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ZDF-Film über die Shoah : Sie wurden wieder wie Menschen behandelt

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Die Darsteller mit den Zeitzeugen: Chaim „Harry“ Olmer, Kacper Swietek, Arek Hersh, Tomasz Studzinski, Pascal Fischer, Sir Ben Helfgott, Schmuel „Sam“ Laskier, Marek Wroblewski, Icek „Ike“ Alterman, Jakub Sprenger (von links). Bild: ZDF und HELEN SLOAN SMPSP

Im Sommer 1945 nahmen die Briten 732 Kinder auf, die den Holocaust überlebt hatten. Der ZDF-Film „Die Kinder von Windermere“ erzählt ihre bewegende Geschichte.

          3 Min.

          Ein weiches, weißes Kopfkissen. Die Tafel Schokolade als Betthupferl. Ein Zimmer für sich allein, in beheizten Arbeiterunterkünften, die zwar Baracken ähneln, aber den gerade übermüdet Angekommenen trotzdem fremd sind. Warum gibt es keine Suchscheinwerfer, keinen elektrischen Zaun, keine Wachtürme und Krematorien? Man könnte gehen, wohin man will, aber wohin? Zum Beispiel erst einmal über die Schwelle des Raums, dann eine Tür hinter sich schließen und dann ausruhen. Schritt für Schritt.

          Der Spielfilm „Die Kinder von Windermere“, koproduziert vom ZDF und der BBC, erzählt eine wahre, fast unglaubliche Geschichte, die hundertfach belegt ist. Sie ist ein Beispiel für das humanitäre Engagement der britischen Alliierten, die im Spätsommer 1945 insgesamt 732 Kinder und Jugendliche nach Windermere und andere Orte in Großbritannien holten und ihnen Heimat gaben. Die Überlebenden treffen sich weiter jedes Jahr. Ihre Dankbarkeit für das Land, das ihnen Zuflucht gewährte, ist immer noch grenzenlos.

          Während zahllose „Displaced Persons“ zuweilen am Ort der Vernichtung weiter keine Freizügigkeit erhielten, wurden die Kinder in Windermere auf ein Leben in freien Umständen und mit dem neuen Buch der Bücher vorbereitet: „Mein erstes Zuhause war in England“, so berichtet der Zeuge Schmuel „Sam“ Laskier zum Schluss des Films, als die heute alten Männer die Filmposition der jungen Schauspieler einnehmen: „Ich wurde Bürger eines Staates. Wenn ich meinen britischen Pass zeige, weiß ich, wer ich bin.“ Viele blieben, wie Arek Hersh: „Alles öffnete sich für mich. Ich fühlte mich wieder wie ein Mensch.“ Sir Ben Helfgott, der 1956 und 1960 das britische Team der Gewichtheber anführte und 2018 zum Ritter geschlagen wurde, erzählt, dort Freunde gefunden zu haben. „Das war das Wichtigste in der Not.“

          Thomas Kretschmann spielt den Traumaspezialisten Oscar Friedmann.

          Wie es dazu kommen konnte, zeigt dieser Film ohne Beschönigungen, aber mit entschlossen positivem Grundton. Vertrauen ist eine unbekannte Vorstellung für die Kinder und Jugendlichen, die im August 1945 in der Nähe des idyllischen Lake Windermere in England ankommen. Sie sind Überlebende der Schoa, waren in Auschwitz, Buchenwald, Theresienstadt. Ihr physischer Gesundheitszustand hat sich seit der Befreiung drei Monate zuvor verbessert, der seelische ist verheerend. Begleitet werden sie von George und Edith Lauer (Philipp Christopher und Anna Schumacher), selbst jüdische KZ-Überlebende, die später nach Amerika auswandern.

          Vier Monate gibt man dem Traumaspezialisten Oscar Friedmann (Thomas Kretschmann) Zeit, um die Kinder ins Leben zurückzuholen. Den Jüngsten, die sich stumm an ihre kleine Anführerin klammern, rennen beim Schoßhündchengebell schreiend in den Wald. Salek Falinower (Jakub Jankiewicz) bleibt gleich im Bus sitzen. Wer bei der Ankunft nach seinem Namen gefragt wird, zeigt seine tätowierte Nummer, wie Arek Hershlikovicz (Tomasz Studzinski). Das erste Gemeinschaftsessen endet im Chaos, als sich alle auf das Brot stürzen und flüchten. Der schottische Sporttrainer Jock Lawrence (Iain Glen) lobt zwar die Durchsetzungsfähigkeit beim Fußball, Teamplay aber sei so etwas wie Utopia. Ein Freundschaftsspiel mit der Dorfmannschaft zur Verbesserung der Nachbarschaft ist in weiter Ferne. Kunsttherapeutin Marie Paneth (Romola Garai) erlaubt sich selbst kaum Trauer, als einige schließlich beginnen, ihre Erinnerungen, über die zu sprechen sie sich weigern, in Bildern auszudrücken.

          Nur Chaim Olmer (Kacper Swietek) beharrt auf seinem Namen. Er bedeutet Re-Personalisierung. In einer von vielen unmittelbar anschaulichen Szenen übt der Englischlehrer Rabbi Weiss (Konstantin Frank) mühsam englische Worte mit den Älteren, als einer, dem es die jungen Frauen im Dorf angetan haben, nach der passenden Konversation fragt. Wie stellt man sich vor? „My name is Ben“ (Pascal Fischer). „My name is Sam“ (Marek Wroblewski). „My name is Sala“ (Anna Maciejewska) oder Ike (Jakub Sprenger), Chaim, Arek, Salek. Wir sind jemand.

          In dem Maß, in dem sich die Jugendlichen die neue Sprache aneignen, wächst ihre Zuversicht. Und, so stellt es die sich immer mehr an den „rolling hills“ der Umgebung berauschende Kamera von Wojciech Szepeld dar, ist es die Natur der Freiheit (im doppelten Wortsinn), die wachstumswirksam wird. Die Musik Alex Baranowskis, die von den Celli der Trauer zum „Kaddish“, der jüdischen Totenbeklagung, bis zum fragilen Glasharfenton viele Stimmungen begleitet, trägt viel zur emotionalen Differenzierung des Films bei. Autor Simon Block und Regisseur Michael Samuels gelingt zudem eine angemessene Balance der naturalistischen Deutlichkeit, die bei diesem Thema immer in Frage steht. Zeigt man die Gewalt in den Lagern, wo bekommt sie einen pornographischen Anstrich, was ist Verharmlosung, wie ist das Unvorstellbare szenisch zu fassen?

          „Die Kinder von Windermere“ entscheidet sich für deutliche Leerstellen. Nachts steht der schlaflose Oscar Friedmann, eine Oskar-Schindler-Figur unter den Völkern, vor den Gebäuden, aus denen die Albtraum-Schreie der Kinder dringen. Es gibt keine KZ-Rückblenden. Gelebt wird in die Zukunft. Und aus dem Therapeuten Friedmann wird, als niemand zu ihm kommen und über seine Erlebnisse sprechen will als sein eigenes Lehrteam, vor allem ein Zuhörer. Thomas Kretschmann spielt ihn mit anrührender Durchlässigkeit. Neben ihm beeindruckt der gesamteuropäische Jugendlichencast am nachhaltigsten. Innerhalb des Gedenkprogramms, das zurzeit im Fernsehen an die Befreiung des Lagers Auschwitz erinnert, trägt er nicht weniger zur Aufklärung bei als die Dokumentationen, die aus der Hölle berichten.

          Die Kinder von Windermere läuft heute, am Montag, 27. Januar, um 22.15 Uhr im ZDF. Im Anschluss, um 23.40 Uhr, folgt eine Dokumentation.

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