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Der Schwarzwald-„Tatort“ : Weite enge Welt

  • -Aktualisiert am

Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) hat nicht mehr damit gerechnet, dass das verschwundene Mädchen nochmal auftaucht. Aber jetzt haben er und Franziska Tobler (Eva Löbau) tatsächlich Spuren von ihr gefunden. Bild: SWR

Flirrende Sommerhitze als Kulisse für eine ambivalente „Lolita“-Geschichte: Im Schwarzwald-„Tatort: Für immer und dich“ geht es um fatale Abhängigkeit.

          Es ist so leicht. Das Leben, wie es da als Abenteuer auf der Straße vor ihnen liegt. Die Windschutzscheibe mit Vignetten beklebt, die vom Weg erzählen, den sie zurückgelegt haben. Fruchtgummikirschen, eine Schneekugel, Klimbim am Rückspiegel. In etwas verkitschter Roadmovie-Ästhetik beginnt dieser „Tatort“, der von der fünfzehn Jahre alten Emily (Meira Durand) und ihrem Liebhaber, dem Mittvierziger Martin (Andreas Lust), handelt. Emily ist ein dünnes, zerbrechliches Mädchen. Ihrem Hund steckt sie Haarspangen ins Fell, auf der Toilette einer Raststätte schiebt sie sich abgeklärt die Pille in den Mund, bevor sie sich mit kratzigen Papiertüchern die Achseln wäscht.

          Der Fall, den Franziska Tobler (Eva Löbau) und ihr Kollege Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) in „Für immer und dich“ zu lösen haben, ist schlicht. Sie fahnden nach einem Mädchen, das vor zwei Jahren verschwunden ist, nun gesichtet wurde, und verfolgen den Verursacher eines tödlichen Unfalls mit Fahrerflucht. Der Zusammenhang ist dem Zuschauer sofort klar. Was diesen „Tatort“ spannend macht, ist die Frage, ob Emily sich selbst befreit oder ob sie gerettet werden muss.

          Keine Geschichte aus Opferperspektive

          Die ersten Minuten des Films gehören dem ungleichen Paar im Auto, danach treten die Kommissare auf die Bildfläche, deren eigene Geschichte wie in den Folgen zuvor im Hintergrund verläuft. Ein bisschen Lokalkolorit ordnet den „Tatort“ einwandfrei ein. „Fährsch misch heim?“, fragt Franziska Tobler den Kollegen. In einem anderen Moment greift ein umweltbewusster Radler sofort zum Telefon, um zu melden, dass da jemand illegal Müll im Wald abgeladen hat.

          Der Schwarzwald passt zur Geschichte: Ferienzeit, wenig los, Natur, die in der Hitze flirrt. Den Sommer fängt die Kamera von Stefan Sommer (ja, wirklich) mit mild-gelben Lichtreflexen ein. „Ist wie Sommerferien“, sagt Emily über ihr Leben. Die Regisseurin Julia von Heinz erzählt keine Geschichte aus Opferperspektive. Emily wird manipuliert, doch sie tut auch, was sie will. Sie ist freiwillig bei dem Mann, der mit ihr durch Europa fährt, um ihrem engen Alltag in der Freiburger Platte zu entfliehen. Die Welt ist weit, und Emily scheint schon so viel davon gesehen zu haben. Kommissar Berg hingegen nennt es eine „kleine Welt“, als er sich vorstellt, so zu leben: immer allein mit diesem Mann, ohne Freunde, Gleichaltrige, auf der Flucht. Emily hat sich in eine neue Enge gebracht. Und in Gefahr, die sich andeutet, als Martin im Wald Emilys Hund mit einem Schraubenschlüssel erschlägt. Sie sucht das Tier und findet nur noch das Werkzeug mit Blut und Haaren daran.

          Andreas Lust spielt diesen Martin Nussbaum als Psychopathen und Verlorenen, mit viel manipulativer Energie: eine gleichsam abstoßende und mitleiderregende Figur. Fast will man ihm glauben, wenn er fleht oder sich entschuldigt. Im titelgebenden Lied von Rio Reiser heißt es: „Ich hab so oft für dich gelogen, und bieg dir den Regenbogen.“ So will auch der Liebhaber alles für Emily tun, und doch über sie verfügen. Ganz gleich, was dafür nötig ist, und am besten für immer. Meira Durand indes spielt die ambivalente Lolita. Kindlich freut sie sich über ihren Hund, lässig stürzt sie einen Schnaps, liebevoll küsst sie den Mann, mit dem sie unterwegs ist, genervt schiebt sie seinen Kopf zwischen ihren Beinen weg. Sie ist cool und verletzlich. Manchmal klebt Emily regelrecht an Martin, dann ist sie von der Erinnerung an den Sex, den sie hatten, angeekelt. So unterwandert diese „Tatort“ fortwährend die scheinbare sommerliche Unbeschwertheit, von der seine ersten Bilder künden. Dann kommt der Winter.

          Tatort: Für immer und dich, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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