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„Enklave“ auf Arte : Unter der Glocke

  • -Aktualisiert am

Nenad (Filip Subaric) ist allein auf seiner Schule. Bild: Arte

Solche Parteinahmen perpetuieren den Konflikt: Die serbisch-deutsche Koproduktion „Enklave“ ist ein eindrückliches Kosovo-Melodram – und unerträglich einseitig.

          Nichts, was mit dem Kosovo zu tun hat, ist unpolitisch, nicht einmal die Stromversorgung: Ein Streit mit Serbien um Durchleitungsgebühren hat erst vor wenigen Wochen europaweit zu Frequenzschwankungen geführt und Radiowecker nachgehen lassen. Nicht einmal schwankend, sondern nur schlecht sind die Beziehungen zwischen Belgrad und der seit zehn Jahren von Serbien losgesagten, aber nicht von allen UN-Mitgliedstaaten als eigener Staat anerkannten Republik Kosovo. Serbien sieht das Kosovo als abtrünnige Provinz; um eine De-facto-Anerkennung gegen die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft Serbiens wird zurzeit hart gerungen.

          In dieser Lage einen Film zu drehen, der auf die unerträglichen Zustände einer vom gegenseitigen Hass zerfressenen Gesellschaft hinweist, ist prinzipiell eine gute Idee. Goran Radovanovic (Buch und Regie) bildet dabei nicht die Gegenwart ab, sondern den Zustand des Jahres 2004, als wenige Jahre nach den Kriegshandlungen zwischen der (damals noch) jugoslawischen Armee, der Befreiungsarmee des Kosovo (UCK), serbischen Polizeikräften und schließlich der Nato ein fragiler Zustand hergestellt war, in dem es auch zu Übergriffen auf die serbische Minderheit im Kosovo kam. Diese lebte zum Teil in Enklaven inmitten der albanischen Mehrheitsgesellschaft und musste von Kfor-Truppen beschützt werden. Genau das stellt der Film eindrücklich dar, in seiner Kindlichkeit leicht klischeepoetisch und bis hinein in den Soundtrack – eine Übernahme aus Theo Angelopoulos’ Film „Die Erde weint“ – hochemotional, aber leider auch stark parteiisch.

          Leere Blicke in die Ferne symbolisieren Hoffnungslosigkeit

          Held des Films ist der zehnjährige serbische Junge Nenad, den Filip Subaric sehr überzeugend spielt. Er lebt mit seiner traumatisierten Restfamilie – ein aus Verzweiflung zum Alkohol greifender Vater (Nebojsa Glogovac) und ein sterbender Großvater (Metodi Jovanovski) – in einer Enklave, was bedeutet, dass er täglich mit einem gepanzerten Kfor-Fahrzeug zur Schule gebracht wird, in der er überdies der einzige Schüler der einzigen Lehrerin ist. Es gibt noch den furchtlosen serbischen Priester Draza (Miodrag Krivokapic), Nenads eigentlichen Mentor, der neben einer abgebrannten Kirche wohnt und eine neue Glocke geliefert bekommt. Alle diese Erwachsenen umgibt eine bedrückende Melancholie; ihre leeren Blicke in die Ferne symbolisieren Hoffnungslosigkeit.

          Dem Kind kommt die Rolle zu, in mutiger Weise naiv zu sein. Nenad gibt seiner Sehnsucht nach Spielkameraden nach und spielt mit drei albanischen Jungs Verstecken. Für einen Moment scheint eine Verständigung in dieser neuen Generation möglich, aber dann schlägt die Situation ohne äußeren Anlass um. Bashkim (Denis Muric), Wortführer der Albaner, will Nenad nicht verzeihen, dass die Serben seinen Vater ermordet haben. „Ich habe niemanden ermordet“, erwidert Nenad ganz richtig, aber die Prägung Bashkims durch seine Trauer und seine Familie ist zu stark. Die Situation eskaliert, in kürzester Zeit geht es auf breiter Linie um Leben und Tod. Vom reinen Plot her ist wenig einzuwenden gegen „Enklave“, das von Serbien im Jahre 2016 ins Rennen um den besten nicht englischsprachigen Oscar geschickt wurde.

          Die Darstellung der beiden Seiten allerdings ist auffällig verschieden. Nicht nur steht dem freundlichen Sympathieträger Nenad ein gemeingefährlich blinzelnder, ungebildeter Bashkim gegenüber (keiner der Albaner-Jungs scheint zur Schule zu gehen), sondern der gesamte Blick des Films auf das Kosovo ist befremdlich zweigeteilt: hier heroisch der Unterdrückung trotzende Serben, denen Nachbarn die Kühe und Polizisten die Waffen wegnehmen und die nicht einmal in Ruhe um ihren toten Großvater trauern dürfen, dort als hinterweltlerisch inszenierte, bei jeder Gelegenheit – in diesem Fall eine traditionelle Hochzeit – herumballernde Albaner-Muslime, die nur einen erlogenen Vorwand brauchen, um gewalttätig zu werden und Gräber zu schänden. Weil die Vorgeschichte der Verfeindung bis auf die eine Erwähnung Bashkims ausgespart wird und ein rührend unschuldiger Junge bald in Todesgefahr schwebt (bezeichnenderweise nur von der neuen Glocke beschützt), wirkt die Täter-Opfer-Aufteilung eindeutig. Solche Parteinahmen perpetuieren den Konflikt.

          Ein kleines versöhnliches Zeichen setzt der Film ganz am Ende dann doch noch. Aber man hat das Gefühl, dass es narrativ dafür längst zu spät ist, zumal es sich auch diesmal nicht um ein beidseitiges Zugeständnis handelt. Dass ein Film, der in Serbien gefallen möchte, derart einseitig und ahistorisch gerät, ist vielleicht nicht verwunderlich. Aber dass das ZDF sich blauäugig dafür hat einspannen lassen, ruft doch Verwunderung hervor.

          Enklave läuft heute um 23.20 Uhr auf Arte.

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