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Videokonzert im Fernsehen : Den Gesang der Engel hört man auch im Lager

Allein im Musiktempel: Antje Weithaas und Thomas Hoppe spielen Beethoven. Bild: Peter Adamik

Die Deutsche Welle sendet ein deutsch-russisches Videokonzert zum Gedenken ans Ende des Zweiten Weltkriegs. Es wurde in leeren Konzertsälen in Berlin, Moskau und Sankt Petersburg aufgezeichnet und will auch durch die Quarantäne helfen.

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          Eigentlich sollte das Deutsch-Russische Jugendorchester zum 75. Jahrestag des Weltkriegsendes in Berlin und Moskau Konzerte geben mit einem Beethoven-Schwerpunkt und einer Neukomposition der Russin Olga Botschichina. Doch wann wieder echte Orchester zusammen spielen können, steht vorerst in den Sternen. Ersatzweise haben sich jetzt junge Instrumentalsolisten aus beiden Ländern zu einem Videokonzert zusammengetan, das, produziert von der Berliner Musikprojektfirma RCCR und unterstützt vom Auswärtigen Amt, heute im Fernsehprogramm der Deutschen Welle sowie im russischen Sender TV-Kultura übertragen wird. Für die durch Grußbotschaften der beiden Außenminister zum Andenken an den Zweiten Weltkrieg eröffnete Konzertbrücke namens „Gemeinsam in schwierigen Zeiten“ trafen sich kleine Ensembles im seit Wochen leerstehenden Berliner Konzerthaus, in der Moskauer Philharmonie und im Petersburger Mariinsky-Theater, um mit dem vom Infektionsschutz geforderten Mindestabstand voneinander zu musizieren.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der russischen Version wird die emotionale Temperatur noch dadurch erhöht, dass Martin Wuttke zwischen den Musiknummern Verse aus Ingeborg Bachmanns „Gestundeter Zeit“ und die im Februar 1945 entstandene Vierte Nordische Elegie von Anna Achmatowa rezitiert. Außerdem intoniert die Schauspielerin Jelisaweta Bojarskaja das Durchhaltegedicht „Ich rede zu dir im Pfeifen der Geschosse“ der Leningrader Schriftstellerin Olga Bergholz, die während der Blockade die Radiostimme der Stadt war. Der Dirigent und Mariinsky-Hausherr Valery Gergiev erklärt, dass in dieser „erschreckenden“ Zeit, da das Konzertleben stillsteht und viele Menschen ihre Wohnungen nicht verlassen können, große Musik allen helfen könne, das zu überstehen. Russland meldet in jüngster Zeit täglich fünfstellige Zahlen von Neuinfektionen, in Moskau darf man ohne elektronischen Passierschein gar nicht auf die Straße.

          Der Komponist in Kriegsgefangschaft

          Der Hauptteil des Konzerts erklingt von der stimmungsvoll erleuchteten Bühne des dunklen Konzerthaussaals. Zur Einstimmung spielt der Pianist Martin Helmchen die Sinfonia der zweiten Partita in c-Moll von Johann Sebastian Bach: konzentriert, mit ernstem Gewicht und kompaktem Klang. Ihm folgt der Cellist Jens Peter Maintz, der das Präludium von Bachs fünfter Cello-Suite in c-Moll expressiv als schmerzlich zerklüftetes Rezitativ interpretiert.

          Frühlingshymnus: Der Trompeter Timur Martynow und Pianist Andrej Telkow spielen Rachmaninow.

          Beethoven ist durch ein Duo-Spitzenwerk, seine symphonisch ausladende „Kreutzer-Sonate“ vertreten. Die Geigerin Antje Weithaas und Thomas Hoppe am Klavier geben den turbulenten Presto-Satz, eine feurige Tarantella, risikofreudig und mit schier ungezügeltem Bewegungsdrang. Als todlustiges böses Tänzchen stimmen sodann die Cellistin Vashti Hunter und Nikolaus Rexroth am Flügel das Scherzo der Sonate von Dmitri Schostakowitsch für Cello und Klavier aus dem Jahr 1934 an. Es ist eine hintergründige Bekenntnismusik, mit sarkastisch-grellen Schlägen im Klavierdiskant, die ans Knochenklappern eines Xylophons erinnern, und Flageolett-Glissandi des Cellos, durch die schlimme Schatten spuken.

          Unmittelbar ins Kriegsgeschehen führt das „Quatuor pour la Fin du Temps“ von Olivier Messiaen, das der junge Komponist 1941 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager bei Görlitz schrieb, wohin er als französischer Armeeangehöriger geraten war. Die Geigerin Sayako Kusaka, der Cellist Taneli Turunen, der Klarinettist Ralf Forster und Pianist Helmchen geben daraus die Vokalise für den Engel, der das Ende der Zeit verkündet, ein fahler Gesang der parallel geführten Streichinstrumente, die aus einander bekämpfenden Stimmen hervorwachsen.

          Die russischen Partner setzen vor allem hoffnungsvolle Akzente. Der Pianist Denis Mazujew, der seine Hörer mahnt, weiter zu Hause zu bleiben – und dabei Musik als Therapie empfiehlt –, spielt einsam in der abgedunkelten Moskauer Philharmonie den schüchtern und verträumt singenden „Mai“ aus Peter Tschaikowskys „Jahreszeiten“. Dann intonieren in Sankt Petersburg Mariinsky-Musiker die „Promenade“ und die „Tuilerien“ aus den Bildern einer Ausstellung von Modest Mussorgski, in einer Bearbeitung für vier Bläser. Das Schlusswort spricht der Trompeter Timur Martynow, den Andrej Telkow am Klavier begleitet, mit einer Transkription von Sergej Rachmaninows „Frühlingsgewässern“, einem Hymnus auf die sich erneuernde Natur.

          Im deutschen Kanal der Deutschen Welle heute um 14.45 Uhr, im englischen Kanal um 21.15 Uhr.

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