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Neuer „Passau“-Krimi im Ersten : Beschaulichkeit ist nicht ihr Fall

  • -Aktualisiert am

Kommen sich erst in die Quere und packen es dann gemeinsam an: Marie Leuenberger als Ex-Polizistin, Michael Ostrowski als Privatdetektiv. Bild: BR/ARD Degeto/Hager Moss Film Gm

„Ein Krimi aus Passau“ heißt die neue Serie der ARD am Donnerstag. Sie macht es den Zuschauern nicht leicht. Daraus könnte etwas werden.

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          Passau ist – Grenzgebiet, Zufluchtsort, Anlaufstelle für Flüchtlinge, seit zweitausend Jahren, als hier das Römische Reich endete und der Limes die Germanen, später Alemannen und Thüringer, fernhalten sollte. Die dichten Wälder, eher tödlich als trostspendend, bergen die Relikte. Kaum scharrt man an der Oberfläche, erscheint Historie, Überreste blutiger Auseinandersetzungen und Vertreibungen. Noch 2015 landeten hier, am Ende der Ungarn-Route, so viele Flüchtlinge, dass übertrieben vom „deutschen Lampedusa“ die Rede war.

          Die Ansicht, dass Passau, dem barocken Altstadtensemble und dem thronenden Stephansdom zum Trotz, die unbeschaulichste unter den historischen Kleinstädten ist, kann man dagegen nachvollziehen. Passau lag im Zentrum des Streits der Ethnien und Kulturen. Schutz bot auch die bewohnte Halbinsel, die am Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz wie ein gewaltiger Schiffsbug ins Wasser ragt, nicht zuverlässig. Daraus lassen sich mit ein wenig Sinn für das Gewordene und Gemachte der Gegenwart Thriller-Funken schlagen. Abgesehen davon, dass das deutsche Fernsehen, das ja bald alle Städte von Kiel bis Füssen abgegrast haben wird, in dieser Hinsicht gefräßig wie ein Nimmersatt, Nachschub an Lokalitäten braucht.

          „Ein Krimi aus Passau“ nennt sich bedächtig tiefstapelnd die neue BR-Degeto-Serie, die an diesem und am kommenden Donnerstag mit den beiden Folgen „Freund oder Feind“ und „Die Donau ist tief“ im Ersten antritt. Eher Thriller als Krimi, macht sie mit dem Spielort anders Ernst als andere Städte-Formate, etwa ihr nächster Verwandter, der Salzburg-Krimi.

          Der Passau-Krimi will mehr Mentalitätsduftmarken setzen als Schauwerte offerieren. In der Auftaktfolge gibt es eine Ahnung, wo die Reise hingehen kann. Im Zuschauer-Beliebtheitsranking der ARD wird sie es vermutlich schwer haben. Ihre Figuren sind sperrig, selbst die jovialen Figuren haben seltsame Momente und Anwandlungen, nahezu Aussetzer, und es wird auch nicht all zu viel Charaktererläuterung gereicht.

          Das touristische Flair wird durch Historisierendes ersetzt, manchmal leider bloß mit Aufsageprosa der Nebenfigur Franz Hertel (Alexander Gaida), der, statt die Traditionsbäckerei seiner Mutter Roswitha Hertel (Bettina Mittendorfer) zu übernehmen, lieber als Museumshistoriker arbeitet. Seine wortreich-erklärende Passau-Passion wirkt leider wie eine Abbreviatur der dramaturgischen Bequemlichkeit. Die Hauptfiguren sind zunächst entweder unsympathisch und handeln erratisch (die ehemalige Polizistin Frederike Bader) oder halbseiden (Privatdetektiv Ferdinand Zankl). Die allzu hübsche, genervte Großstadt-Tochter der früheren Polizistin, die als Opfer gewisser Undercoverumstände ins Zuschauerherz geschleust wird, entpuppt sich als ziemliches Früchtchen, das den ganzen Mist, der schließlich zu einer neuen Waldruhestätte im archäologisch wertvollen Ausgrabungsgebiet führt, ursächlich verzapft hat. Gemütliches Mitraten, der übliche ARD-Zuschauersport, wird in dieser Reihe weniger geboten.

          Nur die Älteren – oder Netflix-Seher – werden sich an die österreichische Nonsens-Privatdetektiv-Serie „Kottan ermittelt“ erinnern. Privatdetektiv Zankl (Michael Ostrowski) scheint hier und da ein jüngerer Bruder im Geiste zu sein, weniger anarchisch, aber ähnlich chaotisch. Im Supermarkt will er gerade einen brutalen Ladendieb (Daniel Flieger) stellen, als eine Kundin den Übeltäter nach allen Regeln der asiatischen Kampfkunst außer Gefecht setzt und säuberlich verschnürt. Blöderweise, denn ihre Anweisung lautete, unbedingt unter dem Radar zu bleiben. Ihren Betreuer Jochen Mohn (Stefan Rudolf) bringt Frederike Baders (Marie Leuenberger) Aktion furchtbar in Rage.

          Ein paar Klicks, und Zankl hat die Geschichte auf dem Internet-Präsentierteller: Bader heißt nicht wirklich so, genau wie ihre Tochter Mia (Nadja Sabersky), die in der Bäckerei Tortenbestellungen verwaltet. In Berlin hat Bader gegen einen Clanchef als Kronzeugin ausgesagt. Trotz neuer Identität ist man ihr auf der Spur, Fahrlässigkeit ein No-Go. Bader belauert Zankl, Zankl belauert Bader. Zwischenzeitlich belauern beide einen schnöseligen Jurastudenten, den Zankl vertritt, bis er ein übles Verbrechen hinter dem Auftrag aufklärt, und Baders Tochter, die sich anscheinend aus Langeweile mit Dealern einlässt. Der Showdown, den der Clanbossneffe Ahmed Bahdari (Timo Fakhravar) in und um Passau herum inszeniert, verläuft auch anders als erwartet.

          Man kann in diesem „Krimi aus Passau“ entweder die Schwächen sehen oder das Potential. Die Kamera liebt bestimmte Einstellungen (entweder aus Bodennähe oder in Drohnen-Draufsicht), das Buch von Michael Vershinin entwirft den Mutter-Tochter-Konflikt im Exil Passau anschaulich, erlaubt sich irritierende Abschweifungen wie antisemitisch-joviale Bemerkungen des Clanoberhaupts („Die Juden haben die besten Zahnärzte“) und scheint insgesamt noch nicht recht auf der Höhe der eigenen Ambition, die Regie von Maurice Hübner verspielt sich nicht selten, aber aus dieser Serie wäre etwas zu machen. Man darf gespannt sein, ob sie sich weiterentwickeln darf.

          Freund oder Feind. Ein Krimi aus Passau läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.

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