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„Derrick“ im Spiegel der Kritik : Der deutsche Zivilist als Welterfolg

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Das deutsche Gewissen: Horst Tappert als „Derrick” Bild: dpa

Die erste Folge bot 1974 nach Ansicht des Rezensenten „nichts Neues“. Dennoch wurde „Derrick“ zum internationalen Dauerbrenner und Horst Tappert zum Star: das Phänomen „Derrick“ im Spiegel der F.A.Z.-Kritiken.

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          Die erste Folge bot 1974 nach Ansicht des Rezensenten „nichts Neues“. Dennoch wurde „Derrick“ zum internationalen Dauerbrenner und Horst Tappert zum Star: das Phänomen „Derrick“ im Spiegel der F.A.Z.-Kritiken.

          „Bereits nach der ersten Folge der neuen Krimiserie 'Derrick' hat man das Gefühl, daß sie nichts Neues zu bieten haben wird. In den Ankündigungen wurde gesagt, die Serie werde sich vor allem um die Darstellung der Täter und ihrer Motive sowie um die sozialen Hintergründe bemühen, weniger um reißerische Spannung. Doch 'Waldweg' bot da nur die mit gekünstelten Dialogen abgehandelte oberflächliche Studie eines alternden Internatslehrers, der infolge einer allzustarken Bindung an die Mutter wohl nie so recht ein natürliches Verhältnis zu Frauen hatte und deshalb zum Mörder von zwei Mädchen aus seiner Schule wird. (...) Bleibt abzuwarten, welchen 'persönlichen Stil' Autor Herbert Reinecker seinem neuen Kriminalisten für die Serie mit auf den Weg gegeben hat. Bis jetzt ist Derrick eine unpersönliche Figur. Oder ist das Absicht?“ Wolfgang Bittner, 22. Oktober 1974

          „Derrick ist auch in den ärmeren Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas ein Exporterfolg. Das gibt zu denken. Denn diese Serie ist in Konkurrenz zum Phantastisch-Spekulativen des Action-Krimis ein so enges Bündnis mit dem ästhetischen Realismus eingegangen, daß sie als großer Dokumentarfilm über den Alltag der Deutschen mißverstanden werden kann. Als Spezialist für die Kriminalität der Besserverdienenden in einem der reichsten Länder der Erde muß Derrick, wenn er dem Immobilienhändler in der Ledercouchecke vor dem Hintergrund der Dachterrasse zusetzt, von den Armen der Welt als Expeditionsleiter durch ein fernes, aber erreichbares Schlaraffenland wahrgenommen werden. In allen künftigen soziologischen Studien zum Einfluß, den das Bild der Deutschen in den internationalen Medien auf die Ströme von Asylsuchenden hat, ist Derrick ein Platz sicher. (...) Derrick ist der deutsche Zivilist als Welterfolg, ja er ist ein Botschafter deutscher Harmlosigkeit. Denn wenn das Böse in Deutschland so beschaffen ist, daß es durch die schlichten psychologischen Tricks, die Derrick auf Lager hat, gebändigt werden kann, muß man vor dieser Nation auch nach ihrer Wiedervereinigung wahrhaftig keine Angst mehr haben.“ Lothar Müller, 9. Januar 1998

          „Derrick verkörpert nicht das Gesetz, sondern das Gewissen. Am Anfang war er noch etwas ungestüm, wenn es darum ging, das Schuldbekenntnis auf die Lippen des Täters zu zerren. Bald aber wurde er zu einem Vorläufer der Fernsehpfarrer und Talkmaster, die mit sanftem Lächeln in den Abgründen ihrer Gäste nach Bekenntnissen fischen. Weil er sie interpretierte und befragte, konnte er darauf verzichten, seine Opfer zu jagen wie der Kollege Schimanski. Seine Distanzwaffe war das Telefon, nicht der Revolver, sein Nahkampfinstrument die Brille, hinter der die Augen unerbittlich auf dem Täter ruhten. Es kam ihm entgegen, daß er zum Spezialisten für die Kriminalität der Besserverdienenden wurde. Denn nie hatte er Lust auf Schlägereien, stets zog er die beunruhigende Andeutung der deutlichen Drohgebärde vor. Indem er als Inkarnation des schlechten Gewissens seiner Opfer agierte und das Innere der Täter nach außen kehrte, förderte er Rohmaterial für eine Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik zutage.“ Lothar Müller, 16. Oktober 1998

          „Schon vor Jahren haben die besten Köpfe ihren Denkerschweiß vergossen, um eine Erklärung für das Phänomen „Derrick“ zu finden. Umberto Eco zitierte einen Aufsatzband über „Die Leidenschaften im TV-Serial“ und meint, die darin angestellten Untersuchungen über Leidenschafts-Strategien gäben eine zutreffende Antwort. Eco hält Derrick als Identifikationsfigur, und „Derrick“ als Fernsehspiel, als psychische Konstellation, als Unterhaltung, für die Quintessenz allen Fernsehens, für den Triumph der auf die Spitze getriebenen Mediokrität. Daran halten wir für zutreffend, daß mit Derrick nicht die Banalität des Bösen, sondern die Banalität des Guten dem Zuschauer zugleich die Identifikation, auf der „richtigen“ Seite zu stehen und ein wohliges Überlegenheitsgefühl ermöglicht.“ Dietmar Polaczek, 19. Oktober 1998

          „Am Anfang, vor vielen, vielen Jahren, war Derrick noch zupackend, aggressiv, packte einen Verdächtigen am Mantelkragen, brüllte herum. Diese eher amerikanische Polizeiarbeit aber gab er, wie hier im Zeitraffer zu sehen, schnell auf. Derrick wurde neu erfunden - als melancholischer, gelegentlich verbitterter, aber nie sarkastischer oder gar zynischer Fahnder. Er geriet vielmehr zu dem Repräsentanten des gediegenen Mittelmaßes, zeigte den Menschen in hundertundzwei Ländern, daß man sich vor diesem Deutschen nicht fürchten muß. So wurde Derrick der Diplomat des ruhigen Deutschlands, in dem liebenswerte Polizisten das Leben regeln. Das entspannt die Welt und ist - zum Einschlafen.“ Hans-Heinrich Obuch, 2. April 2004

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