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Deutsche Ausgabe von „Interview“ : Die Kristallkugel von Charlottenburg

  • -Aktualisiert am

Das Cover der ersten deutschen Ausgabe ziert die Sängerin Lana Del Rey Bild: dpa

Andy Warhol hat das Magazin einst erfunden, über Moskau kommt es jetzt auch nach Berlin: An diesem Freitag erscheint die erste deutsche Ausgabe von „Interview“.

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          Wenn jemandem ein Magazin namens „Interview“ gehört, dann ist es nicht überraschend, dass dieser jemand die Journalistenmarotte kennt, in Gesprächen anhand von Körpersprache und Stimmlage etwas über die vermeintliche Gefühlswelt des Befragten erraten zu wollen. Wohl deswegen legt Bernd Runge im Gespräch (per Telefon aus Moskau) größten Wert auf die Feststellung, er sei zur Zeit „sehr, sehr entspannt“.

          Dass ihm das so wichtig ist, hat wohl damit zu tun, dass er sich neben seinem Job als Chef des Kunstauktionshauses Phillips de Pury eine Aufgabe gestellt hat, die für den Außenstehenden erst mal vor allem risikofreudig wirkt: Ohne einen großen Verlag im Rücken, hat Runge, zum Teil mit eigenem Geld, vor sechs Monaten damit begonnen, eine deutsch- und eine russischsprachige Ausgabe des amerikanischen „Interview“-Magazins auf den Markt vorzubereiten, zu „lancieren“, wie das auf Mediendeutsch heißt.

          „Interview“ wurde ursprünglich 1969 in New York von Andy Warhol gegründet und erarbeitete sich damals als Hauspostille des „Studio 54“ den Spitznamen „The Crystal Ball of Pop“. Warhol selbst agierte ein gutes Jahrzehnt lang nicht nur als Schutzpatron des Magazins, sondern etablierte auch dessen typisches Artikelformat, indem er verschiedenste Berühmtheiten nicht von kritischen Journalisten befragen ließ, sondern sie in betont oberflächliche, oft beim abendlichen Ausgehen geführte Gespräche von Celebrity zu Celebrity verwickelte, deren Abschriften dann unredigiert ins Heft gepackt wurden. Ein Gespräch zwischen „Interview“-Mitarbeiterin Candy Darling und Ray Davies, dem Sänger der Kinks, liest sich beispielsweise streckenweise so: „Candy: Wie groß bist du, Ray? Ray: Mit Schuhen? Nicht sehr groß. Candy: Fünf Fuß und zehn Zoll? Ray: Ich bin ehrlich gesagt fast sechs Fuß groß. Candy: Das ist ziemlich groß. Ray: Fünf Fuß und elfdreiviertel Zoll.“ Und so weiter.

          Superstars

          Wo sich der Boulevardjournalismus bis dahin an den gleichen Hierarchiemodellen orientiert hatte wie die Welt, über die er schrieb, da fand Warhol zwar Gefallen an Truman Capote oder dem jungen Michael Jackson, stellte sie aber auf eine Stufe mit seinen „Superstars“, Persönlichkeiten, die allein deswegen zur Berühmtheit wurden, weil er selbst sie dazu erklärt hatte. Für den als fast krankhaft scheu bekannten Warhol wurde das Magazin zum Beweis für die eigene Deutungsmacht und zur Streicheleinheit für das Selbstbewusstsein.

          Die Herausgeber Wladislaw Doronin und Bernd Runge
          Die Herausgeber Wladislaw Doronin und Bernd Runge : Bild: Interview Magazine

          Als wäre der Transport einer der glitzerndsten Marken der Branche nach Berlin noch nicht Herausforderung genug, muss Runge zusätzlich auch deswegen besonders viel Selbstbewusstsein ausstrahlen, weil er eine Vergangenheit hat im Hochglanzmagazingeschäft. Als Deutschlandchef des amerikanischen Verlags Condé Nast war er es, der 2008 „Vanity Fair“ nach Deutschland brachte, aber zwei Jahre später von allen Funktionen im Verlag zurücktrat - „aus persönlichen Gründen“ zwar, doch vor dem Hintergrund stagnierender Auflagenzahlen und allgemein schlechter Aussichten. (Zwei Monate später wurde das Magazin per Order aus Amerika ganz eingestellt.) Runge glaubt bis heute, man sei damals eigentlich auf einem guten Weg gewesen und nur wegen der allzu kurzatmigen, amerikanischen Geldgeber gescheitert. Und überhaupt könne man „Vanity Fair“ als wöchentlichen Titel nicht mit „Interview“ vergleichen, für das zehn Ausgaben im Jahr geplant sind. Trotzdem, so unähnlich sind die Vorzeichen von damals und heute nicht: In beiden Fällen sollen legendäre amerikanische Magazintitel lizensiert und mit deutlich kleineren Teams in einen deutlich kleineren deutschen Markt gehoben werden, von dem keiner so genau weiß, ob er an Prestige und Glamour ausreichend Interesse hat und überhaupt genügend kompatibles Personal. In beiden Fällen wurde außerdem das Ziel etwa damit umrissen, in einem Heft „Mode und Glamour mit Kunst, Kultur und inhaltlicher Substanz“ zu vereinen, eine gutklingende Ambition, die aber in Deutschland sonst vor allem Friseursalonmöbel wie „Sleek“ oder „Qvest“ hervorgebracht hat.

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