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Der neue „Tatort“ aus Kiel : Leben und Sterben im Rausch

  • -Aktualisiert am

Das Glück strahlt in den schrillsten Farben: Rita (Elisa Schott) und Mike (Joel Basman) verfallen einander und dem Gift Bild: NDR/Christine Schröder

Der „Tatort“ aus Kiel ist auf Droge: Im Tal von Crystal Meth sind Tote beinahe Nebensache. Dieser Film ist ein ästhetischer Trip, der nachwirkt, Er hat, auch wenn er formstreng einen Entzug zeigt, die Wucht einer klassischen Tragödie.

          Was ist denn mit dem „Tatort“ los? Seit einiger Zeit überrascht die faltige Krimitante immer wieder mit straffen, unkonventionellen Folgen. Sie hat Energie getankt, sich frei gemacht - oder einfach etwas eingeworfen, wie in diesem Fall.

          Rolf Basedow, fraglos einer der besten Drehbuchautoren Deutschlands („Hotte im Paradies“, „Polizeiruf 110: Er sollte tot“, „Im Angesicht des Verbrechens“), der längst als Chronist des deutschen Ostens bekannte, aber immer noch junge, wilde Regisseur Christian Schwochow („Der Turm“, „Bornholmer Straße“) sowie der in diesem Fall besonders hervorzuhebende Kameramann Frank Lamm haben einen grandios hochgedrehten und zugleich verstörend beängstigenden Film über die Unerreichbarkeit einer in Drogennebeln von Realität und Verantwortung entkoppelten Jugend-Party-Szene gedreht.

          So gut Axel Milberg als Borowski und Sibel Kekilli als Sarah Brandt wieder sind, steht diesmal doch ein anderer Star im Zentrum, eine Mephisto-Figur, die man sich aber so schön und verlockend wie die Loreley vorzustellen hat: die Droge selbst. Es ist Crystal Meth, das Zeug aus „Breaking Bad“, billig und euphorisierend, das längst in Deutschland angekommen ist.

          Der Faszination der Droge nicht aus dem Weg gehen

          Jugendliche nehmen Crystal, weil es ihnen ein nie gekanntes Glück beschert („wirklich das geilste Gefühl der Welt“), weil es sie über sie selbst hinaushebt, weil man unendlich damit tanzen zu können glaubt. Dieser Faszination gehen die Filmemacher nicht aus dem Weg, eine Vorurteilsfreiheit, die den Film von den üblichen, in einer Art Abwehr-Zauber den körperlichen und seelischen Verfall Abhängiger beschwörenden Drogen-Krimis deutlich abhebt: Fear and Loathing in Techno Kiel.

          Junge, schöne Menschen sind es, die hier einen scheinbar nicht endenden Rausch der Sinnlichkeit durchleben, gefilmt in warmen Farben und mitreißenden Bildern, eine aufregende Feier des Lebens, die manch einem den Teufelspakt wert sein mag, zumal dem auch noch der triste Alltag des fiktiven Örtchens Mundsforde in fahlen Grau-Grün-Tönen gegengeschnitten ist, eine traurige Hühnerschlachterwelt voller Bauern am Rande des Wahnsinns.

          Die junge Rita Holbeck, fabelhaft gespielt von Elisa Schott, versucht den skeptischen Kommissar Borowski (Axel Milberg) um den Finger zu wickeln

          Umso tiefer ist der Sturz nach dem Höhenflug, die aufbrechende Traurigkeit. Schon dass die Glücksmomente nur in Rückblenden aufblitzen, in die sich irgendwann hysterische Schreiszenen mischen, deutet darauf hin, dass man am Erwachen nicht vorbeikommt, an der Rückkehr in eine Sphäre, die man hinter sich glaubte und durch die man sich nun als Verwundeter schleppt, innerlich verblutend an der Sehnsucht nach Wiederaufleben der Ekstase.

          Sich einem unersättlichen Ungeheuer verschreiben

          Einer der Abhängigen kehrt nicht zurück, Mike, er wurde erwürgt und enthauptet. Wie sein Kopf aus einem See geborgen wird, sehen wir gleich in den ersten Sekunden. Mikes Freundin Rita, soeben zurück aus der Drogenrehabilitation, meldet sich auf einen Fahndungsaufruf hin. Es ist eine Meisterleistung, wie glaubhaft und empathisch Elisa Schlott die Wandlungen Ritas unter Crystal-Meth-Einfluss darstellt, die Überwindung der Schüchternheit, die bald ebenso hemmungslose Aggressivität und den allmählich in ihr sich ausbreitenden Horrorgedanken, sich mit Haut und Haar einem unersättlichen Ungeheuer verschrieben zu haben.

          Der ohnehin kaum gangbare Weg zurück in eine Normalität ohne Flügel wird zusätzlich erschwert durch zwielichtige und natürlich mordverdächtige Typen, die Rita bedrängen. Doch auch Borowskis herzliches Mitgefühl ist geweckt, denn Rita erinnert ihn - der einzig verzichtbare Drehbucheinfall - an die aus den Augen verlorene Tochter. Ermittlungs-Klein-Klein, falsche Fährten, Pathologenlatein, das alles kommt vor, aber fällt nicht ins Gewicht.

          Dieser absolut sehenswerte „Tatort“ hat die Ästhetik eines Drogentrips und die entgegengesetzte Formstrenge einer Entziehungskur, die am brutalsten vielleicht in der Geometrie und Kälte des neu eingeführten Verhörraums zum Ausdruck kommt. Vor allem aber hat er die Wucht einer klassischen Tragödie: Den Mord, das wissen Kommissare wie Zuschauer, wird man aufklären; gerettet werden aber kann hier niemand mehr. Wo die Selbstzerstörung regiert, brechen Krimis entzwei, und nicht nur die.

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