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Erfolg des „Tatort“ : Ohne diese Krimis gehen wir nie ins Bett

Ästhetisches Kult-Phänomen

Die größte Stärke des „Tatorts“ aber ist seine Vielseitigkeit. Wie gut man Krimi mit Comedy kombinieren kann, führt regelmäßig der „Tatort Münster“ vor. Und dieser Trend wird noch zunehmen: Für den „Tatort“ aus Dresden hat der MDR Ralf Husmann, den Erfinder des „Stromberg“, als Autor engagiert. Anleihen bei der Familienserie machen die Fälle aus Bremen (Mutter und Tochter arbeiten im selben Kommissariat), Wien (Tochter wohnt immer mal wieder beim Vater) und abermals Münster („Vaddern!“). Die Analogie zum Quiz liegt auf der Hand: Wer war’s, wie kam’s, lauten die immergleichen Rätselfragen. Dass der „Tatort“ politische Wirkung entfalten kann, zeigt die Tatsache, dass man, je nach Themenwahl, anschließend in Talkshows mit Politikern und Experten darüber diskutiert. Und dass der „Tatort“ für Oper, Museum, literarische und filmische Anspielungen anschlussfähig ist, machte die meistgelobte Folge der letzten Jahre deutlich: „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur inszenierte den „Tatort“ als großes Wimmelbild.

Klugerweise ist der „Tatort“ auch wieder regionaler geworden. Hatte man irgendwann versucht, das Schwäbische und die Stadtsilhouette aus dem Stuttgarter „Tatort“ zu verbannen, wagte man sich zuletzt sogar an eine Stuttgart-21-Folge, schwäbelnde Kampfrentner inklusive. Und natürlich wird im „Tatort“ aus Franken von Anfang an gefränkelt. Wie zu Schimanskis Zeiten beschweren sich Oberbürgermeister wieder darüber, dass ihre Stadt falsch (Fritz Kuhn in Stuttgart) oder überhaupt nicht (Michael Ebling in Mainz) dargestellt wird. Hier zeigt sich eine Verwechslung von Realität und Film, die für ästhetische Kult-Phänomene Voraussetzung ist.

Vertrautheit trotz Reihencharakter

Zwei praktische Gründe für den gestiegenen „Tatort“-Erfolg nennt Niki Stein, der Erfinder des Frankfurter „Tatort“-Duos Dellwo/Sänger und Autor der vieldiskutierten Stuttgart-21-Folge. Es gebe beim „Tatort“ momentan viele junge, sehr gute Regisseure, die das Fernsehen nicht mehr scheuten, sagt er. Und die Redakteure seien mutiger geworden, was Stein, der gerade an einer Science-Fiction-Folge für den „Tatort“ schreibt, auch darauf zurückführt, dass viele von ihnen Frauen sind. Weiblicher ist der „Tatort“ auch geworden, bei den Kommissaren wie bei Zuschauern hat der Frauenanteil stetig zugenommen. In Dresden wird es erstmals drei Ermittlerinnen in einem Team geben, Heike Makatsch wird in Freiburg wohl als Solistin auftreten wie Maria Furtwängler in Hannover.

Und noch einen Grund für das Zeitgemäße des „Tatorts“ führt Niki Stein an: Experimentieren könne er als Regisseur und Autor im deutschen Fernsehen eigentlich nur noch hier. Gerade die Konventionalität des Settings (die Hauptfiguren sind bekannt, wir verlieren sie nicht aus den Augen, sie werden sich nicht groß verändern und schon gar nicht sterben) und die Vertrautheit mit der Reihe seien Voraussetzungen für das Versuchslabor, das der „Tatort“ im deutschen Fernsehen darstellt.

Den Reihen-Charakter hebt „Tatort“-Koordinator Gebhard Henke hervor. Anders als in Serien könnten die einzelnen Folgen immer wieder bei null beginnen. Es sei paradox, alle forderten das „horizontale“, komplexe Erzählen nach dem Vorbild der amerikanischen Serien, in deutschen Krimis aber erlebe das ansatzlose Lineare, das immer zur gleichen Zeit beginnt, einen neuen Höhenflug.

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