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Der „Tatort“ aus Weimar : Bauhaus ist, wenn man trotzdem lacht

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„Die Stimmung, die von der Baukunst ausgeht, kommt dem Effekt der Musik nahe“, sagt der Dichter. Was heißt das für die Kommissare (Nora Tschirner, Christian Ulmen)? Bild: MDR/Anke Neugeb

Das zwiebelt aus der vollen Brust: Bei Nora Tschirner und Christian Ulmen, dem komischsten aller „Tatort“-Teams, muss der alte Goethe Staub fressen.

          Da nahen sie schon wieder, die Schwankgestalten aus der Hochtiefkultur. Von Zeit zu Zeit sehen wir die Jungen gern, keine Frage. Doch wurde die Frequenz nun deutlich erhöht, schließlich lief erst an Weihnachten eine jener charmanten Grotesken aus Weimar. Da aber die neue Episode, ein Drehbuch-Solo von Murmel Clausen (erstmals ohne Andreas Pflüger), noch lustiger, geschlossener und cleverer, kurz: noch besser ist als die schon ziemlich flotte Folge „Der wüste Gobi“, soll uns die schnelle Rückkehr des dauerstichelflirtenden Ermittler-Ehepaars Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) – blitzgescheite Ironikerin und knuffiger Besserwisser – mehr als recht sein.

          Die Wette ist aus in diesem Weimar, Mephisto hat gesiegt. Gute Menschen, sich in ihrem dunklen Drange des rechten Weges wohl bewusst, findet man nicht mehr. Dafür das Gegenteil in aller Pracht: Selbstsucht, Bruderkrieg und Eskapaden hinter sanierten Fassaden. Nicht zu vergessen den Neid. Da schlummert man als Mikrochip-Milliardär friedlich in seinem Bettchen, während die blutjunge Gattin Lollo (Ruby O. Fee), die vor nicht langer Zeit noch im Etablissement „Chez Chériechen“ von Fritjof „Fritte“ Schröder (Andreas Döhler) getanzt hat, mordsteure Pumps im Internet bestellt, und schon streckt einen ein finnischer Killer mit drei Schüssen nieder. So aber lässt das Rotlichtdummchen nicht mit sich umspringen – und ballert den Killer ab.

          Der Fall lebt von gelungener Situationskomik und lakonisch-zotigem Sprachwitz

          Es ist schon elegant, wie der Film in der Regie von Titus Selge von dieser glamourösen Russ-Meyer-Szene über Kandinskys „Weiches Hart“ von 1927, das über dem Bett des Milliardärs hängt und gleich das Kain-Abel-Leitmotiv des Films einführt: „Auch in den Farben der Kampf: das kalte Blau trifft auf das heiße Rot“, in die Niederungen der Weimarer Kulturpolitik vorstößt, ohne dabei an Tempo oder Witz einzubüßen. Der Ermordete wollte der Stadt nämlich ein Grundstück am Frauenplan schenken, damit dort „Goethes Geo-Museum“ errichtet werden könne. Damit wären freilich zwei Alternativstandorte aus dem Rennen, ein Gelände in Tiefurt, das einer Offshore-Firma in Panama gehört, und der berühmte Travertin-Steinbruch in Ehringsdorf, wo schon Goethe buddelte und der hier noch in Benutzung ist. Ausgerechnet Frittes Bruder Martin (Sascha Alexander Geršak) und seine Frau Cleo (Elisabeth Baulitz) – suspekt, suspekt – haben ihn in den Ruin gewirtschaftet, denn sie müssen ein Unfallopfer auszahlen. Die Millionen für das Grundstück wären willkommen.

          Die Standort-Jury wiederum wird geleitet vom distinguierten Architekturprofessor Bock (Niels Bormann), der selbst in undurchschaubarem Kontakt mit Cleo Schröder und deren Tochter Simone (Paula Kroh) steht. Innerhalb dieses eher kleinen Kreises von Beteiligten führt jedes aus der Nase gezogene Eingeständnis nun zu immer neuen Konstellationen. Aber dieser Fall ist nicht nur klüger gebaut als manch ernstgemeinte Episode, er lebt wieder von gelungener Situationskomik und lakonisch-zotigem Sprachwitz, der es bis in die Unterkellerung der Dialoge mit der in Weimar immer drohenden Klassizität aufnimmt: „Kollegen, ich zwiebel ab“, dekretiert etwa Kommissariatsleiter Stich (Thorsten Merten), bevor er feststellt, dass sein „Hering hupt“.

          Geistlos ist das nicht. Lessing argumentiert mit Ockham und findet sogar während eines Bordell-Einsatzes noch Zeit für einen Grammatik-Striptease vor „rechtschaffendem Bürger“: „Rechtschaffen! Rechtschaffend bin ich.“ Stets parat hat er ein Goethezitat, etwa „Sieh der Lebenswunden Tücke/ Sieh der Liebeswunden Lust“, dem seine Angetraute frech Selbstgedichtetes entgegensetzt: „Am Abend lässt die Schwägerin den Schwager ins Gehege ‘rin.“ Doch auch dem groben Kalauer wird Ehre erwiesen, wenn die beiden bei kalten Fritten über den kalten Fritte reden.

          Etwas zu sehr an den seichten Humor aus Münster erinnert die Nebenhandlung rund um Stichs Hochstapler-Vater, die anders als eine ebenfalls stumpfe Kindergarten-Nebenhandlung immerhin ordentlich mit der Geschichte verschleift wurde. Großartig inszeniert indes ist der Tod einer zweiten Figur, die nach fulminantem Todestanz von niemand Geringerem als Walter Gropius niedergestreckt wird. So macht das Bauhaus kurz vor dem hundertsten Jahrestag noch einmal klar, dass es sich ebenfalls als das Harte sah, das sich in die klassikverzückte Weichheit der Weimarer Republik bohrte. Schön in kaltem Blau gehalten sind denn auch die Aufnahmen aus der Bauhaus-Universität gegenüber dem hitzigen Rot des Tanzlokals. Am Ende geht es dann doch mehr um Blut als um Boden, Goethes Geist versinkt im Staub. Das martialische, wuchtige, emotionale Finale ist die verdiente Krönung dieses köstlich zwiebelnden „Tatort“ aus Weimar.

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