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„Tatort“ aus Berlin : Da fehlt doch ein Bild an der Wand

  • -Aktualisiert am

Beschäftigt mit Altlasten: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) ermitteln in der komplizierten Familiengeschichte von Klaus Keller. Bild: rbb

Die Altlasten eines guten Deutschen: Im „Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht“ kommt ein alter Mann mit dunkler Vergangenheit ums Leben. Der Fall wirkt etwas überkonstruiert.

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          Arm und sexy soll sie sein, lässig bis in die Image-Werbung der Verkehrsbetriebe – in Wahrheit aber ist die Hauptstadt Berlin vor allem gespenstisch. So ziemlich jede Ecke der Stadt triggert Erinnerungen an dunkle Kapitel der deutschen Geschichte. Der Berliner „Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht“, der zwölfte um die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke), weiß mit diesem Grauschleier routiniert zu spielen: Der Bauunternehmer Klaus Keller (Rolf Becker), der sich seit Jahrzehnten für die Aussöhnung mit Israel engagiert und dort in Kürze ein Holocaust-Zentrum errichten wird, feiert in einem Restaurant in seinen neunzigsten Geburtstag hinein. Er ist ein betont kultivierter, belesener Mann.

          Schnitt und Schuss: Eine Kugel beendet Kellers Dasein, kaum dass ihn ein Taxi durch den Regen nach Hause gebracht hat. Er liegt tot auf dem Balkon seiner Wohnung. An seinem Hals hängt ein Schild: „Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen.“ So ähnlich habe es einst die SS bei der Hinrichtung von Deserteuren gemacht, weiß Nina Rubin bei der Tatortbegehung am nächsten Morgen. Sie vermutet ein Verbrechen von rechts.

          Wir hingegen vermuten früh: Da liegt sie falsch. Denn zwar stellt sich heraus, dass der West-Berliner Klaus Keller einen Ost-Berliner Neffen mit Namen Fredo (Jörg Schüttauf) besitzt, der für die „völkische Liste“ im Senat sitzt. Aber der Mörder könnte auch in einer ganz anderen Richtung zu suchen sein. Klausens Bruder Gert etwa, genannt „Keller Ost“ (Friedhelm Ptok), arbeitete in der DDR für die Stasi, blieb auch nach der Wende auf Distanz zum Kapitalisten-Bruder im Westen – und springt verdächtigerweise vom Dach in den Tod, als die Ermittler bei ihm aufkreuzen.

          Die gemeinsame Vergangenheit von Ost und West

          Schon zeigt uns Kamerafrau Eva Katharina Bühler nachdenkliche Bilder von der Gedenkstätte Berliner Mauer. Dazu läuft dieser „Tatort“ an einem Wochenende, an dem der „Tag der deutschen Einheit“ ansteht, dreißig Jahre und so. „Ein paar Worte nach Mitternacht“ aber kreist nicht abermals um den Osten wie die Episode „Das Leben nach dem Tod“, die zum dreißigjährigen Gedenken an den Mauerfall im letzten November lief. Das Drehbuch von Christoph Darnstädt, der schon eine ganze Reihe von „Tatorten“ wie den allseits gelobten Berliner Fall „Der gute Weg“ schrieb, erinnert in Form einer Geschichtsstunde vielmehr an die gemeinsame Vergangenheit von Ost und West und die Schwierigkeit, mit ihr zu leben.

          Ein Bild aus Kriegsjahren, das am Tatort verschwand und die Brüder Keller in HJ-Uniform zeigt, beginnt eine Rolle zu spielen. Um die moralische Verwerflichkeit dieser Mitgliedschaft, die ab 1939 verpflichtend war, macht der Film vielleicht etwas viel Bohei. Auch wenn Rubin später in der Wanne liegt und darüber sinniert, ob man nicht vielleicht doch eine Wahl hatte, die HJ-Uniform anzuziehen. Kollege Karow ist da schneller im Urteil: „Fast alle Jungs waren damals HJ, mussten sie ja.“

          Allerdings scheinen die Brüder weit mehr als bloß mitlaufende Hitlerjungen gewesen zu sein. Die im Pflegeheim lebende Else Keller (Katharina Matz), Gattin von Klaus, spricht in einem ihrer seltenen klaren Momente von engagierten Brüdern, die HJ-Führer wurden. Und sie erklärt am eigenen Beispiel, was ideologische Verblendung im Kindesalter bedeuten konnte: Else verriet als „Jungmädel“ – der Blick der jüdischen Kommissarin wird bei der Schilderung immer entsetzter und leerer – jüdische Nachbarn an die Gestapo.

          Die Brüder Keller dürften ähnlich Schlimmes getan haben, und auf die Enthüllung dieser Taten läuft „Ein paar Worte nach Mitternacht“ hinaus. Etwas überkonstruiert wirkt dieser Krimi zwar und auch etwas zu stolz auf ein eingestreutes Tschechow-Zitat. Rätselhaft und spannend aber bleibt er bis zum Schluss. Die Palette derer, die für den Tod von Klaus Keller verantwortlich sein könnten, umfasst neben Bruder Gert und Neffe Fredo noch dessen Sohn Michael (Stefan Kurt), der die Baufirma im Alltag führt, dessen wenig sympathische Gattin Maja (Marie-Lou Sellem), Enkel Moritz (Leonard Scheicher), der am Holocaust-Mahnmal jobbt, sowie eine Kellnerin namens Ruth (Victoria Schulz), die eigentlich Geschichte studiert und Karow für einen kurzen (und sogar recht drolligen) Moment den Kopf verdreht. Die geschichtsschwere Gedenktafel, die der Zuschauer irgendwann zu sehen bekommt, gibt es tatsächlich.

          Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht läuft am Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten.

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