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Neuer SR-Intendant Grasmück : Raus aus dem Politklüngel!

Erst leitete er die Intendanz, jetzt ist er zum Intendanten des Saarländischen Rundfunks gewählt worden: Martin Grasmück. Bild: dpa

Martin Grasmück ist erst im siebten Wahlgang zum Intendanten des Saarländischen Rundfunks gewählt worden. Doch er erfährt breite Zustimmung. Als Chef des kleinen ARD-Senders darf er es sich aber nicht gemütlich machen.

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          In der Intendanz des Saarländischen Rundfunks kennt sich Martin Grasmück aus. Er hat sie geleitet, von 2008 bis 2015, zuerst unter dem früh verstorbenen, legendären Intendanten Fritz Raff, dann unter dessen Nachfolger Thomas Kleist. Nun steigt der inzwischen stellvertretende Programmdirektor selbst zum Intendanten auf dem Halberg auf. Am 1. Mai tritt er sein Amt an, weil Thomas Kleist den Posten zwei Jahre vor dem ursprünglichen Ende seiner Amtszeit verlässt.

          Er sei ein „Hausgewächs“ des Senders, sagte Grasmück nach seiner Wahl, bei der er sich im siebten Wahlgang mit 26 von 38 Stimmen im Rundfunkrat gegen seine Konkurrentin, die Chefredakteurin Armgard Müller-Adams, durchsetzte. Der Dritte im Bunde der Bewerber, der ARD-Chefredakteur Rainald Becker, hatte seine Kandidatur nach der dritten Wahlrunde zurückgezogen. Dass es bis zur siebten Runde dauerte, zeigt, dass die Konkurrenz eng war.

          Zu der ihm bevorstehenden Aufgabe sagte Grasmück, es gelte, „den SR auf finanziell sicheren Füßen in die digitale Zukunft zu führen und weiterhin seine Eigenständigkeit als voll funktionsfähige Landesrundfunkanstalt der ARD zu wahren“. Damit nahm er das Stichwort auf, von dem schon zuvor die Rede war – „Eigenständigkeit“. Von dieser hatte die Vorsitzende des Rundfunkrats, Gisela Rink, bei der Vorstellung der Kandidaten gesprochen. Am Montag, dem ersten Wahltag mit drei Abstimmungsrunden und noch keinem Sieger, hatte sie gesagt, es sei egal, „welches Ergebnis wir morgen haben: Es sind drei Personen, mit denen ich als Rundfunkratsvorsitzende eine gute Zusammenarbeit bieten kann.“

          Das klang so, als werde ein Sekretär gesucht oder eine Sekretärin, nicht aber ein Intendant. Darin spiegelt sich ein Selbstverständnis wider, das den Saarländischen Rundfunk prägt – und lähmt. Dessen Intendant wird gewissermaßen als Emissär in die Rundfunkrepublik und den föderalen Senderverbund der ARD losgeschickt, die Sache der Saarländer zu vertreten und darauf zu achten, dass sie ja nicht eingemeindet werden.

          Dahinter steckt ein landespolitischer Klüngel, eine Machtverabredung zwischen CDU und SPD, die den Verwaltungsrat und den Rundfunkrat des Saarländischen Rundfunk als ausführende Organe der Landespolitik erscheinen lassen. Wie fein die Verästelungen sind, wie umfassend die paritätische Postenverteilung ist, hat der Journalist Volker Nünning im Fachdienst „Medienkorrespondenz“ aufgezeichnet. In der „Sonderpolitikzone“ Saarland steuere „eine kleinere Gruppe von aktiven und ehemaligen Politikern von CDU und SPD de facto gesellschaftliche Institutionen und Einrichtungen sowie Unternehmen mit Landesbeteiligung“: die Sparkassen, das Weltkulturerbe Völklinger Hütte, das Saarländische Staatstheater, die Saarland-Sporttoto GmbH, Krankenhäuser, Sozial- und Wohlfahrtsverbände und – den Saarländischen Rundfunk. Nünning nennt Ross und Reiter, so etwa den ehemaligen SPD-Politiker Michael Burkert, der den Verwaltungsrat des SR anführt, und die frühere CDU-Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Völklingen, Gisela Rink, die Rundfunkratsvorsitzende des Saarländischen Rundfunks, von der hier schon die Rede war. Die Liste setzt sich fort: ein Roter hier, ein Schwarzer da, ehemalige Minister, die Gewerkschaften sind auch dabei.

          Von diesem Verbund muss sich der neue Intendant des Saarländischen Rundfunks lösen. Dafür wird Martin Grasmück als „Hausgewächs“ des SR diplomatisches Geschick benötigen und den Mut, auf seinen Kollegen Kai Gniffke vom Südwestrundfunk zuzugehen. Gniffke hat eine Zusammenarbeit des SWR mit dem SR bis auf Direktorenebene vorgeschlagen. Er tat dies, genau terminiert, vor der Intendantenwahl im Saarland, aber wohl kaum, weil er eine Fusion im Sinn hätte. Man darf ihm zutrauen, dass er weiß, was der Saarländische Rundfunk für die Saarländer bedeutet. Aber er weiß als kluger Pragmatiker auch, dass dieser Sender wie die ARD insgesamt nur dann eine Chance hat, sich als reformfähig zu erweisen, wenn er Reformen auch wirklich in Angriff nimmt und seine Strukturen glättet. Mit einem erhöhten Obolus aus dem ARD-internen Finanzausgleich, der dem chronisch defizitären Saarländischen Rundfunk ins Haus steht, wenn das Bundesverfassungsgericht die in Sachsen-Anhalt gescheiterte Erhöhung des Rundfunkbeitrags beschließt, ist es nicht getan. Da muss mehr geschehen. Das Saarland braucht mit dem SR ein saarländisches Programm, aber nicht einen vermachteten Senderapparat. Darin liegt die Aufgabe von Martin Grasmück.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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