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„Tatort“ aus Köln : Doppelmord im Reihenhaus

  • -Aktualisiert am

Gestatten, die Polizei: Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) weisen sich aus. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Zur Rückkehr des „Tatorts“ aus der Sommerpause geben sich die Kölner Kommissare betulich. Dabei haben sie es mit einem schrecklichen Doppelmord zu tun. Der Absacker an der Currywurstbude muss trotzdem sein.

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          „Warum dieses Haus? Die sehen doch alle gleich aus.“ Was sich Max Ballauf (Klaus J. Behrend) fragt, ist so naheliegend wie unsinnig, weil er das bei jedem anderen der wie mit dem Förmchen ausgestanzt wirkenden Kölner Reihenhäuser ebenso hätte fragen müssen. Schließlich deutet zunächst alles auf einen zufälligen Einbruch hin, der in ein Blutbad ausartete. Dass sich der „Tatort“ derart düster aus der Sommerpause zurückmeldet, kann als mutige Entscheidung durchgehen. Allerdings erinnert der holzschnitthafte Einstieg in Aufbau und Kameraführung arg an Einspielfilme aus „Aktenzeichen XY ... ungelöst“.

          Wir sehen ein Mädchen (Julie-Helena Sapina), das in der Nacht durch das Haus tapst. Wir sehen, wie es den niedlichen Hasen füttert, sehen den Kapuzenmann am Eingang, der sich bald die Treppe hinauf schleicht. Der Rest bleibt uns in der eher elegischen Regie von Dagmar Seume zum Glück erspart, sowohl das Niederstechen der Mutter als auch das Erwürgen des kleinen Bruders. Flüchtig streift die Kamera die Toten erst, als Ballauf und Freddy Schenk (Dietmar Bär) den Tatort besichtigen und das achtjährige Mädchen, die einzige Zeugin, im Keller versteckt, finden.

          Der Vater verhält sich seltsam

          In diesem Moment taucht Sven Habdank auf, Ehemann und Vater der Ermordeten (ein beeindruckender Alexander Beyer). Auch für einen geschockten Angehörigen verhält er sich seltsam, scheint mit der Tochter nichts anfangen zu können. „Mit der Familie, da stimmt doch irgendwas nicht“, kombiniert Ballauf messerscharf. Doch auch mit der Dramaturgie stimmt etwas nicht, denn nun dreht sich die Handlung meist um die Frage, wie früh man ein traumatisiertes Kind befragen darf und ob professionelle Psychologen einzuschalten sind.

          Ihr Onkel Gunnar (Stephan Szasz) kümmert sich um die kleine Anna (Julie-Helena Sapina).
          Ihr Onkel Gunnar (Stephan Szasz) kümmert sich um die kleine Anna (Julie-Helena Sapina). : Bild: WDR/Martin Valentin Menke

          Die Theorie vom Zufallsmord ist bald vom Tisch. Das Drehbuch von Norbert Ehry sieht einen kleinen Kreis von Verdächtigen vor, zu denen auch Sven Habdank gehört, obgleich sich Familienmensch Schenk vor ihn stellt und selbst den heimlichen Vaterschaftstest für den ermordeten Jungen normal findet: „Bei Melanie war ich mir auch nicht sicher damals.“ Kaum minder verdächtig sind weitere Familienangehörige sowie zwei der „Klienten“ Habdanks, überführte Steuertrickser. Neben einem insolventen Unternehmer (Max Herbrechter) ist das ein freier Journalist (Peter Benedict), ein selbstverliebter Multimillionär (gutes Zeilenhonorar!), dessen lumpiges Schweizer Bankkonto aufgeflogen ist und der schäumt, sobald das Wort Steuern fällt: „Ich nenne das Piraterie.“ Aber bringt man deshalb schon die Familie eines Steuerfahnders um? Journalisten ist bekanntlich alles zuzutrauen.

          Drehbuchautoren allerdings auch, sogar ein Dialog über Steuergerechtigkeit, der derart gedrechselt wirkt, dass man vor Scham im Sofa versinken möchte. „So ganz unrecht hat er ja nicht“, grunzt Ballauf beim Verlassen der Journalisten-Residenz: „Wenn ich mir angucke, was von meinem Bruttogehalt über bleibt ...“ „Hättest du geheiratet, Kinder in die Welt gesetzt, aber du musstest ja ...“ „Du sag mal, da fällt mir ein, ich krieg von dir noch ...“ „Ach Scheiße, nächsten Ersten, ja? Wenn’s Gehalt da ist.“ Opa Schenk hat nämlich Sonderausgaben: „Die Zahnspange für die Enkelin.“ Schaut sich diese Sätze in der Redaktion denn niemand mehr an?

          Der Tatort „Durchgedreht“ läuft am Sonntag, den 21.08., um 20.15 Uhr im Ersten. © ARD

          Es handelt sich bei der WDR-Produktion „Durchgedreht“ also nur in den besseren Momenten um passable Durchschnittsware. Die sehr klassische Ermittlungsarbeit wirkt, nun ja, klassisch. Und totaler Kontrollverlust ist als Thema sogar regelrecht interessant. Aber dann gibt es eben diese Dialoge, diese Witzfiguren (der Unternehmer und der Journalist), diesen platten Humor (der schwule Assistent schaut sich Dildos im Internet an), die Ödnis der Currywurstbude.

          Sonnenklar ist von der ersten Minute an, dass sich der Whodunnit damit auflöst, dass die Schuhe des Mörders, die das Mädchen gesehen hat – Großaufnahme, dramatische Musik –, wieder auftauchen. Bis dahin absolviert man Kameradrohnenflüge über Köln, nett anzusehen, aber inhaltlich irritierend, denn wenn eines der Narration fehlt, ist es Weitblick. Es verwundert kaum, dass die Auflösung nicht überzeugt. Vielleicht muss man es sportlich nehmen im Rio vom Rhein: Im Synchron-Eierlaufen erreicht der Kölner „Tatort“ olympischen Rang.

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