. Nach einem gemeinsamen feucht-fröhlichen Mahl im Basler Lokal „Schiefes Eck“ fuhren beide am 9. März 1935 in einem Auto los, angeblich zur Unterzeichnung wichtiger Papiere in eine Wohnung im Vorort Riehen. Doch der Weg wurde immer länger, und plötzlich wurde Berthold Jacob vom Ausruf „Halt, Grenze!“ eines deutschen Beamten jäh aus seinem Schlummer gerissen. Als sich herausstellte, dass er keinen gültigen Pass besaß, wurde Jacob festgenommen. Viel zu spät erkannte er, dass er in eine Falle gelockt worden war. Jacob wurde zwei Tage später in die Berliner Gestapo-Zentrale gebracht und dort unter Folter verhört. Sein Entführer reiste entspannt mit seiner Geliebten für einen Kurzurlaub nach Italien.

          Doch das plötzliche Verschwinden von Berthold Jacob sorgte für heftigen Wirbel in der Öffentlichkeit: Tageszeitungen in Frankreich, Großbritannien und der Schweiz berichteten über den Fall. In allen Schweizer Polizeistationen lag bald eine Personenbeschreibung des Entführers samt Suchmeldung vor. Bei seiner Rückkehr aus Italien wurden er und seine Begleiterin festgenommen. Der Entführer wurde in Basel vor Gericht gestellt und im Mai 1936 wegen Menschenraubs zu drei Jahren Haft verurteilt. Berthold Jacob kam aufgrund des internationalen Aufsehens seiner Entführung am 17. September 1935 aus der Gestapo-Haft frei. Er ging in die Schweiz, die ihn nach Frankreich auswies. 1941 wurde er auf seiner Flucht in Portugal abermals von den Deutschen verhaftet und im Gestapo-Gefängnis in Berlin inhaftiert, er starb im Februar 1944 an den Folgen einer Tuberkulose.

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