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ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler : Von unserem Angebot kann Netflix nur träumen

Die Konkurrenz aus dem Netz sieht er als Ansporn, gute deutsche und europäische Produktionen aufzubieten: ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler. Bild: ZDF und Markus Hintzen

Das ZDF setzt weiter auf Jan Böhmermann und will mehr für junge Zuschauer tun. Aber wie sieht für Norbert Himmler Fernsehen in Zeiten der Flüchtlingskrise aus? Ein Gespräch.

          Wissen Sie zufällig, ob Marietta Slomka oder Claus Kleber auch ein Interview mit dem türkischen Präsidenten Erdogan vereinbart haben? Das scheint für deutsche Sender in Mode zu kommen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ich weiß nichts davon, dass so etwas geplant wäre.

          Herr Erdogan hat das ZDF ja schon beschäftigt. Wegen des „Schmähkritik“-Gedichts von Jan Böhmermann hat er Anzeige gegen den Satiriker und gegen Verantwortliche im Sender wegen vermeintlicher Beleidigung gestellt. Sie haben seinerzeit den Beitrag aus der Mediathek genommen. Im Nachhinein: War das die richtige Entscheidung?

          Ich stehe zu meiner Entscheidung. Das „Schmähkritik“-Gedicht von Jan Böhmermann enthielt ins Groteske übersteigerte Behauptungen, die den Unterschied zwischen Satire und Schmähung aufzeigen sollten. Wie das juristisch zu bewerten ist, darüber entscheiden die Gerichte. Für den Prozess bekommt Jan Böhmermann von uns jede Unterstützung im Streit für die Presse- und Kunstfreiheit. Als Programmdirektor habe ich jedoch darauf zu achten, ob das, was wir zeigen, unseren Vorstellungen und Richtlinien entspricht. Mir ging dieser Beitrag programminhaltlich entschieden zu weit. Deshalb habe ich ihn, in Absprache mit dem Intendanten, aus der Mediathek genommen und keine weiteren Ausstrahlungen zugelassen. Bei dieser Entscheidung bleibt es. Ich bin ein großer Fan der Satire, und mit Sendungen wie der „heute show“ und der „Anstalt“ beweisen wir viel Mut. Letztlich aber sind wir als Redakteure verantwortlich für das, was über den Sender geht. Satire soll und muss Grenzen austesten, darüber diskutieren wir jede Woche – was geht und was geht nicht. Das ist ein Spagat und ein sehr kollegiales, aber hartes Ringen.

          Haben Sie das mit Jan Böhmermann besprochen? Er scheint die Entscheidung bis heute für falsch zu halten.

          Natürlich haben wir darüber gesprochen. Wenn Sie genau hinhören, stellen Sie fest, dass er gesagt hat, er habe Verständnis dafür, dass das ZDF den Beitrag aus der Mediathek genommen hat. Ich glaube, er weiß, warum wir so reagieren mussten. Was er selbst von dem Gedicht hält, obliegt seinem eigenen Urteil.

          Bleibt er beim ZDF? Es sieht ganz danach aus: Moderator Jan Böhmermann.

          Mein Eindruck ist, dass Jan Böhmermann die Tragweite der Angelegenheit nicht erfasst hat und überrascht ist von den Folgen.

          Die Tragweite hat niemand von uns ermessen können. Dass das „Schmähkritik“-Gedicht, das ja in einen Kontext eingebunden war, für Kritik sorgen würde, war klar. Dass es die Bundesregierung auf den Plan gerufen und den türkischen Präsidenten veranlasst hat, daraus eine Staatsaffäre zu machen, konnte niemand vorhersehen.

          Inzwischen wirkt diese Satire von Tag zu Tag unbedeutender angesichts der Entwicklung in der Türkei.

          Dass Satire in der Lage ist, den Finger in die Wunde zu legen, macht dieses Beispiel jedenfalls sehr deutlich. Dass Jan Böhmermann sich Erdogan und die Situation in der Türkei vornahm, zeigt auch, dass er das richtige Gespür hat. Über die Form kann man sich trefflich streiten. Satire braucht einen wahren Kern, und von diesem aus muss sie gekonnt und treffend aufspielen.

          Machen Sie mit Jan Böhmermann bei ZDFneo weiter?

          Wir sind gerade in Verhandlungen, und es sieht sehr gut aus.

          Die Welt hat sich in den vergangenen Monaten für die Menschen in diesem Land verändert. Wir haben die Flüchtlingskrise, islamistische Terroranschläge in Deutschland, verheerender noch in Belgien und in Frankreich. Was hat das für Folgen für Ihre Programmgestaltung? Was denken Sie, wenn Sie neue Vorschläge sichten – für Serien, Dramen oder Kriminalfilme?

          Wir bekommen gerade eine ganze Reihe von Vorschlägen fiktionaler Programme zum Großthema Terror. Darin findet sich regelmäßig das Szenario eines verheerenden Terroranschlags in Deutschland. Hier bin ich sehr skeptisch. Es besteht schlichtweg die Gefahr, dass uns die Realität bei der Entwicklung und Umsetzung solcher fiktionalen Stoffe, die gut ein bis eineinhalb Jahre umfasst, einholt. Denken Sie an den Anschlag in Ansbach und an den Amoklauf in München. Ein Fiktionalisieren solcher Ereignisse kann schnell unangemessen wirken.

          Schon bei jedem einzelnen Krimi, erst recht, wenn es um Anschläge geht, stellt sich die Frage, wie das wirkt, heute anders als noch in jüngerer Vergangenheit.

          Wir achten bei unserer Programmgestaltung selbstverständlich auf die gesellschaftlichen Veränderungen und gehen auf sie ein. Am Beispiel des Themas Flüchtlinge lässt sich dies verdeutlichen: Es ist Gegenstand unserer Nachrichten, wird im Informationsprogramm vertieft und ist Thema unserer politischen Magazine und Talkshows. Aber wir müssen noch mehr tun, wir müssen die Konzentration auf aktuelle Ereignisse aufbrechen und uns den Hintergründen widmen. Drei Beispiele aus unterschiedlichen Genres, die dafür geeignet sind: Die Reihe „37 Grad“ beschäftigt sich mit dem Thema Flüchtlinge. Hier geht es um die Frage, wie die Zuwanderer gut integriert werden können, aber auch um das Beispiel einer Bürgerinitiative, die gegen eine Flüchtlingsunterkunft kämpft. Wir planen für die Reihe „Terra X“ einen Dreiteiler zum Thema Migration. Dabei wollen wir die Geschichte der Migration von vor 60000 Jahren bis ins neunzehnte Jahrhundert beleuchten und die Frage beantworten, was uns das heute zu sagen hat. Zudem haben wir Feo Aladag, die Regisseurin des preisgekrönten Films „Die Fremde“, gebeten, uns die Geschichte von einem afrikanischen Flüchtlingsjungen zu erzählen, der alleine in ein Deutschland voller Hilfsbereitschaft, Bürokratie und Anfeindungen kommt.

          Ziehen Sie auch den Aspekt in Betracht, dass es neben dem „Wir schaffen das“ von Angela Merkel die nicht unberechtigte Haltung „Wie schaffen wir das?“ und „Alles schaffen wir nicht“ gibt? Dass die Zuwanderung nicht nur mit den Flüchtlingen, sondern auch mit den Menschen, die schon etwas länger da sind, zu tun hat?

          Das öffentlich-rechtliche Fernsehen und das ZDF haben nach einer anfänglichen Euphorie, die es in der Gesellschaft gegeben hat und die wir abgebildet haben, sehr früh damit begonnen, alle Seiten der Medaille zu beleuchten. Das wird auch die von mir genannten Projekte auszeichnen.

          Sie sind bestrebt, dem fiktionalen Programm des ZDF einen modernen Zuschnitt zu geben, mit neuen Serien, anderen Themen, Typen und anderer Erzählweise. Wenn ich beobachte, wer das goutiert, würde ich sagen: Die Fernsehkritiker freuen sich, aber die ZDF-Zuschauer wollen das gar nicht, etwa eine Kurzserie wie „Morgen hör ich auf“ mit Bastian Pastewka zu Anfang des Jahres.

          Auch diese Verbindung steht: Bastian Pastewka und Susanne Wolff in „Morgen hör ich auf“.

          Einspruch. Ich freue mich über jedes Programm, das Ihnen persönlich gefällt, aber tatsächlich senden wir noch für achtzig Millionen andere potentielle Zuschauer. „Morgen hör ich auf“ mit Bastian Pastewka war die eine Miniserie, die wir gezeigt haben, „Blochin – Die Lebenden und die Toten“ die andere. Damit haben wir ein Publikum von jeweils um die vier Millionen Zuschauern gehabt. Wenn ich das vergleiche mit „Deutschland 83“ bei RTL oder „Die Stadt und die Macht“ in der ARD, glaube ich schon, dass das ZDF erfolgreich anspruchsvolle Miniserien produziert. Das Nebeneinander solcher Programme mit eher eskapistischen Sendungen wird es weiter geben. Für alle finden wir unser Publikum. Und selbst wenn wir solche besonderen Serien exklusiv für ZDFneo machten, dann ist das ein Sender, auf dem wir regelmäßig zwei Millionen Menschen erreichen. Für dieses eher jüngere Publikum lohnt es sich, ebenso hochwertige Inhalte zu produzieren. Und noch etwas: Solche Programme werden vor allem auch in der Mediathek genutzt. Alle Welt lobt Netflix und Amazon, aber wer schaut auf die reichhaltigen Bestände unserer Mediathek? Wenn ich das alles addiere, dann haben wir Einschaltquoten und Abrufzahlen, von denen Netflix und Amazon in Deutschland nur träumen können.

          Netflix und Amazon tun so, als hätten sie Fernsehen neu erfunden und zeigten Filme und Serien, die die Welt noch nicht gesehen hat, besser als alles, was die traditionellen Sender in petto haben, interessanter und besser produziert.

          Es steckt einfach viel Geld drin, das bedeutet aber noch nicht gleich gutes Programm. Amazon sagt: Wir machen Fernsehen, um die Kunden länger auf unserer Plattform zu halten, damit sie am Ende mehr einkaufen. Das ist Mittel zum Zweck. Dabei kommt ab und zu auch Gutes heraus, was uns anspornt. Für uns als ZDF kommt es darauf an, gutes deutsches und europäisches Programm zu gestalten, das in den Erzählformen, Figurenbeschreibungen und in der Dramaturgie weltweit mithalten kann. Von „Morgen hör ich auf“ soll es eine zweite Staffel geben, ebenso setzen wir „Ku’damm 56“ und „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ fort. Dazu kommt eine Reihe von neuen Programmen. Ich nenne einmal allen voran: „Berlin 74 – Same Sky“, eine spannende Spionagegeschichte aus dem Kalten Krieg mit Ben Becker, Sofia Helin, Tom Schilling, modernem Look, internationaler Vermarktung, sehr sehenswert.

          Und warum soll „Berlin 74“ im ZDF besser funktionieren als das beim Publikum ziemlich durchgefallene „Deutschland 83“ bei RTL?

          Auch wenn ich den Tag vor dem Abend lobe: Ich habe alle Folgen der Serie bereits gesehen und kann nur sagen: Das ist ein packendes Programm.

          Rüsten Sie auch bei ZDFneo auf? Ich dachte, der Sender geht angesichts des neuen „Jungen Angebots“, das ARD und ZDF gemeinsam gestalten, auf Sparflamme.

          Im Gegenteil. Es gibt erste Synergien zwischen dem „Jungen Angebot“ und ZDFneo. Wir kaufen gemeinsam internationale Serien an, die bei ZDFneo laufen und dann beim „Jungen Angebot“ ins Netz gestellt werden, als da wären: „Outcast“, „Wayward Pines“ und „Fargo“. Mit diesen Serien richten wir uns an ein Publikum im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte dreißig, hier gibt es also eine Überschneidung. Alle anderen Programme von uns für das junge Angebot richten sich ausschließlich an Jugendliche und junge Erwachsene: Info-, Wissenschafts-und Comedyprogramme.

          Habe ich richtig verstanden: Sie produzieren eigens neu für ZDFneo?

          Wir bauen das fiktionale Programm für die Zielgruppe der Dreißig- bis Fünfzigjährigen weiter aus. Das erste große Projekt heißt „Tempel“ – eine Serie, die in Berlin spielt und sich mit dem befasst, was man Gentrifizierung nennt: Ein junger Mann, gespielt von Ken Duken, kämpft mit seiner Familie – seine Frau sitzt im Rollstuhl – darum, nicht aus dem Haus vertrieben zu werden. Er hat auch beruflich Schwierigkeiten und gleitet zurück in ein mafiöses Boxermilieu, in dem er sich einst herumgetrieben hat. Das ist in jeder Hinsicht fürs Hauptprogramm tauglich, aber eben nur für ZDFneo gemacht. Das fiktionale Programmprofil von ZDFneo werden wir deutlich verstärken: mit eigenen Dramaserien, Krimis und Sitcoms. Das ist der Plan für die nächsten drei Jahre. Das bedeutet, dass ein Batzen Geld in Richtung dieses Programms wandert. Europäische Koproduktionen kommen auch, die Serien „Tabula rasa“ und „Chaussée d’Amour“, die mit belgischen Partnern entstanden sind.

          Die Stammzuschauer des ZDF werden bangen, dass im Hauptprogramm weniger los ist.

          Das geht nun einmal nicht ohne Umverteilung, da unsere Beitragseinnahmen gedeckelt sind. Aber auch in unserem Hauptprogramm laufen neue, moderne Serien, etwa „Das Pubertier“ nach dem Buch von Jan Weiler oder die Geschichte einer jungen Journalistin, die sich in den siebziger Jahren in ihrem Job gegen die Männerwelt durchsetzt. Und im Frühjahr kommt die Verfilmung von Ursula Krechels Roman „Landgericht“.

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