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ZDF-Film „Das Gesetz sind wir“ : Wer ist hier wirklich systemrelevant?

  • -Aktualisiert am

Aljoscha Stadelmann und Julia Koschitz spielen die Streifenbeamten, die mit List und Tücke den Kampf aufnehmen. Bild: ZDF und Michael Ihle

In „Das Gesetz sind wir“ müssen zwei Polizisten die Herrschaft eines kriminellen Clans in ihrer Stadt brechen. Haben die beiden eine Chance? Eigentlich nicht. Aber sie wissen sich zu helfen.

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          Was sind systemrelevante Berufe respektive Tätigkeiten? Die Bestimmung ist relativ. In der Krise vor zwölf Jahren ging es um die Finanzwirtschaft. Jetzt aber stehen Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte, Kassiererinnen und Einräumer im Supermarkt zu Recht im Mittelpunkt. Menschen, die, zumeist nicht besonders gut bezahlt, einen wichtigen Dienst für das Gemeinwesen leisten. Die bis vor kurzem als selbstverständliche Dienstleister wahrgenommen wurden, zunehmend ohne Respekt – wie Streifenpolizisten auch.

          In diesen Zeiten gehören zu den Wichtigen auch Fernsehmacher, die Unterhaltung mit hintersinnigem Humor, die Tiefgang mit anderthalb vergnüglichen Stunden vor dem Schirm verbinden. Solche, die den Witz als Erhellungsinstrument und nicht als Eskapismus verstehen und entsprechende Dialoge und Szenen gestalten. Wenn Schauspieler dazukommen, die ihr Metier mit allerhand sorgfältig geschliffenen Werkzeugen vom kitzelnden Florett bis zum rücksichtslosen Fallbeil betreiben, bleiben wenig Wünsche offen.

          Wie bei „Das Gesetz sind wir“, dem Preisträgerfilm des Deutschen Krimifestivals, das vor wenigen Wochen noch vor viel Publikum in Wiesbaden stattfand. Wobei die Jury um Felix Klare (Schauspieler und Kommissar im Stuttgarter „Tatort“) und Belinde Ruth Stieve (Schauspielerin und Gründerin des paritätischen Castingtools „Neropa“) nicht nur den Polizeifilm selbst, sondern auch Heiner Stadelmann als besten Darsteller ausgezeichnet haben. Eine bessere Wahl hätte es nicht geben können. Holger Karsten Schmidt (Drehbuch) und Markus Imboden (Regie), einem krimimäßig eingespielten Team, gelingt mit „Das Gesetz sind wir“ ein Blick in die Abgründe deutschen Streifenpolizistenalltags jenseits von Kommissarsherrlichkeit und Vorabendseriendümmlichkeit (Kamera Michael Wiesweg). Bei „Mörder auf Amrum“, in den „Finn-Zehender“-Filmen (2011–2014) und der Harzkrimi-Westernreihe „Harter Brocken“ haben die Beteiligten vorgelegt, nun wird es in ihrer jüngsten Fernseharbeit um Korruption, Gesetz und Gerechtigkeit, um Vorteilsannahme und Standhaftigkeit witzig ernst.

          Endlich mal Butter bei die Fische: Hier in Bremen werden Fälle nicht gelöst, sondern in Endlosschleife auf Wiedervorlage bugsiert. Als Ordnungshüter schleppt man seinen Dienst eher, als man ihn schiebt; Runde um Runde, Schicht für Schicht, Jahr um Jahr. Der Drogenhändler („lauf, Bulle“), den Klaus Burck (Aljoscha Stadelmann) und Maja Witt (Julia Koschitz) nach dem Sprint um die Blöcke stellen und verhaften, steht morgen wieder an derselben Stelle („fester Wohnsitz“). Neuer Tag, neue Hatz, neue Vergeblichkeit. Burck und Witt sind zwar das Gesetz – aber nur pro forma. In Wahrheit sind sie Sisyphos in Uniform. Die LKA-Mitarbeiter Julia Krohn (Bernadette Heerwagen) und Jan Bender (Michael Wittenborn) haben das schon länger verstanden, genau wie der Revierleiter (Werner Wölbern). Das Sagen hat in Bremen Araberclan-Chef Djamal Issa (Merab Ninidze), unterstützt vom kriminellen Hausanwalt Stefan Misovic (Marc Hosemann).

          Pech, dass Klaus sich mit Issas jüngstem Sohn Ahmed (Rauand Taleb) anlegt. Ahmed spuckt ihm bei der Verhaftung ins Gesicht, Klaus’ reflexhafter Faustschlag setzt den Clan-Rachefeldzug in Gang – und bei den Polizisten List und Tücke frei. Issa fährt die Geschütze auf: Klaus’ dementer Vater (Heiner Stadelmann, Vater von Aljoscha Stadelmann), von ihm und einer unterbezahlten Pflegekraft zärtlich betreut, wird brutal überfallen. Majas Hund, ihr einziger privater Ansprechpartner, bleibt spurlos verschwunden. Den Streifenpolizisten ist klar: Das Problem muss aus der Welt, die Ordnung wiederhergestellt werden. Egal wie. Für immer. Zwei gegen eine Stadt, bald ist wieder „Zwölf Uhr mittags“, und auch in Bremen kann man Westerndramatik.

          Schmidt, Imboden und Wiesweg bleiben im schwarzen Humor wie im Ernst immer verspielt. Hier ist nichts thesenhaft, aber alles bildlich. Wenn Aljoscha Stadelmann in der Wohnung des Anwalts selbstvergessen Luftgitarre spielt, nachdem er beschlagnahmte Drogen in einer Matrjoschka plaziert hat und so beinahe der Putzfrau in die Arme läuft; wenn Julia Koschitz und er als Verfassungsschutz-Geheimnisträger ein Auto entführen oder zu Tom Waits „Downtown Train“ in trauter Runde in der Sonne Käsebrötchen essen, dann möchte man auch das Etikett „Krimikomödie“ in die Marketingsprech-Tonne werfen. „Das Gesetz sind wir“ ist „Comédie humaine“, ein Lebensmittel.

          Das Gesetz sind wir, an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr im ZDF.

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