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Sind ARD und ZDF kritikfähig? : Stichtage

Erst vor wenigen Wochen wurde ein ehemaliger ARD-Auslandskorrespondent wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung vom WDR freigestellt - jetzt gibt es einen zweiten Fall. Bild: dpa

In Karlsruhe klagen ARD, ZDF und Deutschlandradio, um schnell an mehr Rundfunkbeitrag zu kommen. Der ZDF-Intendant Thomas Bellut meint, es brauche eine Debatte über den Auftrag der Sender. Wir haben einen Anlass: Der WDR kippt eine wichtige Radiosendung, den „Stichtag“. Das ist keine gute Idee.

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          Im Eilverfahren ziehen ARD, ZDF und Deutschlandradio vor das Bundesverfassungsgericht, um die Erhöhung des Rundfunkbeitrags, welche die Regierung von Sachsen-Anhalt blockiert hat, möglichst noch vor dem Stichtag 1. Januar durchzusetzen. Das Saarland und Bremen nehmen Stellung, um auf die ihres Erachtens prekäre Situation „ihrer“ Landessender hinzuweisen.

          Wenn es bei den Sendern ums Geld geht, kommt Tempo in die Sache. Stillstand aber herrscht seit Jahren in der Debatte über die Grundsatzfrage: Was zeichnet den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus? Worin besteht sein Auftrag heute? Was soll er tun, was lassen? „Am Ende entscheidet die Gesellschaft, wie stark und groß das öffentlich-rechtliche System ist“, sagt der ZDF-Intendant Thomas Bellut in der „Wirtschaftswoche“. Die Debatte müsse her, um zu klären, „was das Land von uns erwartet“.

          Ähnlich hat sich wiederholt der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow geäußert, auch im Gespräch mit dieser Zeitung (F.A.Z. vom 11. September). Buhrow ist gerade in Mitteldeutschland auf Tour gewesen, um der Kritik an einem vermeintlich abgehobenen Rundfunksystem zu begegnen, das den Osten des Landes vernachlässige. Das kann nur der Anfang sein. Den Sendern sollte zu denken geben, wenn sich ihr zahlendes Publikum abwendet oder mit Kritik zu Wort meldet, die etwas anderes ist als die Totalablehnung der AfD.

          Das gilt auch in dem konkreten Fall, der sich gerade im Hörfunk von Buhrows WDR ereignet: Dort sind der Sendeleitung zwei herausragende Radioformate im Weg: der „Stichtag“ auf WDR2 und das „Zeitzeichen“ auf WDR3 und WDR5. Die beiden Sendungen vermitteln zum Tag historisches Hintergrundwissen. Sie sind von hoher journalistischer Qualität, beliebt und spottbillig: 830 Euro verdienen die freien Autorinnen und Autoren an einer fünfzehn Minuten langen „Zeitzeichen“-Sendung.

          „Durchhörbar“, wie Radioprogramme sein sollen, sind sie nicht. Aber sie sind ein Markenzeichen des WDR, und zwar bundesweit. Das war zu bemerken, als sich Ende September 102 Prominente aus Politik, Kultur, Medien und Gesellschaft (unter anderen Alice Schwarzer, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Joachim Król, Günther Jauch, Kai Diekmann) in einem offenen Brief für die Sendungen starkmachten.

          Und das zeigt sich auch jetzt, da Historikerinnen und Historiker aus dem ganzen Land Protest dagegen einlegen, dass der „Stichtag“ durch eine gefälliger anmutende Sendung von Radio Bremen ersetzt wird. Der Rundfunkrat des WDR hat sich mit dem Thema beschäftigt, doch wie es aussieht, bekommt Programmdirektorin Valerie Weber ihren Willen. Das „Zeitzeichen“ bleibt, der „Stichtag“ nur dem Namen nach.

          Der Zustand unserer Gesellschaft, schreiben die Historiker, müsste „für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Anlass genug sein, die historischen Bildungsprogramme auszubauen. Stattdessen baut er sie ab.“ Wollten Intendanten wirklich über ihren Auftrag debattieren (der HR wollte das bei seinen Plänen für hr2 Kultur, wie wir alle wissen, nicht), hiermit wäre ein schöner Anlass gegeben.

          Richtigstellung: In einer vorherigen Version des Artikels hieß es, die Honorare der freien Autorinnen und Autoren für ein fünfzehn Minuten langes „Zeitzeichen“ würden von 830 Euro auf die Hälfte gekürzt. Das ist nicht richtig. Die Autoren verlieren vielmehr deutlich an Honorar, weil sie ein Thema nicht mehr zugleich für „Zeitzeichen“ und „Stichtag“ bearbeiten können und der NDR nicht mehr ausstrahlt. Der „Stichtag“ fällt zum 1. April des nächsten Jahres in der bisherigen Form weg. Unter dem Namen läuft dann im WDR die Übernahme einer Sendung von Radio Bremen. Das Honorar für ein „Zeitzeichen“ werde, teilte der WDR mit, von 830 auf 970 Euro erhöht und belaufe sich mit einem Wiederholungshonorar des Saarländischen Rundfunks auf 1177 Euro.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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