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Der Netflix-Film „Like Father“ : Die Seichtigkeit des Seins

Kreuzfahrer ohne Empfang: Kristen Bell und Kelsey Grammer Bild: Netflix

Schrecklich unamüsant - aber in Zukunft ohne mich: Es sollte eine beschwingte und anrührende Sommerkomödie werden, doch mit „Like Father“ lässt Netflix einen bunten Werbefilm für Kreuzfahrten vom Stapel

          3 Min.

          Man soll sich hin und wieder an die Zeit erinnern, als man das wollte, was man jetzt hat. Im Kleinen, wie im Großen. Es war im November. Man wollte Sonne. Jetzt hat man sie, auch nachts, gefühlt mitten im Schlafzimmer. Nun wünscht sich manch einer entweder die Novemberkälte oder an einen besseren Ort – jenseits der Kernschmelze.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Einem solchen Ort hat Netflix 103 Minuten Film gewidmet. Darin gibt es viel Wasser, Wind, frische Luft, Essen und in Zucker aufgelösten Alkohol in allen Farben und Temperaturen, einen Haufen mittelmäßige Unterhaltung und lustige Menschen. Deren erste Sätze beginnen gerne mit: „Eigentlich bin ich ja nicht der Typ für so etwas, aber ...“ In seiner Reportage „Shipping Out“ beschreibt David Foster Wallace das grelle Grauen so: „Ich habe Sonnencreme gerochen, die auf 2100 Pfund heißes Fleisch verteilt wurde.“ Es ist grässlich schön: Die Low-Budget-Komödie „Like Father“ spielt auf einem Kreuzfahrtschiff.

          Nicht auf irgendeinem, sondern auf der „Harmony of the Seas“, einem Schiff der „Oasis-Klasse“, das für die Kreuzfahrtreederei Royal Caribbean International die Karibik durchpflügt und unter der Flagge der Bahamas fährt. Bis sie in diesem Jahr durch ihr Schwesterschiff, die „Symphony of the Seas“ abgelöst wurde, war sie das größte Kreuzfahrtschiff der Welt: 362 Meter lang, 66 Meter breit, 65 Meter Seitenhöhe, hunderttausend Tonnen Verdrängung und mehr als neun Meter Tiefgang. Den hat sie dem Film voraus. Halb so schlimm, das Setting für eine bunte Rühr-Sach-und-Lach-Komödie (Regie Lauren Miller Rogen) ist ja bereitet: Ein Vater-Kind-Konflikt, eine ungewöhnliche Umgebung, aus der keiner so schnell fliehen kann, und ein Geheimnis. Daraus sind schon großartige Filme wie „Indiana Jones und die letzte Kreuzfahrt“ entstanden.

          Manhattan: Whisky mit Whisky und Wermut

          Das Kind ist in diesem Fall die erfolgreiche Werbefachfrau Rachel Hamilton (Kristen Bell), die bei einer Agentur in New York – spätestens jetzt kennt man den ganzen Film – schwer von ihrer Arbeit abhängig geworden ist. Nun will sie heiraten. Allerdings lässt sie ihr Zukünftiger vor dem Altar stehen, als ihr Handy aus dem Versteck im Brautstrauß fällt. Obendrein taucht ihr Vater Harry (Kelsey Grammer) auf, der sie und ihre Mutter einst sitzenließ. Die beiden landen tags drauf in einer Bar, trinken zu viel Manhattan (Whisky mit Whisky und Wermut) und wachen in der Hochzeitssuite des Schiffes auf, als beim Ablegen das Nebelhorn ertönt.

          Kristen Bell vollbringt bis zu diesem Zeitpunkt das Kunststück, alle Szenen mit einer Mimik zu bewältigen, die ausschließlich auf dem Einsatz ihrer Augenlider (auf, zu) beruht. Doch die Schauspieler haben von nun an ohnehin keine Rollen mehr. Sie sind Statisten. Schließlich gibt es so viel zu erleben auf einer Kreuzfahrt. Die Dialoge klingen, als entstammten sie den Telefonkonferenzen, aus denen sich Rachel nicht losreißen kann. Das Handy als Handschelle des modernen Lohnsklaven: Das Thema begleitet die Figur länger, als es ihr und dem Film guttut.

          Als Zuschauer findet man sich bald damit ab und lässt sich von den bunten Bildern des Schiffes berieseln: die Hochzeitssuite, der Balkon, das Oberdeck, eine Bar, die ein Fahrstuhl ist, eine Wasserrutsche, eine andere Bar, das Buffet, die Cocktails, das Frühstück, ein Landgang auf Jamaika, der an einem idyllischen Wasserfall endet, noch eine Bar und natürlich das Meer.

          Die anderen Figuren – ein schwules Paar, ein schwarzes Paar, ein altes Paar –, die sich Rachel und Harry aufdrängen, sind nur Stichwortgeber. Sie stören den Verlauf der Handlung kaum. Ebenso wenig wie der herrlich harmlose Seth Rogen, der einen gutmütigen kanadischen Lehrer spielt, der einmal mit Rachel im Bett landet, aber später aus Gründen, mit denen sich das Drehbuch nicht länger beschäftigen wollte, nichts mehr mit den Kreuzfahrern um Harry und Rachel zu tun hat.

          Das alles kommt eingedenk der Temperaturen fast schon angenehm ironiefrei daher. Gags gibt es keine. Der einzig halbwegs gelungene ist der Meta-Witz, als ausgerechnet Seth Rogen in seiner Rolle als Rachels „Schiffsfreund“ die obligatorische Hasch-Zigarette des Rastafari beim Landgang ablehnt. Rogen inszeniert seinen Haschischkonsum fast in jedem seiner Filme. Ansonsten kann der Zuschauer rückstandslos alles genießen, was er im Moment vermutlich nicht hat. Und falls Sie eine Kreuzfahrt gebucht haben und doch Bedenken haben: Dies ist ihr Film!

          Like Father ist von heute an bei Netflix abrufbar.

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