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„Der Überläufer“ in der ARD : Das Eichhörnchen kann jetzt auch singen

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Schuldig macht er sich mehrfach, im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit danach: Jannis Niewöhner spielt Walter Proska. Bild: ARD

Die ARD-Verfilmung des Romans „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz nimmt sich ihre Freiheiten – und ist doch ein sehenswerter Film über die Unmöglichkeit, sich im Krieg nicht schuldig zu machen.

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          Keine Rahmengeschichte: Walter Proska, bei Kriegsende mindestens zweimal auf tragische Weise schuldig geworden, betritt zum Auftakt der Siegfried-Lenz-Verfilmung „Der Überläufer“ nicht die Apotheke des greisen Adomeit, um sich Briefmarken für einen schwierigen Brief an seine Schwester zu besorgen und ein kurzes Gespräch über den Fluch von Erinnerungen zu führen. Stattdessen setzt der Zweiteiler, der die Reihe mehr oder weniger gelungener Siegfried-Lenz-Verfilmungen der letzten Jahre wie „Schweigeminute“ und „Deutschstunde“ um ein Soldatendrama ergänzt, im letzten Kriegssommer an, um sich chronologisch bis in die Nachkriegszeit vorzuarbeiten. Walter Proska – Jannis Niewöhner im etwas zu glatten Historienfilm-Look, wenn auch mit leerem, von jahrelangen Kämpfen gebrochenem Blick – wirft sich 1944 auf dem Hof seiner Schwester ins Feldgrau, um pflichtgetreu vom Urlaub an die Ostfront zu reisen. Schon hockt er in jenem Zug, mit dem bei Lenz die Binnenhandlung beginnt. In den Dampfschwaden der im Dunkel Wasser auftankenden Lok trifft er auf die Polin Wanda (Malgorzata Mikolajczak), in die er sich verliebt.

          Auch diese Liebesgeschichte – schon bei Lenz haarscharf am Kitsch – haben Bernd Lange und Florian Gallenberger (der auch Regie führt) als Drehbuchautoren für ihre Verfilmung des „Überläufers“ verändert: Sie tritt bei ihnen stärker hervor als im Buch, und anders als im Roman kann „das Eichhörnchen“ Wanda hier allerliebst singen, was dem Film zu einer effektvollen Parallelmontage im Moment ihres Glücks, später aber zu „Babylon Berlin“-artigen Szenen und einem seifigen Finale verhilft.

          Der Roman endet in den vierziger Jahren mit Proskas Brief an seine Schwester, der mit dem Vermerk „unbekannt verzogen“ zurückkommt. Der Film hingegen schließt mit tränenreichen Gedanken an Wanda in einem Wirtschaftswunderdeutschland, dessen fernsehselige Stubenhocker die Vergangenheit am liebsten auf sich beruhen lassen. Das ist wohl als Hinweis auf die Entstehungsbedingungen des im Winter 1951/52 fertiggestellten, aber damals vom Verlag abgelehnten Romans gedacht.

          Im Kern bleibt „Der Überläufer“, der erst im Jahr 2016 postum veröffentlichten, erfolgreichen Buchvorlage treu. Beide erzählen vielschichtig von den Zweifeln am Sinn des Krieges, die einer kleinen Gruppe deutscher Soldaten bei Kriegsende kommen, sowie vom Überlaufen zweier Soldaten auf die Seite der Sowjets.Zumindest Walter Proska dämmert, dass sie auch bei den Russen nicht unbedingt auf der richtigen Seite stehen. Am Ende der Erzählung wird Walter nochmals zum „Überläufer“ und flieht in den Westen.

          Ein Großteil des Filmgeschehens vollzieht sich fast kammerspielhaft in einem trostlosen, aus viel totem Holz bestehenden Wald. Nachdem sein Zug Richtung Ostfront von Partisanen zum Entgleisen gebracht wurde, stößt Proska in den Sümpfen zu einer verwahrlosten Einheit um den brutalen, über den Krieg zum Ekel gewordenen Unteroffizier Willi Stehauf – gespielt von Rainer Bock, den man mittlerweile leider einmal zu oft als Filmoffizier erlebt hat. Ihm untergeben sind Männer wie „Baffi“ (Bjarne Mädel), der ein Huhn wie ein Streicheltier hält, der Oberschlesier Zwiczowsbirski (Adam Venhaus), der in der stärksten Szene des Films in ein Dorf rennen und Jesus am Kreuz anbrüllen wird. Oder Wolfgang (Sebastian Urzendowsky), genannt „Milchbrötchen“, der als erster ausspricht, sich für dieses Deutschland nicht mehr opfern zu wollen, und dadurch als moralisch integerste Person erscheint.

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