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Der „Tatort: Querschläger“ : Ein Mann greift zum Gewehr

  • -Aktualisiert am

Spielt einen Vater, der nicht mehr ein noch aus weiß: Milan Peschel Bild: NDR

Mit dem „Tatort: Querschläger“ feiert die Krimireihe ihre Podcast-Premiere. Uticha Marmon hat eine Erzählstimme geschrieben, die den amtlichen Thrillertonfall beherrscht. Und was wird aus der „Whodunit“-Story?

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          Eine Szene wie im Western, nur dass Wotan Wilke Möhring, der in der „Winnetou“Neuauflage den Shatterhand gab, und Milan Peschel, seinerzeit Sam Hawkens, diesmal nicht Seite an Seite zu sehen sind: Ein Mann mit Scharfschützengewehr (Milan Peschel) zielt von einer Anhöhe aus auf einen Lastwagen, der auf einem Rasthof parkt und von Bundespolizisten wie Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) untersucht wird. Die erste Kugel landet in der Ladung, die zweite prallt ab und trifft einen Trucker, alle gehen in Deckung, die Polizisten ziehen ihre Waffen, Grosz spurtet die Anhöhe hoch.

          Der Schütze ist weg. Seine Identität kennt einzig der Zuschauer des „Tatorts“. Wir sehen, wie Steffen Thewes, ein Durchschnittsbürger um die fünfzig, das Gewehr im Keller eines Mehrfamilienhauses verstaut. In der Wohnung kümmert er sich um seine Tochter Sara (Charlotte Lorenzen), die unter großen Schmerzen leidet und von einem Stuhl, in dem sie mit Halskrause sitzt, ins Bett gelegt werden muss.

          „Cranio-cervicale Instabilität“ heißt das Leiden der Jugendlichen: eine Halswirbelsäuleninstabilität. Auf einem Computerbildschirm ist zu erkennen, dass die Spendensammlung, die Saras Operation in den Vereinigten Staaten ermöglichen und ihren nahen Tod abwenden soll, über 38827 Euro nicht hinauskam; gebraucht wird ein Vielfaches. Verflucht sei die Krankenkasse, die nicht zahlen will. So steht es Saras Eltern in die bleichen Gesichter geschrieben. Ihnen läuft die Zeit davon.

          Statt eines „Whodunit“ sehen wir ein „Howcatchem“

          Ein Verbrechen rechtfertigt das nicht. Saras Zustand erklärt aber die Verzweiflung, die Steffen Thewes auf die Idee brachte, den windigen Spediteur Cem Aksoy (Eray Egilmez) mit Warnschüssen zur Zahlung von 300000 Euro zu bewegen. Dass ein Trucker, der bei den Schüssen auf den Laster so zufällig danebenstand wie die Kommissare Falke und Grosz, zu Tode kommt, hatte Thewes nicht auf dem Zettel. Aber egal, er ist nun mal Vater – wie auch Kommissar Falke Vater ist. In einer rührenden Doppelszene streicht Falke seinem bekifft schlafenden Sohn über den Kopf, während Thewes am Bett des Töchterchens wacht. An Weihnachten ist sie vielleicht tot.

          Verraten darf man die Details. Oke Stielows erster „Tatort“, schlicht inszeniert von dem Regisseur Stephan Rick, der an Effekten nur einige Kunstschnitte zulässt, welche die Hauptfigur Thewes noch fahriger erscheinen lassen, macht aus Täter und Motiv nach wenigen Minuten kein Hehl mehr. Statt eines „Whodunit“ sehen wir ein „Howcatchem“. Buch und Regie sind vor allem an starken Gefühlen und am Fingerzeig auf die Solidargemeinschaft interessiert, die einen rechtschaffenen Bürger wie Thewes fallenlässt und die jemand schwächt, der Sporttaschen voller Bargeld im Schrank hat und keine Steuern bezahlt.

          Spannung zieht der Film aus einem doppelten Wettlauf: „Querschläger“ zeigt einerseits, wie Steffen Thewes über einen Hilfsverein die Operation organisiert, das Geld innerhalb von drei Tagen auftreiben muss, nicht vorankommt und die Beherrschung verliert. Andererseits heftet sich die Kamera an die Fersen von Falke und Grosz, die den Täter zu fassen versuchen, bevor er abermals abdrückt – klassische Ermittlungsarbeit mit Ortsbesuchen, Observationen und einem Glas Milch.

          Wären alle Rollen so passgenau besetzt, wie mit Peschel als verloren mit Waffe herumlaufendem, gegen seine Ohnmacht anschreienden Vater, hätte der zwölfte Fall mit Wotan Wilke Möhring (der sechste mit Franziska Weisz als Kommissarin, der in dieser Folge eine lesbische Polizistin schöne Augen macht) mehr werden können als ein gängiger „Tatort“. Wird aber nicht.

          Geschichte schreibt die Folge trotzdem: Zu „Querschläger“ gibt es in der ARD-Audiothek eine Hörfassung, die mehr ist als eine „Audiodescription für Sehbehinderte“. Uticha Marmon hat eigens eine Erzählstimme geschrieben, die in amtlichem Thrillertonfall durch den Fall führt und zu den Schauspielerstimmen passt. Die eingestreuten Popnummern von den Giant Rooks, Saras Lieblingsband, und das vernebelte „Miserere Mei, Deus“ von Allegri zum Showdown wirken in diesem ersten „Tatort-Podcast“, der durch den Erfolg der Hörfassung des „Polizeiruf 110: Dunkler Zwilling“ angestoßen wurde, sogar besser als in der Fernsehversion.

          Der Tatort: Querschläger läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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