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TV-Serie „Mörderisches Tal“ : Jeder gegen jeden

  • -Aktualisiert am

Hätte er bloß nicht diesen einen Fehler begangen: Der Polizist Hannes Bucher (Maximilian Brückner) löst eine Kette von Ereignissen aus, die Pregau ins Unheil stürzen. Bild: ARD Degeto/Mona Film/Petro Domen

Die ARD zeigt einen Vierteiler über zwei Familienclans, die sich auf Gedeih und Verderb bekriegen. In „Mörderisches Tal – Pregau“ sterben Menschen wie die Fliegen. Was soll das wirre Gemetzel?

          3 Min.

          „Es wäre mit Sicherheit alles anders gekommen, wenn ich nicht diesen einen Fehler gemacht hätte. Dann wären auch niemals so viele Menschen gestorben.“ Hannes Bucher (Maximilian Brückner) ist Kleinstadtpolizist im Rang eines Inspektors in der steirischen Kleinstadt Pregau. Ein widerwilliger Chronist des örtlichen Geschehens, ein unambitionierter Durchschnittstyp, ohne jeden Ehrgeiz, scheint es, auch in krimineller Hinsicht. Schon damit ist er ein Außenseiter in der Familie seiner Frau Maria (Ursula Strauss) vom Clan der Hartmanns. Drei Dinge, so Bucher, hat Pregau zu bieten: Die Tierkörperverwertungsanstalt, den kreuzenden Jakobsweg nach Santiago de Compostela und die Autobahnausfahrt.

          Die wirtschaftlichen Interessen der Hartmanns bestimmen die lokale Politik. Der Bürgermeister wurde durch eingefädelten Skandal kalt gestellt. Vizebürgermeister Wenzel Feichtinger (Harald Schrott) kam durch die Intrigen des zweiten Pregauer Clans, die Hölzlfamilie, an die Macht. Sein großspuriges Auftreten ist Fassade. Feichtinger ist die Marionette der tödlich verfeindeten Strippenzieher Hartmann und Hölzl. Die litauische Zwangsprostituierte Dana (Visnja Sretenovic) wird seine Nemesis.

          Eine verbotene Liaison

          Ein Fehler nur, der angesichts der Sünden der Hartmanns eher lässlicher Natur ist: Nach der feuchtfröhlichen Hundertjahrfeier der Spedition Hartmann im Wirtshaus hält Polizist Bucher nachts ein Auto wegen Raserei an. Am Steuer sitzt seine betrunkene minderjährige Nichte Rosa (Zoe Straub), neben ihr Gregor Hölzl (Michael Glantschnig). Eine gefährliche verbotene Liaison, Julia und Romeo auf dem Dorfe, aber nicht die einzige Mesalliance im Tal. Fatal, aber menschlich – Hannes Bucher lässt sich um den Preis der ungestörten Weiterfahrt von Rosa oral befriedigen, und Gregor schaut zu.

          Zwei Schwestern, ein Clan: Maria (Ursula Strauss, links) und Edith Hartmann (Patricia Aulitzky) kümmern sich um die Geschäfte.

          Am Morgen kommen die Polizisten der Dienststelle an einen Ort des Grauens. Das Auto des jungen Hölzl ist an der Felswand neben der Tunneleinfahrt zerschellt. Rosa ist tot, Gregor liegt im Koma. Rosas Halbbruder Sebastian (Thomas Schubert), Borderline-Patient mit Psychiatrieaufenthalt, sinnt auf blutige Rache. Der andere Halbbruder, Lukas (Nikolai Gemel), bringt die Tante Maria (Strauss) zum Sex in den Nachtclub „Eva“, in dem der Russe Sergej (Jevgenij Sitochin) und der brutale Prostituiertenquäler Anton (Helmuth Häusler) gerade Frauen aus Litauen herangeschafft haben. Edith (Patricia Aulitzky), Marias Schwester und Mutter von Rosa, Sebastian und Lukas, sucht Trost beim neuen Pfarrer. Die Patriarchen Johann Hartmann (Wolfgang Böck) und der zynische Elias (Karl Fischer), der sich den jungen Chauffeur Franz (Frederic Linkemann) als Mann fürs Gröbste und Lustknaben hält, stützen mit Skrupellosigkeit die wackelnden Dominosteine ihrer Geschäfte. Todfeind Hölzl Senior (Helmut Berger) versucht, die Gunst der Stunde für eigene Zwecke zu nutzen.

          Kompromittierende Bilder aus dem Nachtclub

          Polizeidienststellenleiter Ferdinand Oswald (Wolfram Berger) weiß er auf der Seite der Hartmanns. Kompromittierende Filmaufnahmen aus dem Nachtclub machen nicht nur Oswald erpressbar. Hannes Buchers Kollegen Manuel (Antoine Monot jr.) und Matthias (Robert Palfrader) verfolgen eigene Spuren. Manuel, von den Kollegen als lächerliche Figur aufs Abstellgleis geschoben, ermittelt im Fall eines sprengstoffvernarrten Autobahnschützen. Matthias stellt die richtigen Fragen zu Rosas Tod und wird vom Chef als unerwünschter Ehrgeizling ausgebremst. Und Hannes hat bald mehrere Leichen am Bein, die es unauffällig zu entsorgen gilt. Mit seiner Frau Maria steht es nicht zum Besten, seit sie nach Pregau gezogen sind. Daneben gibt es noch die hypersensible Tochter Sandra (Antonia Jung) mit ihrem merkwürdigen Hellsichtigkeitssyndrom und Faible für Puzzles und Schamanenrituale. Hannes, der notorische Aufgeber, mobilisiert abgrundtiefe Reserven, um seine Haut zu retten. Befürchten muss er, dass der Kleinkriminelle Max Dirrmeyer (Armin Rohde) ihn in der fraglichen Nacht beobachtet hat. Der will sich raushalten und seinen verrückten Bruder Tom (Marc Hosemann) beschützen. Pregaus Höllensturz ist nicht mehr aufzuhalten.

          Inzest und Fehde, Sonderlinge, Skrupellose und groteske Pointen im Dutzend billiger nebst Apokalypse zum Anfassen bietet der als Fernsehereignis sondergleichen angepriesene Vierteiler „Mörderisches Tal – Pregau“. Ambitioniert setzt das sechsstündige Stück von Nils Willbrandt (Buch und Regie) auf ein überbordendes Ensemble, triebhafte Verstrickungen und Handlungsfäden, soweit das Auge reicht. Seine Ambitioniertheit aber wird dem Vierteiler spätestens ab der Hälfte zum Verhängnis. Die Bildsprache wird zunehmend beliebig und muss sich mit Knalleffekten und gröbsten Gewaltexzessen behelfen (Kamera Peter Nix). Das suggestive Titellied verspricht einen mystischen Sog des Geschehens, der jedoch auf halber Strecke in Desinteresse mündet.

          Er will nichts gesehen und nichts gehört haben, aber es verhält sich selbstverständlich anders: Max Dirrmeyer (Armin Rohde) muss um sein Leben fürchten.

          Einige der Figuren, die sterben wie die Fliegen, sind reine Rollentypen, anderen, wie Ursula Strauss‘ um Macht undEinfluss kämpfenden Maria, fehlt es an Tiefenschärfe. Angeberisch überschlau konstruiert, will das Drehbuch selbst noch durch die von Evangelisten oder Heiligen geborgten Namen der fiesesten Bösewichte Bedeutungskontraste kreieren. Im Versuch aber, den blutigen Niedergang einer Familie im Spannungsfeld von Shakespeare, Balzac und Georg Kreisler erzählerisch Funken schlagen zu lassen, dazu „Twin Peaks“, „Pulp Fiction“ und die TNT-Serie „Weinberg“ unterzumischen, verhebt sich „Mörderisches Tal“ gewaltig und verfehlt seine Wirkung. Wie man eine rabenschwarze Familienapokalypse gelungen ins Fernsehen bringt, hat die Komödie „Braunschlag“ gezeigt. Wer indes die Zeit nicht scheut, kann dem groß aufspielenden Maximilian Brückner zusehen, wie er sich im Spinnennetz der Familienbande verfängt und durchs Zappeln immer tiefer verstrickt, bevor er selbst zur Spinne wird.

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