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„Tatort“-Kritik : Wer Karten für die Oper hat, bringt sich nicht um

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) jagen das große Verbrechen Bild: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg

Die Wiener „Tatort“-Kommissare Bibi Fellner und Moritz Eisner bekommen es in „Kidon“ mit dem Mossad zu tun und spielen James Bond. Hier liegt das Problem.

          Bald werden es Bibi Fellner und Moritz Eisner mit dem israelischen Geheimdienst zu tun bekommen und sich fühlen wie in einem Spionagethriller. Dabei fängt alles an wie ein schlechter Witz, und der geht so: Steht ein Wiener Taxler vor einem Hotel an der Ringstraße. Kommt ein Mann vorbei. „Schönes Taxi haben Sie da“, sagt er. „Baujahr 1977“, sagt der Taxler stolz. Da stürzt ein Mann aus dem offenen Hotelfenster über ihnen und landet krachend auf dem Autodach. Der Mann ist tot, das Taxi hin - und die Pointe? Ist gar nicht so einfach zu finden. Und deshalb beschleicht einen auch bald das Gefühl, dass Bibi Fellner und Moritz Eisner dieses Mal nicht vordringlich einen Mörder jagen, sondern die ausstehende Pointe suchen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei will der österreichische „Tatort“ namens „Deckname Kidon“ das ganz große Rad drehen. Die unschuldige Frage: „War das nicht Selbstmord?“, mit der das zur Abwechslung recht ungrantelig aufgelegte Polizistenduo seine Ermittlungen beginnt, ist rasch verneint: Wer Opernkarten für den Abend ordert, bringt sich nicht um, schon recht. Und bald finden sich die beiden in den höchsten Höhen oder eher tiefsten Tiefen der internationalen Konfliktdiplomatie. Denn der Tote auf dem Autodach war iranischer Kernphysiker und einer der ranghöchsten Geheimnisträger im Atomprogramm des Landes.

          Was er in Wien vorhatte? Wohl geheime Kontakte zu Firmen knüpfen, die am Embargo vorbei Teile für die Fabriken nach Iran schmuggeln könnten, in denen die islamische Republik an ihrer Atomwaffe schmiedet. Wer könnte einen solchen Mann ermorden? Eine Sondereinheit des Mossad, die unter besagtem Decknamen „Kidon“ (was so viel heißt wie „Bajonett“) operiert.

          Barocke Erscheinung: Udo Samel als schmieriger Lobbyist Johannes Leopold Trachtenfels

          „Geheimdienst, Mossad, Kidon - scho’ steil“, sagt Bibi Fellner zu ihrem Kollegen, als die beiden im Auto durch die nächtliche Stadt rauschen und ihre Augen glänzen, während draußen alles wie im Frost erstarrt daliegt. Eisner erwidert mit einem grummelnden Lachen, das mehr Grimmigkeit als Belustigung verrät: „Bibi und Moritz Bond.“ Eben. Da liegt das Problem.

          Denn die Spionagenummer (Buch: Max Gruber, Regie: Thomas Roth) steht dem grundsoliden Duo schlecht. Dabei geben Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer auch eine glänzende Vorstellung, wenn sie sich nicht ständig beharken müssen wie ein altes Ehepaar. Doch ihr Aktionsradius bleibt zu provinziell begrenzt, um jemals Spannung zu erzeugen. An den Nerven zerrt allenfalls die pseudoorientalische Dudelmusik (Lothar Scherpe), die alle Aktionen begleitet.

          Seltsame Lehren

          Dabei ist eine Menge los. Bibi rennt einer dubiosen Exiliranerin hinterher, ein Lebloser fällt den Ermittlern vor die Füße, die zwei rasen einem Güterzug mit heißer Ware nach, und Udo Samel legt als schmieriger Lobbyist der Marke „adelig, dekadent und oberkorrupt“ einen großartigen Auftritt hin, im Jankerl und mit Allongeperücke. Neueste Technik (Handyortung!) kommt zum Einsatz, die Umrisse großer Verbrechen spiegeln sich in der Bestechlichkeit mieser kleiner Polizisten vom Land, und für das Menschelnde sorgt Eisners Tochter (Tanja Raunig), die buchstäblich wieder auf die Beine kommt.

          Und doch bleiben vor allem seltsame Lehren von diesem Film: Wenn Sie vor jemandem weglaufen wollen, verschwinden Sie hinter einer fahrenden Tram. Geben Sie niemals Ihr Handy aus der Hand, sonst fangen Sie sich flugs einen Spionage-Trojaner. Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Versuchen Sie niemals, einen rollenden Güterzug aufzuhalten, indem Sie sich mit ausgebreiteten Armen vor ihn auf die Gleise stellen. Vertrauen Sie im Zweifelsfall lieber dem Mossad als den österreichischen Behörden. Dann fahren Sie - und das ist die Pointe - mit dem Hybrid in den Urlaub. Bibi Fellner und Moritz Eisner haben mehr Witz verdient.

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