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20 Jahre „In aller Freundschaft“ : Der Sachsenklinik gehen Notfälle nicht aus

Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann) gerät in Bedrängnis. Ob Sarah Marquardt (Alexa Maria Surholt), die Kollegin aus der Verwaltung, ihn rauspaukt? Bild: MDR

Seit zwanzig Jahren läuft „In aller Freundschaft“ in der ARD. Ein Ende der erfolgreichsten Krankenhausserie Deutschlands ist nicht abzusehen. Das muss Gründe haben.

          Zum Jubiläum darf es eine Fernreise sein, auch wenn Doktor Roland Heilmann sie nur widerwillig antritt. Der Sachsenklinik-Chef soll auf einem Kongress in Bangkok eine Rede halten, doch dann strandet er gemeinsam mit der Verwaltungschefin der Klinik und einem Assistenten in der thailändischen Provinz, weil ein Computervirus den Hauptstadt-Flughafen lahmgelegt hat. Gegen ein solches Virus ist selbst Heilmann machtlos, der, sein Name ist Programm, ansonsten an allem herumdoktert, was ihm das Drehbuch bietet. Ob jemand am Straßenrand aus den Latschen kippt, mit dem Moped verunglückt oder schwanger im Dschungel in Krämpfe verfällt: Doktor Heilmann, gespielt von Thomas Rühmann, ist zur Stelle, bisweilen sogar, bevor etwas passiert. Der Satz: „Das gefällt mir aber gar nicht“ zählt zu seinem Standard-Repertoire.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Heute gönnt uns das Erste eine Spielfilmlängen-Folge zum Sachsenklinik-Jubiläum, denn exakt am 26. Oktober vor zwanzig Jahren wurde die erste Episode von „In aller Freundschaft“ ausgestrahlt. Heute, 21 Staffeln und gut 830 Folgen später, sitzen durchschnittlich mehr als fünf Millionen Zuschauer immer dienstags um 20.15 Uhr vor den Bildschirmen, was die vom MDR in Leipzig produzierte Krankenhausserie zur erfolgreichsten im deutschen Fernsehen macht. „Damals dachte ich: Wenn es ein Jahr geht, wäre doch toll“, sagte Rühmann, der seit dem Serienstart 1998 dabei ist. „Heute, nach zwanzig Jahren, denke ich nur: Mannomann!“ Wer nach dem Ende der „Schwarzwaldklinik“, von „Ein Krankenhaus am Rande der Stadt“ oder „Doktor Stefan Frank“ dachte, Arztserien seien passé (tatsächlich liefen bis zur Jahrtausendwende zwei Dutzend davon bei uns im Fernsehen), muss sich eines Besseren belehren lassen. Für ein ziemlich großes Publikum geht nichts über den Blick ins Innere einer Intensivstation und ins Privatleben der behandelnden Ärzte sowieso.

          Freudentränen und „Waaaaahnsinn!“

          Entsprechend groß war am vergangenen Wochenende der Andrang zum Jubiläumsfest von „IAF“, wie Fans die Serie nennen, in der Leipziger Media-City. Wegen der überbordenden Nachfrage wurden fünfhundert Tickets unter Fans verlost, die aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz angereist kamen, um ihre Stars samt Serien-Set hautnah zu erleben. Beglückte Gesichter, Freudentränen und der zigfache Ausruf „Waaaaahnsinn!“ vieler Teilnehmer einer überwiegend mittelalten Generation offenbarten Gefühle wie 1989 beim Mauerfall. Auch jede Menge Publikumspreise, von der „Goldenen Henne“ bis zum „Bambi“, heimste die Serie schon ein. Kein Zweifel, die Arztserie, sie lebt! Das mag auch daran liegen, dass „In aller Freundschaft“ einem gewohnten Schema aus der vermeintlich guten alten Zeit und einer in gewisser Weise heilen Welt folgt: keine hektischen Schnitte, keine Cliffhanger, in sich geschlossene Episoden, die man auch mal verpassen kann, ohne den Anschluss zu verlieren; zudem verhalten sich die handelnden Personen so gewöhnlich, wie es nur geht, selbst die Chefärzte fahren nicht im Porsche vor.

          Stößchen! Sarah Marquardt (Alexa Maria Surholt) bittet den thailändischen Polizeipräsidenten Adirak Bunriag (Frank Richartz) um einen Gefallen. Was kommt dabei heraus? Ein romantisches Picknick am Strand.

          Trotz aller Lebensnähe bietet die Serie auch eine Flucht vor der Wirklichkeit, in der etwa ausländische Ärzte längst zum Alltag gerade auch sächsischer Kliniken gehören, während die Hauptrollen bei „In aller Freundschaft“ weiß besetzt sind und Minderheiten allenfalls am Rande vorkommen. Auch wird in der Sachsenklinik ausschließlich Hochdeutsch gesprochen, was laut ARD angeblich der Vermarktung hilft, aber zu Lasten von Originalität und Unverwechselbarkeit geht. In einer „Bayernklinik“, so sie es denn gäbe, wäre das undenkbar. „In aller Freundschaft“ bietet leichte, aber keineswegs geistlose Unterhaltung, und mancher Zuschauer mag das Gefühl haben, auch etwas zu lernen. Bisher seien 1580 Krankheitsbilder behandelt worden, informiert der MDR, 1295 Mal habe „das Team um Dr. Heilmann“ operiert, was nicht immer gut ausging: „44 Patienten starben den Serientod“, zwei Folgen seien als Lehrmaterial an Universitäten gezeigt worden.

          „Der Quatsch wird immer quätscher“

          Über die medizinischen Fälle hinaus bietet „In aller Freundschaft“ das pralle Privatleben in seiner für Fernsehserien typisch überdrehten, unterhaltsamen Form. Auch in der Jubiläumsfolge kommt es serienweise zu Unglücken und Missverständnissen, etwa wenn Doktor Heilmann im Dschungel herumirrt, sein Handy verliert und im Gefängnis landet, während Verwaltungschefin Sarah Marquardt, gespielt von Alexa Maria Surholt, bei der Suche nach ihrem Klinikdirektor vom Provinzpolizeichef, der fließend Deutsch spricht, intensiv beturtelt wird und mit ihm am Strand erst mal eine Flasche Champagner öffnet, statt nach dem Doc zu fahnden. Hier gilt das ubiquitäre Krankenhausseriengesetz: „Der Quatsch wird immer quätscher, bis er quietscht“, wobei der Film auch großartige Momente mit Michael Gwisdek als deutschem Honorarkonsul bereithält, der die spätestens an dieser Stelle völlig absurde Handlung auf die Spitze treibt.

          Am Ende wird wie fast immer alles gut, und solange sich das auch von den Einschaltquoten sagen lässt, dürfte es „In aller Freundschaft“ noch viele Jahre geben. Zurzeit laufen die Dreharbeiten für Staffel 22, die im kommenden Januar beginnt. Klinikalltag, Patientenfälle und das Privatleben der Protagonisten ergäben noch „ein unendliches Potential an dramatischen und emotionalen Geschichten“, teilt der MDR mit.

          So trifft es sich gut, dass alle Haupt-Protagonisten in der Serie noch oder gerade wieder Single sind. Da können sich die Drehbuchautoren austoben. Der MDR freilich muss aufpassen, dass er den Erfolg nicht überstrapaziert. Schon seit drei Jahren presst er die Marke „In aller Freundschaft“ mit einem Ableger namens „Die jungen Ärzte“ weiter aus, der ebenfalls wöchentlich im Vorabendprogramm läuft, und schon in Planung ist ein weiteres Produkt mit dem Titel „Die Krankenschwestern“, das von November an auf dem gleichen Sendeplatz zu sehen sein soll. Schwester, Skalpell bitte!

          Die Jubiläumsfolge In aller Freundschaft – Zwei Herzen läuft heute, Freitag 26. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten.

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