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„Reporterpreis“ nach Relotius : Taub für die falschen Töne

Das Problem der beim „Reporterpreis“ favorisierten Reportagen könnte längst behoben sein. Literatur dazu gibt es inzwischen genug. Bild: EPA

Im Schatten des Olivenbaums: Knapp ein Jahr nach dem Skandal um den preisgekrönten Fälscher Claas Relotius wird wieder der „Reporterpreis“ verliehen. Aber was ist aus den neuen Kriterien für gute Reportagen geworden?

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          Am Montag abend wird der „Reporterpreis“ verliehen, zum ersten Mal nach dem Skandal um den viermaligen Gewinner Claas Relotius, zum ersten Mal nachdem die Jury angekündigt hatte, Konsequenzen aus dem Fall zu ziehen. Um einen Betrug wie den von Relotius zu verhindern, wird zum Beispiel von den Autoren und Autorinnen ein „Making-of“ verlangt, „inklusive der Telefonnummern von wichtigen Protagonisten“, alle nominierten Arbeiten werden stichprobenartig überprüft.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ob mit einer solchen Sorgfalt schon alle Probleme gelöst sind, die die Texte Relotius’ aufgeworfen haben, ist eine andere Frage. Es waren ja nicht nur ein paar nörgelnde Theoretiker im Feuilleton, die angemerkt hatten, dass man vielleicht auch die Kriterien überdenken sollte, durch die sich eine auszuzeichnende Reportage auszeichnet. Auch ein paar der Juroren hatten nachträglich Relotius’ Stil als „zu nah am Rande des Kitsches“ und „phrasenhaft“ bezeichnet. Und hatten sich deshalb vorgenommen, dass „die Kriterien für die Nominierungen präzisiert werden“.

          Traurige Einzelschicksale

          Wer sich aber vor der Preisvergabe noch einmal die Liste der nominierten Texte für die beste Reportage anschaut, merkt von veränderten Kriterien wenig – noch immer hält man offensichtlich vor allem jene Texte für preiswürdig, die mit großem Aufwand und geschärftem Blick für Kleidungsstücke moderne Sozialtragödien anhand von traurigen Einzelschicksalen erzählen, Geschichten, die nichts erschüttern außer den Glauben an die Menschlichkeit: Es geht um misshandelte Kinder, um vergewaltigte Kinder, um tote Kinder, um Kinder im Krieg; um Menschen, die auf ein Herz warten; um deportierte Juden und um eine Touristenführerin in Auschwitz; um Gerhard Schröder und um einen gepfändeten Mops.

          Und wer die Texte trotzdem liest, der kann erst recht nicht glauben, wie taub die Jury immer noch für die falschen Töne ist, die sich schon von Ferne anhören wie das Detailgeklingel, welches Claas Relotius so perfekt beherrschte, bis in die Satzmelodie hinein: „Rosa sieht ihn noch vor sich, den Moment, als ihre Schwestern Belén und Lucía das Haus plötzlich verließen, es war im April, der argentinische Sommer ging zu Ende, das Schuljahr hatte begonnen, und es lag etwas Neues in der Luft“, so beginnt da also ein Text über südamerikanische Zwangsprostituierte. In einem anderen heißt es: „Zwei Monate nachdem Andreas Gammel das Video mit dem kleinen Khairi gesehen hat, steht er an einem Donnerstag im Juni unter einem Olivenbaum und blickt auf einen sandsteinfarbenen Tempel, der vor ihm aus den felsigen Hügeln ragt.“

          An einem kalten Montagabend, ein Jahr, nachdem ein notorischer Blender den deutschen Journalismus erschütterte, zwischen zwei Auftritten der Musikkabarettisten Geschwister Pfister, sitzen ein paar Dutzend elegant gekleidete Gäste wieder unter den Kronleuchtern eines Theaterzelts in der Nähe des Kanzleramts, und nichts Neues liegt in der Luft.

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