https://www.faz.net/-gqz-99l50

ZDF-Groteske „Schwarzach 23“ : Wenn der Sensenmann Ernte hält

  • -Aktualisiert am

Vollversammlung: Friedrich von Thun, Jockel Tschiersch, Maximilian Brückner, Gundi Ellert und Marlene Morreis (von links) sind die Gang von „Schwarzach“. Bild: ZDF und Barbara Bauriedl

Im ZDF läuft ein Bayern-Western von schwärzestem Humor: „Schwarzach 23 und der Schädel des Saatans“ zeigt einen durchgedrehten Familienclan, dem alle Mittel recht sind.

          Wie ironisch. Gerade hat der Arzt dem unbeliebtesten Maisbauern der Region das Todesurteil in allen Vollstreckungseinzelheiten mitten in dunkler Nacht am Handy vorgetragen – Diagnose Demenz mit Parkinson, in Kürze der Verlust der Sprache, des Orientierungssinns, bald die Einweisung in ein Hospiz – da schlägt der Sensenmann schon zu.

          Bevor Herbi Herbert Zidinger (Andreas Giebel) wild herumtelefonierend reinen Tisch machen kann („in fünf Wochen werde ich Vater“), ereilt den Pestizidpaten, der als Großabnehmer des Sax-Chemie- und Saatgutkonzerns besonders unter den Biobauern verhasst war, ein verfrühtes unschönes Ende zwischen gefällten Kolben und abrasierten Stengeln.

          Doch alles Schreckliche hat auch sein Gutes, so legt es zumindest der schwarzgroteske Humor von „Schwarzach 23 und der Schädel des Saatans“ nahe: Das Pflegeheim bleibt Herbi nun erspart. Und das Pietätsinstitut hat auch wenig Arbeit, denn der Körper des Opfers ist in alle Winde verstreut. Den nach Vogelscheuchenart aufgespießten Schädel findet Anna Germinger (Marlene Morreiss) morgens durch Zufall, als sie ihren Polizistenfreund und seine „Fremdgeh-Barbie“ durch das Maisfeld verfolgt, einen Warnschuss aus der Dienstpistole in die Luft abgibt, solcherart eine sogleich herabstürzende Krähe trifft, aus deren Schnabel ein menschliches Auge rollt, dessen toter Besitzerkopf (sichtbar ein Wachsmodell) wegen der Untreue-Schreierei bislang bloß noch nicht aufgefallen war in diesem blut- und bluesgetränkten Bajuwarenwestern.

          Tiefstes Bayern und Wilder Westen: „Schwarzach 23“ ist nicht der erste Groteskenkrimi, der die beiden miteinander und gewollt durcheinander verknotet. Das parodistische Meisterwerk „Paradies 505“ mit der lakonischen Johanna Bittenbinder und dem Siebziger-Jahre-Breitbeinsheriff Florian Karlheim (Regie Max Färberböck) ist ebenso westernlastig angelegt wie die Eberhofer-Krimis mit Sebastian Bezzel, der vor kurzem auch in der Vertauschungssatire „Falsche Siebziger“ die abgründigen Seiten des niederbayerischen Dorflebens grandios abfeierte. „Schwarzach 23“ fügt dem Bayernwesternmotiv noch eine gewisse „Six Feet Under“-Komponente zu. Die einst und immer noch bahnbrechende Serie von Alan Ball um eine dysfunktionale Bestatterfamilie hat schon viele Serien und Filme inspiriert. In dieser Zusammenarbeit von Christian Jeltsch (Buch) und Matthias Tiefenbacher (Regie) bestimmt eine ähnliche Familienaufstellung die verkrachte Polizistensippe, die in den ersten beiden Folgen der Reihe noch gemeinsam unter dem Dach der titelgebenden Adresse wohnte.

          Kommissar Franz Germinger junior (Maximilian Brückner), von seinen übergriffigen Anverwandten dauergenervt, lebt in „Der Schädel des Saatans“ nun mit seiner Tochter Emma (Stella Föringer) auf dem Campingplatz, wo ihn seine Eltern Franz senior (Friedrich von Thun) und Erika (Gundi Ellert) beschatten, wenn sie ihm nicht bei der Arbeit „helfen“. Polizistenschwester Anna, wegen Kompetenzüberschreitungen und Unkonventionalität mehrfach degradiert und zum Bruder strafversetzt, erhält im Fall des toten „Saatans“ genau wie alle anderen Germingers ungefragt Unterstützung des Sax-Vertreters Joon De Ville (Dominique Horwitz). Vor dreißig Jahren hatte der Saatgut-Guru („Alles mein Samen hier“) eine heiße Affäre mit der flotten Erika. Während jeder jedem in die Ermittlungen pfuscht, denkt sie ans Durchbrennen, was weder ihrem angetrauten Franz noch ihrem Gspusi Karl Obermaier (Jockel Tschiersch) verborgen bleibt. „Im Kopf ein Zugvogel, im Herzen eine Heckenbraunelle“, sinnieren die Freunde Franz und Karl traut vereint und schenken gleich einmal Blumen.

          Die Aufklärung des Falls gerät genregemäß ins Hintertreffen. Herbis Frau Klaudia (Marion Mitterhammer) treibt es mit dem falschen Saisonarbeiter-Polen Wazlav Wyzyskiwacz (Florian Karlheim), Herbis neues Kind trägt ihre Schwester Lucy (Franziska Schlattner) unterm Herzen. Sein erwachsener Sohn Alois (David Zimmerschied), dem Vater gram wegen des Verlusts seines Ökolandwirt-Siegels, hätte ebenso ein Mordmotiv wie die betrogene Ehefrau. Aber was sollte „reinen Tisch machen“ überhaupt bedeuten? Zur Verdeutlichung dieses Bildes trägt am Ende die furiose Erika am meisten bei. Mit „Schwarzach 23 und der Schädel des Saatans“ verhält es sich wie mit dem grobianischen Absurdkrimi überhaupt. Entweder findet man daran Gefallen, oder halt eben nicht. Die feinsinnige Boshaftigkeit der „Six Feet Under“-Gesamtkonstruktion ist die Sache dieses Falls dann doch nicht.

          Weitere Themen

          Der Weltuntergang wird abgesagt

          Wagner in Chemnitz : Der Weltuntergang wird abgesagt

          Das tut Chemnitz gut: Die Regie von Elisabeth Stöppler und ein ganz beeindruckendes Ensemble bescheren der Stadt und der Oper eine großartige Deutung von Richard Wagners „Götterdämmerung“.

          Am Ufer der Spree wird gemeuchelt

          Thriller „Zersetzt“ bei Sat.1 : Am Ufer der Spree wird gemeuchelt

          In „Zersetzt – Ein Fall für Dr. Abel“ werden Geheimdienstchefs in mysteriöse Todesfälle verwickelt und junge Frauen von Psychopathen bedroht. Ein realer Fall steht dem auf höchster Unwahrscheinlichkeitsstufe geschilderten in nichts nach.

          Topmeldungen

          Besuch eines Kanzlers: Johann Georg Reißmüller im Gespräch mit Helmut Kohl am 11. November 1997 auf dem Weg zur großen Redaktionskonferenz

          Johann Georg Reißmüller : Ein eiserner Zeuge des 20. Jahrhunderts

          Der frühere F.A.Z.-Herausgeber Johann Georg Reißmüller ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren in Frankfurt am Main. Sein journalistisches Lebensthema war das Schicksal Mittel-, Ost- und Südosteuropas.

          Brexit : Theresa Mays Odyssee durch Europa

          Die in der Heimat schwer in Bedrängnis geratene Premierministerin May sucht in Den Haag, Berlin und Brüssel nach Verbündeten. Doch die EU will den Deal partout nicht neu verhandeln.

          So wird das Wetter : Winter is coming

          In Deutschland wird es in den nächsten Tagen frostig, glatt – und es fällt Schnee. Im höheren Bergland sinken die Temperaturen sogar auf bis zu minus zehn Grad.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.