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Zensur beim WDR? : Doktor Murkes versammelte Erben

Wird Anja Dreschkes Dokumentarfilm „Die Stämme von Köln“ aus dem Jahr 2012 im WDR noch einmal gezeigt werden können? Er schildert Vereine, deren Mitglieder sich in ihrer Freizeit als Hunnen, Mongolen, Wikinger, Indianer oder Afrikaner verkleiden. Bild: WDR/Privat

Dunkel geschminkte Statisten in einer Karnevalssendung von 2010 scheinen dem WDR heute unerträglich. Das liest sich wie die Fortschreibung einer berühmten Satire von Heinrich Böll.

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          Endlich eine gute Nachricht aus dem Westdeutschen Rundfunk: Für die freien Mitarbeiter, die durch die Streichung der täglichen Buchkritik bei WDR 3 Aufträge verlieren, zeichnet sich eine neue Beschäftigungsmöglichkeit ab. Die Bänder sämtlicher je vom WDR aufgezeichneter Karnevalssitzungen müssen gesichtet werden, um Kostüme zu identifizieren, die bei Abruf in der Mediathek befremden könnten. Die Nachbearbeitung eines Zusammenschnitts von Verleihungen des Ordens wider den tierischen Ernst kann nur der Anfang gewesen sein.

          Wer nichts Besseres zu tun hat, als sich die am Karnevalssonntag ausgestrahlte Konservensendung noch einmal anzusehen, sieht jetzt statt der als Nofretete verkleideten Kabarettistin Désirée Nick zwischen zwei Adjutanten mit goldenem Kopfputz und bronzenem Teint eine Schrifttafel. Ursprünglich habe man in der Szene von 2010 „Personen mit ,Blackfacing‘ auf der Bühne“ gesehen, was „mittlerweile im Karneval zu Recht verpönt“ sei. „Die Szene hätte nicht in den Zusammenschnitt aufgenommen werden dürfen.“ Wenn nun das gesamte Archivmaterial auf Kannibalen, Indianer, Chinesen und Scheichs durchgesehen wird, die im Karneval vielleicht immer noch nicht verpönt genug sind, ist genau der hermeneutische Feinsinn gefragt, der die Hörer von WDR 3 nach den Befürchtungen des Wellenchefs zu überfordern droht. Berufsrezensenten, die bei witzlosen Spitzentiteln von Thea Dorn oder Markus Gabriel mit ihrem kritischen Besteck nichts ausrichten können, werden sich über die Einladung freuen, das Schneidemesser auszupacken.

          Trotz Sparplan wird Intendant Tom Buhrow neue Stellen schaffen müssen: Unmöglich kann er Doktor Murke das zensorische Jahrhundertwerk allein überlassen. Dem Redakteur der Abteilung Kulturwort im Kölner Funkhaus sind wir 1955 in Heinrich Bölls Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ begegnet. Im Auftrag des damaligen Intendanten lässt Murke zwei Vorträge über den Kunstbegriff neu schneiden, in denen der große Bur-Malottke das von ihm ursprünglich gesprochene Wort „Gott“ durch die Umschreibung „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ ersetzt wissen möchte. Danach schlägt Bur-Malottke dem Intendanten vor, dass sie „gelegentlich darangehen könnten, alle Bänder zu korrigieren, die ich seit 1945 besprochen habe“. Es sei ihm „unerträglich, daran zu denken, dass nach meinem Tode möglicherweise Bänder ablaufen, auf denen ich Dinge sage, von denen ich nicht mehr überzeugt war“.

          Bölls Satire wirkt beim Wiederlesen an mancher Stelle angestaubt, und dass die Sängerin, „rothaarig und blühend“, den Techniker mit „Du schwules Kamel!“ zurechtweist, müsste bei heutiger Ausstrahlung der Hörspielfassung wohl durch einmontiertes Schweigen ersetzt werden. Aber hellsichtig bleibt, dass Böll den großen Bur-Malottke eine doppelte Retusche seines Schaffens vornehmen ließ. Auf die religiöse Wende von 1945 folgte die Rückkehr zum bildungsbürgerlichen NS-Jargon, als sich die Anrufung Gottes im Kulturradio nicht mehr authentisch anhörte. So bricht auch heute, wenn der Gedanke als unerträglich gilt, dass man über Klischees von Klischees vom alten Ägypten vor zehn Jahren noch lachen konnte, der unbedingte Wille zum Euphemismus durch.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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