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„Der Westen“ : Wir mussten etwas tun

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Wo sie ist, ist „Der Westen”: Katharina Borchert Bild: dpa

Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) fordert mit ihrer neuen Plattform „Der Westen“ Radio und Fernsehen im Ruhrgebiet heraus. Ein Interview mit der Chefredakteurin.

          Früher hatte die Verlagsgruppe der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ) ihre Internetauftritte eher stiefmütterlich behandelt, jetzt fordert sie mit ihrer neuen Plattform „Der Westen“ das Lokalradio und das Regionalfernsehen im Ruhrgebiet heraus. Seit Montag ist das Angebot freigeschaltet. Mit der Chefredakteurin Katharina Borchert sprach kurz vor dem Start Matthias Hannemann.

          Frau Borchert, die neue Plattform „Der Westen“ soll den Internetauftritt der WAZ-Zeitungen zusammenfassen. Bisher haben diese noch jeweils eigene Internetauftritte, auch wenn sich diese oft nur durch die Farbgestaltung unterscheiden. Warum soll sich das nun ändern?

          Der Werbemarkt im Internet entwickelt sich rasant. Zwar ist die WAZ unter den Zeitungen der regionale Marktführer. Im Netz aber finden die Print-Marken fast gar nicht statt. Die Reichweite ist sehr bescheiden. Die Möglichkeiten sind es auch. Andere Anbieter sind wesentlich besser positioniert als wir. Wir mussten deshalb etwas tun.

          Die Konkurrenz kommt dabei jedoch nicht nur vom Internetangebot anderer Tageszeitungen, sondern auch von öffentlich-rechtlichen Sendern.

          Im traditionellen Zeitungsgeschäft waren die Konkurrenten seit Jahrzehnten bekannt. Das hat viele Häuser zunächst etwas unaufmerksam für die Umbrüche im Geschäft gemacht. Im Internet sind vor allem auch die Lokalradios ein Konkurrent, die privaten ebenso wie der WDR. Das fängt damit an, dass die dortigen Kollegen andere Produktionszyklen gewohnt sind, und geht bei den für die Internetpräsentation zur Verfügung stehenden Mitteln weiter. Aber auch die reinen Communities und Newsaggregatoren müssen wir genau beobachten. Wir können nicht mit überregionalen Online-Angeboten wie zum Beispiel FAZ.NET oder Spiegel Online konkurrieren. In der Lokalberichterstattung aber wollen und können wir das.

          Die Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Internet ist nicht nur eine Frage der Leser-, sondern auch der Journalisten-Generation. Es werden kaum alle WAZ-Redakteure auf das Internet so vorbereitet sein wie Sie.

          In den vergangenen sechs Wochen haben wir rund neunhundert Redakteure für das neue Medium geschult. Sie müssen mit den modernen Lesegewohnheiten vertraut gemacht werden. Wir wollen sie daran gewöhnen, nicht ausschließlich an Print, sondern immer auch an Online zu denken. Einige werden bald auch eine Videokamera zu den Terminen oder zumindest zu Interviews mitnehmen; in der Online-Redaktion haben wir drei Videojournalisten und ein kleines Studio. Und die Journalisten sie müssen den Umgang mit einem neuen Redaktionssystem lernen, das die Einbindung von Multimedia-Inhalten oder die Verortung von Reportagen und Meldungen auf einer Landkarte erlaubt.

          Mit kleinen Fähnchen? So wie es „Google Maps“ oder „Flickr“ im Internet vormachen?

          Auch das sind Konkurrenten, schon durch den lokalen Werbemarkt, den sie anpeilen. Ebenso die Internetplattformen wie Youtube, Facebook oder städtische Online-Communities. Wir werden unsere Leser deshalb auch animieren, in eigenen Beiträgen über ihre Regionen zu berichten. Im Kulturbereich haben wir das schon erfolgreich getestet.

          Das spart Ihnen zumindest die ohnehin mageren Honorare für freie Mitarbeiter. Schaufeln Sie damit nicht in letzter Konsequenz dem seriösen Lokaljournalismus ein Grab?

          Ach was, keiner hier glaubt, auch nur einen Journalisten durch Blogger & Co. ersetzen zu können. Aber wir hoffen auf wertvolle zusätzliche Informationen, einen anderen Blickwinkel und spannende Diskussionen gerade im Lokalen. Wir wollen Leser gewinnen und an uns binden, die ohnehin nicht Zeitung lesen. Entweder diese Leser kommen zu uns und lernen damit auch die redaktionelle Sorgfalt zu schätzen. Oder sie suchen sich ihre Nachrichtenquelle andernorts. Wir gehen bewusst auf das Web 2.0 zu. Mit voller Rückendeckung und Ansage von oben.

          Trotzdem weichen Sie die Grenzen zwischen professionellem Journalismus und Amateur-Berichterstattung auf.

          Das sehe ich nicht so. Die Arbeit eines professionellen Journalisten wird im Idealfall durch eine andere Qualität zu erkennen sein. Er hat ganz andere Ressourcen, Erfahrungen und Kontakte. Und, notabene, eine andere Sprache. Aber Blogs können eine durchaus spannende Ergänzung sein. Im Übrigen kennzeichnen wir die Unterschiede auch optisch auf unserer Seite.

          Wer kann für die Behauptungen dieser Leute die Verantwortung übernehmen? Sie werden nicht alles nachrecherchieren können.

          Nein, nicht immer. Aber es ist eine Illusion, sich im Netz anonym und in einem rechtsfreien Raum bewegen zu können. Werden falsche Dinge behauptet, lässt sich der Urheber ermitteln.

          Wie muss man sich das vorstellen? Gestandene Herren wie Richard Kiessler, Chefredakteur der „Neue Ruhr Zeitung“, werden also demnächst Sonderkorrespondenten der WAZ-Gruppe werden - in Echtzeit vernetzt und mit Videokamera unterwegs?

          Herr Kiessler wird unser Chefreporter. Er wird ein eigenes Blog bekommen, in dem er darüber berichtet, wie seine Reportagen entstanden sind. Ich hoffe nicht nur auf spannende Reportagen und Interviews von ihm, sondern eben auch auf den Blick hinter die Kulissen, den man sonst nicht hat.

          Weiß er das auch schon? Das alles wird die Arbeitsweise Ihrer Redakteure maßgeblich verändern, womöglich ablenken.

          Er weiß das. Er hat das schließlich selbst vorgeschlagen und ist begeistert von den neuen Möglichkeiten. Aber wir wissen genau, dass nicht jeder Redakteur für die Multimedia-Arbeit geschaffen ist. Nicht jeder kann fotografieren oder filmen. Nicht jeder will so arbeiten müssen, und nicht jeder wird so arbeiten müssen. Einigen aber wird das liegen, und darauf bauen wir.

          „Der Westen“ soll also eine Art Präventivschlag gegen den WDR sein, der sein Lokalangebot im Internet bekanntlich stark ausweiten möchte?

          Der WDR ist nicht die einzige Konkurrenz, sondern lediglich die finanzkräftigste. Und Geld allein macht noch keinen guten Auftritt. Wir haben über neunzig Lokalredaktionen. Damit müssen wir uns nicht verstecken.

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