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„Der Prediger“ im Ersten : Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst

Kann man diesem Mann glauben? Jan-Josef Geissler (Lars Eidinger) stilisiert sich als Prüfung Gottes Bild: BR/Marco Nagel

Ein Mörder will Priester werden, aber darf er das? Lars Eidinger und Devid Striesow liefern sich im Fernsehfilm „Der Prediger“ ein bravouröses Duell.

          Irgendwann rastet einer aus. Nach gut einer Stunde ist das, wenn man als Zuschauer selbst schon ganz mürbe geworden ist von all diesen Gesprächen – in der Gefängniskapelle mit dem bleiernen Licht und in Wohnküchen, aus denen nie der Mief der Achtziger rausgelüftet wurde –, wenn der Kopf schwer ist von all diesen Unterredungen zwischen Seelsorge, Verhör und Beichte, in denen nur immer weiter verschwimmt, was dieser Mann da im Schilde führen mag, dieser verurteilte Mörder, der plötzlich von Jesus redet, Theologie studieren und katholischer Priester werden will und dafür pressewirksam den Segen des Bischofs erbittet, und als der Referent des Bischofs, der urteilen soll: Menschenfischer oder Rattenfänger?, längst nicht mehr weiß, was er noch glauben kann.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          All diese Lügen, es sei nicht auszuhalten, bricht es aus Gerhard Liebmann heraus, der den Vater der jungen Frau spielt, die Jan-Josef Geissler (Lars Eidinger) auf dem Gewissen haben soll, und speit immer neue Schimpfworte hinterher, voller Hass. Und wie er sich in diesen verbalen Gewaltausbruch hineinsteigern kann, ohne dass er nur eine Sekunde überdreht wirkte, zeigt, wie großartig der Drehbuchautor und Regisseur Thomas Berger den inneren Druck aufgebaut hat, um den es in seinem Film „Der Prediger“ geht.

          Worte, nichts als Worte

          Sein Druckmittel sind die Dialoge, denen er seine Figuren aussetzt, vor allem den Protagonisten Ralf Remberg, den Devid Striesow bravourös verkörpert. Dabei tut er nicht viel mehr, als halb gehemmt, halb leer in die Augen seiner Gegenüber zu blicken und hin und wieder schwer zu schlucken. Aber das reicht, um den ganzen Film zu tragen. Der Mann vom Bistum ist ein Schreibtischtäter, einer, der kaum Kontakt zu Menschen hat. Als persönlicher Referent des Bischofs jongliert er mit Worten. Er lüge nicht, sagt er, er betone bestimmte Aspekte der Wahrheit. In dem undurchsichtigen Geissler, der jeder Frage mit einer biblisch fundierten Gegenfrage begegnet, hat er seinen Widerpart gefunden, in den er sich rhetorisch verbeißt – bis die Frage: Was ist Wahrheit?, nur noch die von Pilatus zu sein scheint.

          Denn Geissler – Lars Eidinger spielt ihn mit kalter Glätte – will dem Kirchenmann sein eigenes Sprachspiel aufzwingen, in dem das Wort Wahrheit gar nicht vorkommt. Stattdessen kreist es um die Vergebung, die das Christentum doch jedem schulde. Geissler fordert sie ein wie ein Recht, drängt Remberg in die Rolle eines Richters und stilisiert sich selbst als Prüfung Gottes.

          An Ralf Remberg (Devid Striesow, links) nagt der Zweifel, Gefängnispfarrer (Götz Schubert) macht sich einfach von ihm frei Bilderstrecke

          Für den Zuschauer ist es nahezu unmöglich, diesem Geissler das zweifelnde Zutrauen entgegenzubringen, das langsam in Remberg keimt. Jeder, mit dem er spricht, erzählt ihm doch nur von Geissler, dem Lügner und Betrüger, dem Liebesunfähigen, der Menschen skrupellos für seine Zwecke missbraucht. Jetzt wolle er eben durchdrücken, dass das Verfahren um ihn neu aufgerollt wird. An der Schuld des Verurteilten aber zweifelt keiner. Sein einziger Fürsprecher ist ein Kinderschänder, dem er, ganz selbsternannter Seelsorger, im Knast den Arm um die Schultern legt und Gnade predigt. Und der liebenswerte Gutmensch von Gefängnispfarrer (Götz Schubert).

          Der Spannungsbogen zittert

          Dass Geissler Sympathiepunkte gewinnen soll, weil er in der Eingangssequenz gleich als Opfer gezeichnet wird, von einem Mob in der Zelle verprügelt, während er das Apostolische Glaubensbekenntnis betet und auch noch eine Kirchenglocke schlägt, ist eine der Zumutungen, die sich Thomas Berger hätte sparen können. Zu viel des Guten ist auch die Romanze, die sich zwischen Remberg und der erwachsenen Tochter (Susanne Wolff) des frommen Paars entwickelt, bei dem er übernachtet. Was sie zu beichten hat, soll die Geschichte des Mordopfers spiegeln, wirkt aber allzu konstruiert.

          Alles andere, was „Der Prediger“ aus einem Plot um Schuld und Vergebung, Verführung und Manipulation, Buße und Läuterung herausholt, ist mehr als sehenswert – von den präzise gezeichnete Figuren jenseits üblicher Katholikenklischees bis zu den klaren dunklen Bildern (Kamera Gunnar Fuß). Der Spannungsbogen zittert zwar oft. Aber er reicht dann doch bis zum Showdown, in dem endlich die Wahrheit auf den Tisch kommt. Glaubt man zumindest.

          Der Prediger läuft an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten.

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