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Türkischer Journalist Yetkin : Er schreibt nur noch, was er will

Journalist Murat Yetkin Bild: Gülsem Adam/Anadolu

Murat Yetkin ist einer der bekanntesten Journalisten der Türkei. Jahrzehntelang schrieb er für Zeitungen. Dann hielt er den Druck nicht mehr aus und kündigte. Nun ist er, was er nie werden wollte: Blogger.

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          Wer sich für die Türkei interessiert, sollte Murat Yetkin lesen. Viele Jahre arbeitete Yetkin für die Zeitung „Hürriyet“, leitete zuletzt auch deren englische Ausgabe. In all diesen Jahren verging kaum eine Woche, in der er nicht an jedem Werktag einen Artikel oder Kommentar im Blatt hatte, und zwar meist von einer Dichte an Fakten und substantiellen Einschätzungen, dass man sich als Leser fragen musste: Schläft dieser Mensch eigentlich je?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Yetkins Stil ist faktensatt, bisweilen trocken. Polemik, Zuspitzungen und Sarkasmus sind seine Sache nicht. Das ist auch nicht nötig, denn in der heutigen Türkei ist die Wirklichkeit zugespitzt genug. Doch nach mehr als dreieinhalb Jahrzehnten erklärte Yetkin sein traditionelles Journalistendasein vor einigen Monaten für beendet. Im vergangenen Jahr hat er bei „Hürriyet“ gekündigt. „Ich konnte es nicht mehr aushalten“, resümiert er seinen Abgang. „Hürriyet“ war zwar keine Oppositionszeitung, aber es war auch nicht, wie „Sabah“, „Star“ oder andere Blätter in der Türkei, eine Mischung aus Hetzbeilage und Jubelpostille zum Regime von Staatspräsident Tayyip Erdogan. Die Zeitung war leidlich kritisch, wenn auch in ihrer türkischen Ausgabe oft chauvinistisch und manchmal vorgestrig-kemalistisch. Insgesamt bemühte sie sich aber wenigstens um Ausgewogenheit in unausgewogenen Zeiten, ließ mitunter kritische Stimmen zu Wort kommen, betrieb Abwägung. Journalismus eben.

          Doch im vergangenen Jahr wurde das Blatt verkauft. Von der Dogan-Gruppe, die ansatzweise kritischen oder sachlichen Journalismus geduldet hatte, ging sie an die Erdogan mit Haut und Haar ergebene Demirören-Holding. Seither sind selbst Grautöne und Abstufungen selten geworden in „Hürriyet“, vor allem in der türkischen Ausgabe. Kein Wunder: Der Demirören-Konzern ist im Baugewerbe und im Energiesektor tätig, in Branchen also, bei denen es besonders auf das Wohlwollen der Machthaber ankommt, bei der Vergabe von Staatsaufträgen und Konzessionen etwa. Die Demirören-Gruppe lässt „Journalismus“ betreiben, der ihr Staatsaufträge einbringt, der also keiner ist.

          „Es war eine friedliche Scheidung“

          Schon vor dem Verkauf habe es bei „Hürriyet“ durchaus Druck auf Journalisten gegeben, sagt Yetkin. „Bis zu einem bestimmten Grad konnten wir damit umgehen. Aber ich bemerkte, dass die Entwicklung auf einen Zustand zusteuerte, mit dem ich nicht länger umgehen konnte.“

          Also entschied er sich, zu gehen. Er hätte das mit einem großen Knall tun können, mit einem lauten „J’accuse ...!“ zum Abschied, doch das ist nicht seine Art. Yetkin ging nicht heimlich, aber still und leise. „Es war eine friedliche Scheidung. Ich habe mit den neuen Eigentümern gesprochen und gesagt: ,Ich kann das nicht länger machen.‘“ Er habe schon vorher Zugeständnisse gemacht, um seine Arbeit fortsetzen zu können, und sich unbeabsichtigt eine Form der Selbstzensur auferlegt, hat Yetkin an sich beobachtet. „Ich bemerkte, dass ich unabsichtlich eine orwellsche Sprache entwickelt hatte. Ich habe versucht, weiterhin vieles zu sagen, aber oft auf eine sehr feige Art.“ Das habe ihn natürlich nicht nur als Schreibenden betroffen, sondern auch als Vorgesetzten, der für Texte jüngerer Kollege zuständig war. „Ich begriff, dass ich auf einen Punkt zuging, an dem ich, um meine Integrität zu wahren, keine weiteren Zugeständnisse machen konnte.“

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