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„Tatort“ aus München : Weitermachen, wenn es weh tut

  • -Aktualisiert am

Am Boden:Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) Bild: X Filme/Hagen Keller

Im „Tatort. Der Tod ist unser ganzes Leben“ kommen die Kommissare Batic und Leitmayr an ihre Grenzen - und geraten ins Visier der internen Ermittlung.

          Der Mann ist kaum fähig, im Krankenhausflur ein Bein vor das andere zu setzen. Doch man hat ihn einbestellt; die Videokamera zur Aufzeichnung seiner Anhörung steht schon parat, und der Einzige, der sich zum Geschehen der vorausgegangenen Wochen ähnlich sachkundig äußern könnte wie er, liegt auf der Intensivstation im künstlichen Koma: Ivo Batic (Miroslav Nemec). Durch eine Scheibe kann Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) das fahle Gesicht und den verkabelten Körper seines Kollegen sehen, während er selbst sich mit Hilfe einer Krücke in einen betonkalten Saal schleppt.

          Alles begann mit der Folge „Die Wahrheit“

          Leitmayr hinkend wie Captain Ahab, Batic halbtot? Der Fall Schröder, zu dem Hauptkommissar Leitmayr vor internen Ermittlern aussagen soll, hat sich offenbar dramatisch entwickelt. Die Anfänge der Verwicklungen sind dem treuen „Tatort“-Zuschauer aus der hochgelobten Folge „Die Wahrheit“ vom Oktober bekannt. Sie handelte von einem Mörder, der einen Familienvater auf der Straße erstach – und unentdeckt blieb, was vor allem Batic schwer zusetzte. Der Kommissar kam nicht damit zurecht, die Hinterbliebenen des Opfers, Taro und Ayumi Schröder, an der Ungewissheit leiden zu sehen.

          Invaliden unter sich: Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl, rechts) hat es hart getroffen.

          Die neue Episode „Der Tod ist unser ganzes Leben“ spinnt den Faden nun fort. Trotzdem lässt sie sich auch als eigenständiger Fall sehen: hochspannend und so kunstfertig in Splittern und Wiederholungen erzählt, dass man von der Handlung eigentlich gar nichts vorausschicken darf. Dass einzelne Protagonisten etwas hastig skizziert wurden (Buch Holger Joos), fällt erst rückblickend auf, ist aber bei einem derart fesselnden Krimi, in dessen Fokus die Kommissare stehen, verzeihlich.

          In den ersten Minuten erleben wir den angeschlagenen Franz Leitmayr, wie er sich zu seiner Anhörung schleppt und dort berichtet, dass der Mörder Benjamin Schröders vor einigen Monaten abermals zugeschlagen habe. In einer von vielen, hier auf Zeitlupentempo und gedämpfte Umgebungslaute setzenden Rückblenden (Kamera Jonas Schmager, Musik Sebastian Pille) erleben wir den Täter höchstselbst. Wie abgekapselt von der wirklichen Welt wirkt der blasse Einzelgänger mit dem kahlen Hinterkopf (Gerhard Liebermann). Auch sein Job in einem Münchner Museum ist stumpfsinnig. Nun wandelt er über einen belebten Platz und verfolgt das Himmel-und-Hölle-Spiel einiger Kinder. Ein Mädchen wirft einen Stein auf Feld fünf. Den Beobachter lässt die Zahl nicht los: Er beginnt die Menschen, an denen er vorbeikommt, langsam zu zählen: eins, zwei, drei, vier. Dem fünften stößt er ein Messer ins Herz.

          Batic kurz vor dem Kontrollverlust

          Die grausame Tat wird von einer Kamera aufgezeichnet. So wird der Wiederholungstäter immerhin gefasst, und auf die Frage, was ihm seine Opfer angetan hätten, antwortet mit dem Lächeln des Geistesgestörten, der als Philosoph gelten will: „Wieso sollen sie mir etwas getan haben?“ Batic, ohnehin entkräftet wie selten, weißhaariger und älter wirkend als jemals zuvor, bringt das zur Weißglut. Das wiederum beschäftigt das Trio, welches Franz Leitmayr im Rahmen interner Ermittlungen verhört.

          Denn die Ereignisse, um die dieser Münchner „Tatort“ kreist, bis Regisseur Philipp Koch den Weg Richtung Auflösung weist, brachten Leitmayr und Batic erst nach den Verhörszenen in die Krankenhausbetten. Sie könnten das berufliche Ende eines Duos bedeuten, das seit 1991 gemeinsam auf Verbrecherjagd ist. Interne Ermittler gibt es, wo Interne verdächtig sind, und Batic hat der Fall nicht nur physisch, sondern auch psychisch lädiert. Vielleicht aber auch nicht, Koch inszeniert für die Knobelfreunde unter den Krimifans. Leitmayr lässt auf seinen Kollegen trotz mancher Zweifel nichts kommen. „Wenn’s sein muss, schieb’ ich dich im Rollstuhl zum nächsten Tatort“, verspricht er Batic. Ob es den geben wird? Das lässt dieser gleichermaßen trostlose wie nervenaufreibende Krimi lange offen.

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