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Deutsche Comics : Sittliche Gefährdung nicht ausgeschlossen

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Lupo modern. Grünwald bei München: Kauka-Verl., 1965 Bild: Rolf Kauka 1953/2000 & Promedia, Inc. 2001/2008. -Alle Rechte vorbehalten! Kauka Official: ANDROMEDA CENTRAL

Hatte man uns nicht verboten, diesen Unsinn zu lesen? Die Deutsche Nationalbibliothek feiert den sechzigsten Geburtstag des deutschen Comics mit einer Ausstellung.

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          Der Kaugummi kam im Marschgepäck amerikanischer Soldaten nach Deutschland. Doch er war nicht das Einzige, was die GIs mit den Besetzten und späteren Verbündeten teilten. Sie brachten den Comic in das Heimatland Wilhelm Buschs. Die Deutschen kamen schnell auf den Geschmack. Bald griff man selbst zu Zeichenstift und -feder, und das neue Medium wurde heimisch.

          Die Entwicklung seit diesen Anfängen zeigt nun die Ausstellung „Comics made in Germany - 60 Jahre Comics aus Deutschland“. Gemeinsam schlagen die Nationalbibliothek Frankfurt und das Institut für Jugendbuchforschung der Frankfurter Goethe-Universität den Bogen von den ersten Sprechblasen in Westdeutschland bis zur aktuellen Manga-Kunst nach japanischem Vorbild.

          Vergessener „Stips“

          Besucher jedes Alters werden unter dem Glas der Vitrinen alte Bekannte wiedersehen und Neues entdecken. Nick Knatterton, der Meisterdetektiv, erblickte 1950 das Licht der Welt und ist dank zahlreicher Nachdrucke auch heute weiterhin bekannt. Doch wer erinnert sich noch an „Bumm macht das Rennen!“? Noch vor der Währungsreform erschienen, war dieses Comic-Heft das erste, das vollständig aus der Feder eines deutschen Autors - Klaus Pielert - stammte. Auch Max Ottos skurril-phantastische Reiseabenteuer, deren Held „Stips“ im gleichnamigen Comic seit 1952 die Welt entdeckte, sind weitgehend in Vergessenheit geraten.

          Bob Heinz: Jan Maat. Die beliebte Jugendzeitschrift. Nr. 34. Hannover: Lehning, [1957]

          Umso bedauerlicher ist es, dass die Lesereise durch die deutsche Comic-Vergangenheit zügig durch die Jahrzehnte schreitet - zu gering ist die Fläche, die dem Ausstellungsprojekt zur Verfügung steht, als dass einzelnen Themen mehr als der minimal notwendige Platz eingeräumt werden könnte. Schnell geht es durch die fünfziger Jahre, vorbei an Geschichtsadaptionen („Sigurd, der Ritter ohne Furcht und Tadel“), kolonialen Abenteuergeschichten („Tibor, Sohn des Dschungels“) und Wildwest-Adaptionen („Texasreiter Hot Jerry“), und somit auch durch die Zeit der ersten Comic-Zensur, sowohl in West- als auch in Ostdeutschland. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften beurteilte das junge Medium als „Massenerscheinung mit Gewöhnungstendenz“ - inklusive geistiger und sittlicher Gefährdung. Ähnlich argumentierte man in Ostdeutschland. Hier wurde der Comic zur Ausdrucksform dekadenter Massenkultur und imperialistischen Ungeistes erklärt.

          Das Genre wurde erwachsen

          Doch der Comic-Boom war nicht aufzuhalten. Das Studio Rolf Kauka prägte im Westen mit „Fix und Foxi“ und weiteren Publikationen die sechziger Jahre, im Osten war „Mosaik“ mit seinen Helden Dig, Dag und Digedag ein Massenphänomen. Neue Kunstströmungen fanden Eingang, die Achtundsechziger hinterließen ihre geistigen Spuren, satirische Comics entstanden: Das Genre wurde erwachsen. In den achtziger Jahren hielten gleichzeitig jugendliche Subkulturen - die Schwulenbewegung durch die Comics Ralf Königs, die Null-Bock-Generation durch „Werner“ - und mit den Graphic Novels literarische Themen Einzug. Auch der Krimi fand seinen Platz, wie der Band „Wer ist eigentlich Harry?“ aus der Comic-Reihe „Derrick“ amüsant demonstriert.

          Nach den Ottifanten, den wohl populärsten Vertretern des Subgenres der „Funny Animals“, ist der Zeitreisende in Sachen Comics dann schon bei Walter Moers' „Blaubär“ gelandet und damit am Ausklang des Jahrtausends. Walter Moers' Satiren „Das kleine Arschloch“ und „Adolf“ stehen neben ihrem kommerziellen Erfolg auch für ein selbstbewusstes Auftreten des Mediums Comic, das neben inhaltlicher Provokation auch diffizile gesellschaftliche Themen, wie in Anke Feuchtenbergers und Katrin de Vries' „Die Hure H.“, nicht mehr scheut. Dem Ausblick auf aktuelle Strömungen wie der Adaption der japanischen Mangas und der Weiterentwicklung der Graphic Novels schließt sich noch ein Bonbon für Freunde der Neuen Frankfurter Schule an: Den einheimischen Bildhumoristen wurde eine eigene Station gewidmet.

          Nach dieser Hochgeschwindigkeitsreise durch sechzig Jahre Geschichte des Genres steht fest, dass der Comic ein Kulturgut ist, dessen bisherige Vergangenheit spannende und viele bislang unbekannte Kapitel bereithält. Daraus resultiert, dass es weiterer Ausstellungen bedarf, die dem Thema mehr Raum bieten können, als es die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt vermag.

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