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Deutsche Ausgabe von „Interview“ : Die Kristallkugel von Charlottenburg

  • -Aktualisiert am

Dass zum Beispiel Naomi Campbell - von deren journalistischer Begabung man denken kann, was man will, seit sie sich in einem Interview mit Wladimir Putin auf Fragen nach dessen körperlicher Fitness beschränkte - wohl auch deswegen eine Kolumne bekommt, weil sie mit dem russischen Bauunternehmer Wladislaw Doronin (neben Runge der zweite große Geldgeber) liiert ist, wäre anderswo vielleicht erklärungsbedürftig, passt hier aber ins Konzept. Und bleibt auch konsequent unerwähnt.

Geister

Die Marketingfloskel von der „gleichen DNA“ der verschiedenen „Interview“-Titel scheint die ganze Sache ausnahmsweise mal ganz gut zu treffen, weist aber auch auf das einzige Problem dieser ersten Ausgabe hin: Während der Geist der Warholschen „Interview“ durch die Redaktion schwirrt wie die Erinnerung an einen bewunderten, aber schon länger verstorbenen Großvater, ist das Verwandtschaftsverhältnis zur heutigen amerikanischen Ausgabe nicht so klar. Die gehört inzwischen dem Papier-Milliardär Peter Brant und ist unter der Leitung ihres gegenwärtigen Editorial Directors Fabién Baron zwar wieder bekannt, aber auch ziemlich uninteressant geworden.

Einige große Beiträge in dieser ersten Ausgabe sind aus aktuellen Ausgaben der amerikanischen „Interview“ übernommen. Das ist dann mal mehr (Nicki Minaj und Donatella Versace) und mal weniger (Angelina Jolie und Clint Eastwood) banal und verleiht natürlich, wie Jörg Rohleder die Wahl begründet, „Zugang zu Stars, mit denen man als deutscher Journalist sonst nur zwanzig Minuten im Hotelzimmer bekommt“. Es verwirrt aber auch das ohnehin komplizierte „Interview“-Familiengeflecht noch weiter. Wenn in Berlin zu viele Artikel wie aufgetragene Pullis vom großen, amerikanischen Bruder geerbt werden, dann mag das dem Leser zwar im Einzelnen tatsächlich egal sein, könnte aber auf lange Sicht auch als Aufweichung der gesunden Eitelkeit verstanden werden, die damals Warhols „Interview“ legendär und heute die deutsche „Interview“ erfolgreich machen könnte. Wenn schon alle „Interviews“ die gleichen Gene haben müssen, dann soll die deutsche Ausgabe, wenn man sich mal was wünschen darf, doch bitte nicht der kleine Bruder, sondern der etwas missratene Halbcousin sein, der beim Weihnachtsessen zwar pikiert, aber irgendwie auch fasziniert angestarrt wird.

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