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ZDF-Zweiteiler „Familie!“ : Es ist doch eine Plage mit dieser Sippschaft

  • -Aktualisiert am

Lea Behrwaldt (Iris Berben) besucht ihren Sohn Lennart Behrwaldt (Jürgen Vogel) in seinem renommierten Restaurant. Aber Mutter und Sohn haben kein gutes Verhältnis. Bild: ZDF und Hans-Joachim Pfeiffer

Was bringt ein Zusammenleben mit und ohne Trauschein, mit und ohne Kinder in Berlin mit sich? Der Zweiteiler „Familie!“ möchte ein Verwandtschaftsporträt von heute zeichnen – und zeigt doch nur alte Bekannte.

          Von Familien lässt sich immer wieder trefflich berichten. Ob als Leidensgeschichte, Beispielsammlung der Selbstverwirklichungen oder Quell altersmilder Belanglosigkeit - von den „Manns“ bis zu Rosamunde Pilcher gehen Familiendramen im Fernsehen wie frisch geschnittenes Brot. Wer die drei Stunden „Familie!“, die Dror Zahavi mit Gespür für Nuancen inszeniert, an sich vorbeiziehen lässt, sieht beinahe alle Probleme, die das Zusammenleben mit und ohne Trauschein, mit und ohne Kinder, mit und ohne Patchwork, mit und ohne Vorurteile und mit und ohne goldenen Löffel im Mund heutzutage in Berlin mit sich bringen kann. Die Buchvorlage von Rainer Berg (Drehbuch Johannes Rotter) beeindruckt durch eine Art Vollständigkeitsfimmel. Selbst das Motiv „Dunkle Geheimnisse der Vergangenheit verhindern das Lebensglück“ sowie eine Kriminebenhandlung dürfen nicht fehlen.

          Lennart Behrwaldt (Jürgen Vogel) und Melanie Dombrowski (Anna Maria Mühe) liegen glücklich im Bett ihres neuen Zuhauses. Wird nun wieder alles gut?

          Mit einer Geburt fängt alles an. Während Melanie (Anna Maria Mühe) in den Wehen liegt und der Kindsvater Lennart (Jürgen Vogel) konsterniert schaut, hält die Scheidungsanwältin Dr. Lea Behrwaldt (Iris Berben) ein Plädoyer im Gericht. Familie, führt sie mit großer Dignität aus, könne man sich nicht aussuchen, den Ehepartner schon. Niemand muss sich mehr verurteilen lassen, weil seine Ehe scheitert. Das Schuldprinzip ist abgeschafft. Das lässt ahnen, wie es weitergeht: Lennart fährt aus dem Krankenhaus zu seiner Geliebten Nida (Natalia Belitski).

          Vor dem Nestbau würde der Koch, der sich nur am Herd zu Hause fühlt, am liebsten fliehen. Gewissensbisse plagen nur die junge Frau, die mit ihrer Hände Arbeit - fast in jeder Küchenszene schwingt sie den Schneebesen - in Lennarts Spitzenrestaurant ihre Kinder durchbringt. Die wachsen bei Oma in Litauen nicht nur ohne Mutter, sondern auch ohne Vater auf. Wegen dessen Spielschulden wird Nida erpresst, was Melanies Bruder Jörn (Andreas Guenther) zum nicht einvernehmlichen Geschlechtsverkehr ausnutzt. Jörn ist Barchef im „Lennarts“, und wird, als der Chef nach einem Motorradunfall ausfällt, der auch ein Selbstmordversuch gewesen sein könnte, Geschäftsführer und verliert sofort den Überblick.

          Traumata in Gefühlskälte erstarrt

          Der Zuschauer ist da noch so leidlich dabei. Zumal es weiteren Personen zu folgen gilt. Etwa den herzerwärmend altproletarischen Dombrowskis, der Mutter Courage Doris (Katharina Thalbach) und ihrem Handwerkergatten Dieter (Werner Wölbern), der neben der Familie noch seine Schnapsflasche liebt. Melanie ist nicht nur Mutter eines Säuglings, sondern hat noch einen Sohn aus der Beziehung mit dem verkniffenen Gero (Andreas Pietschmann). In Lennarts Familie dagegen fehlen die männlichen Vorbilder gänzlich. Über den Vater hat seine Mutter sich ausgeschwiegen, die Großmutter (Marie Anne Fliegel) residiert ohne Anhang in einer unbeheizbar wirkenden Villa in Zehlendorf.

          Als Melanie und Lennart mit ihrem Baby dort probeweise Familie spielen, kommt es, wie es kommen muss. Bei den Reichen sind alle Traumata in Gefühlskälte erstarrt; die weniger Begüterten haben zwar auch Probleme, sind aber gerade deswegen auch furchtbar lieb. Sehr viel Dialog, sehr viel Handlungsverwicklung, eine Menge Bilder aus der Küche, die wie bei Jamie Oliver aufgenommen wirken (Kamera Gero Steffen), bringen den Zweiteiler auch nicht weiter. Man kann „Familie!“ gut wegschauen, aber warum sollte man? Die Schauspieler, typgenau gecastet, hat man schon zu oft in ähnlichen Rollen gesehen. Und es wird wohl noch eine Menge weitere, ganz ähnliche Filme mit ihnen geben.

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