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TV-Thriller „Im Tunnel“ : Seht ihr denn das Böse nicht?

  • -Aktualisiert am

Das Unheil naht: Maren (Maria Simon) traut nur ihren eigenen Sinnen. Bild: ZDF / Boris Laewen

In dem Thriller „Im Tunnel“ spielt Maria Simon eine Frau, die glaubt, sie habe den Durchblick. Dabei wird um sie herum alles schwarz. Ist sie Opfer einer Verschwörung oder des Wahnsinns?

          Es gibt Fernsehfilme, die schildern Handlung. Und es gibt welche, die gestalten Bildräume. Für solche ist der Kameramann Ngo The Chau zuständig. Er ist ein Glücksfall. Seine Bilder, vor allem seine dramatische Behandlung des Lichts und der Zeit, das Spiel von Hell und Dunkel, sein Einsatz allein der verschiedenen Flächentexturen im Inneren eines Hauses, der Blick, der immer neue Winkel und Perspektiven findet, all das unterscheidet Ngo The Chau von anderen Kameraleuten. Man meint, der Erfindung oder der Geburt einer Fremdsprache zuzusehen, die sich dem Betrachter unmittelbar erschließt.

          In dem Film „Im Tunnel“, der auf dem Grat zwischen Wirklichkeitswahrnehmung und Wahnvorstellung tanzt, scheinen die Bilder inspiriert von Goya oder Artemisia Gentileschi, von Nachtmahr-Darstellungen der schwarzen Romantik und vom Spiel mit grellen Gesichtsdarstellungen und Realitätspartikeln (Szenenbild Thomas Freudenthal, Schnitt Tina Freitag). Alle Schattierungen von Schwarz scheinen vertreten. Vereinzelte Lichtquellen spielen Hauptrollen. Glasbausteine und Taschenlampen könnte man mit auf die Besetzungsliste stellen. Der Schrecken, um den es hier geht, ist ein realistisch albtraumhafter. Auch das außergewöhnliche Sounddesign von Martin Todsharow trägt zur Beklemmung bei.

          Kein Trost: Mehdi (Carlo Ljubek) hat für Marens (Maria Simon) Verschwörungstheorien nichts übrig.

          Maren Adam (Maria Simon) steht mit ihrer Freundin Iris (Jasmin Gerat) kurz davor, ihr eigenes Café auf St. Pauli zu eröffnen. Ihr Bruder Erik, ein Architekt, hilft bei den Renovierungen. Im Keller hat er einen Tunnel entdeckt, eigentlich ein System gemauerter Röhren, das ihn fasziniert und Leser von H.P. Lovecraft sofort alles Böse vermuten lässt. Zumauern, fordert Maren, bevor sich der Denkmalschutz interessiert. Oder bevor alle möglichen Ghule ans Tageslicht drängen. Als Erik kurz darauf ermordet wird und die Polizei seltsam untätig bleibt, auch Marens Mann Mehdi (Carlo Ljubek) übermäßig beschwichtigend wirkt, keimt in ihr ein Verdacht. Kurz zuvor hatte Erik für die deutsch-russische Entsorgungsfirma Delfexx gearbeitet, die schon einmal in den Fokus von Ermittlungen geraten war. Hatte Erik zu viel herausgefunden über Sondermüllpfuscherei und die Zwischenlagerung atomaren Abfalls? Könnte vielleicht sogar Putin seine Arme der Macht bis in die Unterwelt unter Hamburg ausgestreckt haben?

          Kai Wessel (Regie) und Astrid Ströher (Buch) loten hier in einer neuen Zusammenarbeit mit Maria Simon („Es war einer von uns“, „Silvia S. – Blinde Wut“) einen weiteren psychischen Grenzfall aus. Maria Simon spielte schon eine traumatisierte Frau nach einer Vergewaltigung sowie eine Frau mit unerkannter Psychose, die ihr Kind bedroht und schließlich Amok läuft. Die schonungslos ausgespielte Angstlust sieht man Maria Simon in diesen Rollen an. Hier meint sie, einer Weltverschwörung auf die Spur zu kommen.

          Der Zuschauer bleibt mit ihr lange auf unsicherem Terrain. Offenbar sitzt sie im Gefängnis, sediert, und erzählt ihrer psychiatrischen Gutachterin (Johanna Gastdorf), was zu ihrer Einweisung oder Verhaftung führte. Gesichter verschwimmen, der Ton dringt nur gedämpft durch. Die raffinierte Gestaltung des Films spielt mit der Glaubwürdigkeit der Hauptfigur. „Nie habe ich die Welt so klar gesehen. Ich wusste, wie alles zusammenhängt“, sagt Maren zu Beginn aus dem Off. Das klingt klar und eindeutig, kann aber auch komplett verrückt sein. Doch Marens Perspektive zählt, der Film folgt ihr in den Tunnel.

          Mit jeder Entdeckung von Beweisen benimmt sich Maren erratischer. Im Radio hört sie Konversationsfetzen auf Russisch. Sie wird verfolgt, bewaffnet sich, schirmt das Haus gegen Strahlung ab, flieht schließlich mit ihren verängstigten Kindern. Jeder Versuch, sie durch Vernunft zu überzeugen, führt tiefer in den Wahn. „Im Tunnel“ zeigt aus Sicht der Erkrankten, wie eine Psychose entsteht. Das ist nicht nur ein herausragender Thriller, sondern ein Fernsehereignis als Gesamtkunstwerk aller Mitwirkenden.

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