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Thriller „Wendezeit“ im Ersten : So kann gutes Fernsehen aussehen

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Sie hat es in sich: Doppelagentin Saskia Starke (Petra Schmidt-Schaller) beim Verhör durch die CIA nebst Lügendetektor Bild: rbb

Gelungenes Wende-Manöver: Ein pfiffig um die Rosenholz-Dateien konstruierter Spionage-Thriller ist so spannend wie entspannt. Das liegt nicht zuletzt an der überragenden Hauptdarstellerin.

          3 Min.

          Eine Mauer ist gefallen, der Fernsehfilm ist frei. Drei Jahrzehnte hat es gedauert, bis in Filmen über die DDR und ihr klägliches Ende ästhetisch-erzählerische Kriterien wieder die Oberhand über Moral, Geschichtsvermittlung und Sensationsklamauk gewonnen haben. Abgesehen von der großen, sehr individuellen Ausnahme „Weißensee“, saßen wir lange in der Zone des Erklär- und Klischeefernsehens fest. Zahllose Stasi- und Agentenfilme tappten zuverlässig in die Doppelfalle der bleiernen Bedeutungsschwere hier (von „Das Leben der Anderen“ bis zu „Das schweigende Klassenzimmer“) oder der bonbonbunten Überdrehtheit und Ausstattungsorgien dort (von „Good Bye, Lenin!“ bis zu „Der gleiche Himmel“ oder „Deutschland 83/86“).

          Bully Herbigs „Ballon“ und Andreas Dresens „Gundermann“ stehen für einen neuen, im entspannten Sinne rein künstlerischen und eben dadurch authentischer wirkenden Umgang mit der deutsch-deutschen Vergangenheit. Unter leichtem Thriller-Vorbehalt darf hier nun auch der vortreffliche Jahrestags-Film der ARD von Sven Bohse nach einem Buch von Silke Steiner eingeordnet werden, ein historisch-diskursiv komplett unaufdringliches, wahrhaft spannendes und überragend gespieltes Genrestück, das genug selbstbewusste Lockerheit besitzt, um das spektakuläre Versinken der DDR einfach im Hintergrund zu belassen. „Wendezeit“ erinnert in mancherlei Hinsicht eher an die phantastische FX-Serie „The Americans“ als an bräsige deutsche Erinnerungsfiktion.

          Eines der letzten Rätsel der Wendezeit

          Auf eine authentische Anmutung wurde durchaus Wert gelegt. Einige Originalbilder sind klug integriert, und die markante Holzgestellbühne der imposanten Alexanderplatz-Demonstration vom 4. November 1989 wurde exakt nachgebaut. Aber es hält sich niemand mit aufgesetzten Referaten zu Politik, Überwachung und Mentalität in der DDR auf, die Amerikaner dürfen miteinander Englisch sprechen, und jede Wendung der Handlung ist allein aus den Figuren entwickelt. Allenfalls ästhetisch wird das kommentiert, etwa mit einer wortlosen Einstellung, die einen dunklen Hinterhof in Ost-Berlin zeigt, in dem ein dem Käfig entkommener Vogel im Kreis fliegt, ohne den einzigen Ausweg in den freien Himmel zu finden. So kann gutes Fernsehen aussehen.

          Der Plot ist locker angelehnt an eines der letzten Rätsel der Wendezeit: Wie kamen die als „Rosenholz-Dateien“ bekannten Mikrofilme des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), mit hochbrisanten, viele DDR-Spione in Westdeutschland enttarnenden Informationen (etwa 1500 Verfahren wurden eingeleitet) an die CIA – und später an die Birthler-Behörde?

          Glücksgriff für die Rolle: Petra Schmidt-Schaller

          Erzählt wird das in enger Fokussierung auf die Protagonistin, die als Tatjana Leschke in der DDR aufwuchs, aber im Jahre 1989 bereits seit zwei Jahrzehnten als Saskia Starke in West-Berlin lebt, mit einem amerikanischen Akademiker verheiratet ist und als Agentin für den amerikanischen Geheimdienst arbeitet. Als Tochter eines bis zur Lieblosigkeit stramm sozialistischen Oberst im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war sie für den Einsatz als Doppelagentin gewissermaßen vorherbestimmt, aber mit dem Ende jener Republik, der sie die Treue geschworen hat, bricht das lebensgroße Lügengebäude über ihr zusammen.

          Dass Saskia nun vollends die eigene Identität entgleitet, hat auch damit zu tun, dass sie mit dem von Funktionären als Zielobjekt für sie ausgesuchten Ehemann (Harald Schrott) eine Familie gründete und über die Jahre echte Liebe wuchs, wo falsche war. Akuter als die schwierige ideologische Wende im Kopf ist freilich die Gefahr, von Überläufern oder durch den Sturm auf das MfS enttarnt zu werden, was die nicht unbedingt immer glaubwürdige, aber mächtig rasante Handlung vorantreibt. Es war ein Glücksgriff, diese Rolle mit Petra Schmidt-Schaller zu besetzen, denn sie spielt sowohl die Siebzehn- als auch die Vierzigjährige mit solch psychologischem Bravour und innerer Stimmigkeit, dass es eine Freude ist, ihrem verzweifelten Dreifrontenkampf zuzusehen.

          Sie muss also versuchen, ihre Tarnung gegenüber den misstrauischer werdenden Amerikanern aufrechtzuerhalten – Ulrich Thomsen gibt den großen Gegenspieler, einen auf das Ausschalten von Maulwürfen spezialisierten Top-Spion der CIA – und zugleich im chaotischen Ost-Berlin an ihre entlarvende MfS-Karteikarte zu kommen. Ihr einziger Verbündeter ist der ehemalige HVA-Leiter Markus Wolf (Robert Hunger-Bühler), der sich in der Tat in diesen Jahren als Reformer innerhalb des Systems gab, aber trotzdem eine Spur zu väterlich rüberkommt. Hinzu tritt drittens die Familienfront, denn auch hier geraten die Dinge aus dem Tritt. Das emotional Dramatische meistert Schmidt-Schaller dabei ebenso grandios wie die hübschen Falsche-Perücken-Szenen.

          Manchmal muss man genau hinsehen, wenn sich etwa die Erkenntnis, dass der eigene Ehemann für seine Kinder jener liebevoll-nachsichtige Vater ist, den sie selbst nie hat besitzen dürfen, sich in einem einzigen Augenaufschlag ausdrückt. Nie wird hier überspielt, das allein hat Seltenheitswert. En passant gelingt es dann noch, den so überdeterminierten Spionage-Kosmos auf das unvergessliche Bild einer surrealen Nachtschicht-am-Fotokopierer-Szenerie herunterzuprojizieren (Kamera Michael Schreitel). Alles in allem kann dieser Thriller, der so wunderbar und oft auch freihändig unterhält, der also der Wende weder das alte Befreiungsnarrativ überstülpt noch die simple Gegenthese aufstellt, über die große Identitätskrise nach dem Zusammenbruch des Gleichgewichts der Ideologien vielleicht mehr aussagen als so mancher bitterernste Zeitgeschichtsfilm.

          Wendezeit läuft an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten.

          Trailer : „Wendezeit“

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