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„Spreewaldkrimi“ im ZDF : Wer hat Angst vor dem Wolf?

  • -Aktualisiert am

Waidmannsheil: Kommissar Krüger (Christian Redl, links) und Helmut Drilling (Bernhard Schütz) suchen den Wolf. Bild: ZDF und Arnim Thomaß

Im „Spreewaldkrimi“ geht ein Wolf um. Ein Jäger will ihn töten. Kommissar Krüger denkt derweil daran aufzuhören. Schließlich sieht er schon Leute im Hasenkostüm durchs Unterholz eilen. Ist er verrückt geworden? Ist er nicht.

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          Der Wolf ist zurück im Spreewald. Eingewandert nach Brandenburg aus einem polnischen Wildgehege. Für den Jäger Helmut Drilling (Bernhard Schütz), der sich tief im Wald auf einem Hochsitz eingerichtet hat, heißt die Lösung: töten, nicht vertreiben. Der Wolf mordet zum Spaß, sagt er. Er tötet mehrere Schafe, wenn er nur eins fressen will.

          Die Spezies gehört nicht in diesen Lebensraum, zu den mystischen Fließen, den Wasserläufen, die im „Spreewaldkrimi“ auch in der zwölften Ausgabe erscheinen wie Wege zwischen Realität und Unterwelt, Styx oder Lethe. Der Wolf ist scheu – und er ist schlau. Anders als bei Rotkäppchen. Der Einzige, der ihn zu Gesicht bekommt, ist Kriminalrat Thorsten Krüger (Christian Redl), der nach dem letzten Fall im Bauwagen seine Wunden leckt – dort draußen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Polizist Fichte (Thorsten Merten) muss dieses Mal fast allein ermitteln, unterstützt von der jungen Nachwuchskraft Luise Bohn (Alina Stiegler), die es nach allgemeiner Ansicht weit bringen wird.

          Ein Motocrossfahrer ist verunglückt. Zwei Forstarbeiter geraten bei der Beseitigung von Sturmschäden in Streit, einer stürzt hoch aus der Baumkrone ab. Während unbekannte Wohltäter unterfinanzierten sozialen Einrichtungen dicke Geldbündel in die Briefkästen stecken, fallen andere Wildfremde in Brandenburg ein. Ein „Chapter“ der Rockergang „Die Wölfe“, von einem aufmerksamen Staatsanwalt aus Stuttgart vertrieben, scheint ein neues Revier für organisierte Kriminalität zu suchen. Und Krüger überlegt, sich pensionieren zu lassen. Statt der intuitiven Bilder und Ahnungen, die ihn in der Vergangenheit immer wieder zur Lösung der Fälle führten, sieht er nun seltsam verzerrte Figuren mit Hasenköpfen in unscharfer Aktion. Dass diese durchaus mit der Lösung der kriminellen Geflechte in „Zeit der Wölfe“ zu tun haben, zeigt sich erst im Rückblick dieses Films, wenn sich die assoziativ verwendeten Zeitebenen, die kreativ verwürfelten Abläufe zu ihren Zusammenhängen rekonstruieren lassen.

          Der „Spreewaldkrimi“ war dramaturgisch und erzähltechnisch von Anfang an eine anspielungsreiche Besonderheit unter den Krimireihen, und er bleibt es auch bei diesem Fall, bei dem sich am Ende alle vorläufig irritierenden Details zum stimmigen Bild fügen werden. Das Drehbuch von Thomas Kirchner verbindet in „Zeit der Wölfe“ mystische und volksweise Anschauungen vom Wald als Schauerort und vom Wolf als furchterregender Sagengestalt mit realistisch-handfester sozialer und politischer Kritik.

          Der Spreewald scheint diesmal nicht nur von allen guten Geistern verlassen. Bundesbeamte wie Luise Bohns Vater Dirk (Sascha Alexander Geršak), der an den Landesstraßen Schlepper aufgreift und Geflüchtete zur Erstaufnahme begleitet, stehen der Ordnungsmacht ihres Staates zunehmend skeptisch gegenüber. Während vor Ort Kindergärten verfallen, steigt die Wut über die Konzentration der Mittel. So weit das Terrain (Regie Pia Strietmann).

          Im „Spreewaldkrimi“ werden solche Motive nicht nur rechtspopulistisch angespielt, sondern mit archetypischer Metaphorik verbunden. Das könnte prätentiös wirken, geht aber wegen der eigenwillig sprechenden Bildgestaltung von Philipp Kirsamer und vor allem wegen des herausragenden Schnitts von Sebastian Thümler gut auf. Alina Stiegler und Sascha Alexander Geršak spielen den aufziehenden Tochter-Vater-Konflikt kraftvoll; Thorsten Merten gibt seinem meist in zweiter Reihe stehenden Dorfpolizisten Fichte berufsethisch einiges zu beißen. Vordergründig kümmert sich Krüger, dessen Hasenvisionen eine Hommage an David Lynchs „Twin Peaks“ bilden, nur um das Schicksal des – im Übrigen geschützten – Wolfs. Doch Krüger wird aus dem Bedeutungslabyrinth herausfinden. Bei alldem bleibt der „Spreewaldkrimi“ „echter“ Krimi mit hohem Auflösungsdruck und ist nicht bloß gedankliche Spielerei um Gerechtigkeitsfragen.

          Spreewaldkrimi – Zeit der Wölfe läuft an diesem Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

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