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„Tatort“ aus Stuttgart : Leiche im Keller der Wohnoase

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Stuhlkreis: Die Hausgemeinschaft streitet über Pfusch am Bau, dann bekommt sie unverhofften Besuch von der Polizei. Bild: SWR/Benoit Linder

Der Stuttgarter „Tatort“ taucht in die Welt schwäbischer Ökospießer ein. Voller Verständnis schaut der Regisseur und Autor Dietrich Brüggemann auf ein aktuelles Milieu.

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          Als 2007 der 25. und letzte SWR- „Tatort“ mit Kriminalhauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) gesendet wurde, war für manchen Zuschauer der Niedergang des Schwäbischen im Programm des Ersten perfekt. Die Neuen, Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare), kamen von irgendwoher, aus dem Verdeckte-Ermittler-Milieu oder von der Karriere-Schnellstraße, waren jedenfalls nicht in der Provinz verwurzelt. Das solide Stuttgart sollte mit Lannert und Bootz auf einmal aussehen wie die „Straßen von San Francisco“. Der Stuttgarter „Tatort“ wurde hochdeutsch. Die Entrüstung der Bienzle-Fans hat sich gelegt, vor allem seit die Re-Regionalisierung des „Tatorts“ mit der allgemeinen Tendenz zur Stadtflucht konvergiert und wieder einmal als Erneuerung des Formats verkauft wird.

          Spätestens seit Multikünstler Dietrich Brüggemann (Regie, Buch, Musik, Casting) 2017 mit dem „Tatort: Stau“ Stuttgart als deutsche Hauptstadt des Stillstands auf die Landkarte brachte, in der sich das Leben als unbewegliche Ökosünder-Blechlawine auf der „Neuen Weinsteige“ abspielte, war die Stadt mit der Provinz versöhnt. Die täglichen Arbeitsweltnichtbewegungen als Hindernis des Zu-sich-selbst-Kommens am Feierabend; Ermittler, die sich von Karosserie zu Karosserie vorarbeiten müssen, um ihren Mörder zu überführen, und sich dabei in der intimen Situation des Autoverhörs so fern der Komfortzone befinden wie ihre Verdächtigen – Brüggemanns erster „Tatort“ wurde zu Recht zum Klassiker der Reihe. Dem er mit „Murot und das Murmeltier“ (HR) ein herrlich verspieltes Tukur-Zeitschleifendrama anfügte. „Das ist unser Haus“ ist Brüggemanns dritter „Tatort“, und er ist wieder anders geraten, nicht herausragend, aber sehr ansehnlich.

          Bei der „Wohnoase Ostfildern“ hängt vier Wochen nach dem Einzug der Genossenschaftsparteien der Haussegen schief. Obwohl das eigentlich gar nicht sein kann. Die schwäbelnden Stuhlkreis-Ökospießer mit Waldorfanschluss, Allharmoniebedürfnis und Aurahypersensibilität haben schließlich Jahre gebraucht, um ihr Mitbewohner-Auswahlverfahren zu vervollkommnen und ihren Gemeinschaftshäuslebau mit Hilfe tausendundeiner basisdemokratischen Gruppensitzung positiv abzuschließen. Die Baufirma hat zwar gewarnt, das Kollektiv aber hat sich durchgesetzt, und nun „haben wir den Salat“, wie Bewohner Marco (Joseph Bundschuh) meint und dafür sofort von der Runde ermahnt wird: kein „selbstabdichtender Kommunikationsstil“ und nur „gewaltfreie Sprache“, bitte. Kerstin (Nadine Dubois) findet, Wasser im Keller sei auch zu etwas gut. „Eine Chance, unsere Einstellung zu ändern.“ Das sehen Martina (Anna Brüggemann) und ihr Mann Karsten (Michael Kranz) anders. Wo soll das Geld für die Neuabdichtung der Außenwand herkommen? Wollte man sich nicht von den Zumutungen des Finanzsystems abkoppeln? Es sei überhaupt die Schuld des „Arbeitskreises Bau“, dass wegen falsch aufgebrachter „Ökopampe“ die Wände nass sind. Nur mit Mühe habe er die Gruppe davon abbringen können, das Dach mit Knäckebrot zu decken, erinnert sich der Bauleiter.

          Viel schlimmer: „Wir haben eine Leiche im Keller“, vielmehr „eine Leiche am Keller, außen“, in der wieder geöffneten Baugrube. Eine Reminiszenz an heidnische Menschenopfer vor Kathedralen, wie jemand spekuliert? Finn (Kilian Jürgens), smartphoneaffines Kind des in Trennung lebenden „toxischen Mannes“ Udo (Eike Jon Ahrens), erkennt in der Toten Beverly, eine im Vorjahr abgelehnte Bewerberin. Hatten sie nicht ebenfalls einen gewissen Stefan (Musiker Heinz Rudolf Kunze) zurückgewiesen, weil Beverly in seiner Gegenwart irgendwie sexualisierte Gewalt spürte? Ulrike (Christiane Rösinger), so etwas wie die Mutter der Kompanie, mahnt vergeblich zur Besonnenheit. Wendelins (Oliver Gehrs) Praxis für „Interkostalkinetik nach Dr. Feinschier und Integrative Körperarbeit“ (oder so ähnlich) erreichen auch so schon negative Schwingungen genug, und das Frauenpaar Viktoria (Lana Cooper) und Birgit (Désirée Klaeukens) hat Eifersuchtsstress für drei.

          Ohne „Retro“ zu sein, sondern ganz der Aktualität des Themas „Wie wohnen?“ verpflichtet, schließt „Das ist unser Haus“ an Bienzlezeiten an. Erst einmal schwäbelt das große Ensemble, was das Zeug hält. Nicht alle sind Schauspieler (wie die Komiker der Truppe „Eure Mütter“ mit ihrem Kurzauftritt im Grafikbüro), aber das tut dem erhellenden Vergnügen am Ausflug ins Alternativbiotop Ostfildern keinen Abbruch. Zweitens hilft bei der Aufklärung des dubiosen Falls nichts als unendliche Geduld, einst Bienzles Stärke. Nach Gruppensitzungen und Aurareinigungen geht zwar nicht diesem dialogstarken „Tatort“ die Luft aus, aber zumindest Bootz: „Ich kann langsam nicht mehr.“ Tod durch Totquatschen kann schmerzhaft sein. Verfolgungsjagden finden in diesem Milieu selbstverständlich mit dem Fahrrad statt und werden durch solidarische Menschenketten beendet. Lannert mit seinem Porsche sieht auf einmal ganz schön alt aus.

          Zum Dritten und Letzten denunziert Brüggemann seine Figuren trotz aller genau aufgespießten Absonderlichkeiten keineswegs, auch wenn Ulrikes Sympathiemonolog am Ende lang gerät. Lannert, selbst einer Alters-WG nicht abgeneigt, sieht, dass die Alternative zur Alternative heißt, jeden Samstag das Auto auf dem Bürgersteig mit dem Handstaubsauger zu traktieren. Oder Schlimmeres. „Das ist unser Haus“ (Buch, Regie, Musik, Casting Dietrich Brüggemann, ebenfalls Buch Daniel Bickermann, Kamera Andreas Schäfauer) hat mit Satire die entwaffnende Genauigkeit der Beobachtung gemein, schaut aber vorwiegend verständnisvoll auf die Figuren – alles schwäbische Originale. Und Stau kommt auch wieder vor.

          Der Tatort: Das ist unser Haus läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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