https://www.faz.net/-gqz-9rbnx

Netflix-Film über Bill Gates : Mein guter Kumpel Bill

  • -Aktualisiert am

Mann mit Weitblick: Als solcher wird Bill Gates in dem Filmporträt von Davis Guggenheim ausgewiesen. Bild: Netflix

Der Filmemacher Davis Guggenheim will uns in seinem Porträtfilm über Bill Gates verraten, wie der Microsoft-Gründer tickt. Die wichtigste Frage wird dem zweitreichsten Menschen der Welt dabei aber nicht gestellt.

          3 Min.

          Lieblingsessen? „Hamburger.“ Lieblingstier? „Hund.“ Größte Angst? „Ich will nicht, dass mein Gehirn aufhört zu funktionieren.“

          Es ist keine Überraschung, dass Bill Gates sein Gehirn für seinen kostbarsten Besitz hält. In Davis Guggenheims dreiteiliger Netflix-Dokumentation „Inside Bill’s Brain“ geht es aber nicht nur um die grauen Zellen des Microsoft-Gründers. Guggenheim macht es sich zur Aufgabe, die Psyche des Dreiundsechzigjährigen zu ergründen, der sich über die vergangenen vier Jahrzehnte einen Namen als begnadeter Programmierer, Unternehmer und Philanthrop, aber auch als schwierige Persönlichkeit gemacht hat. Gates wurde als Genie bejubelt, als Selfmademilliardär verehrt, als Monopolist verurteilt, als eiskalter Abzocker verteufelt. Den Anspruch, ihn zu „entschlüsseln“, wie der Untertitel („Decoding Bill Gates“) behauptet, kann Guggenheim nicht erfüllen. Es gelingt ihm aber, und bisweilen auf unterhaltsame Weise, den als Einzelgänger geltenden Bill Gates in seinem sozialen Kontext zu spiegeln: als Sohn, Ehemann und Freund.

          Ein netter Kerl ist Bill Gates nach allgemeiner Einschätzung nicht. Er wirkt kühl und unzugänglich, er spricht stets ein bisschen zu laut und mit knarzender Stimme. Unter Druck reagiert er kurz angebunden und verfällt in technische Termini. Aber wenn man genau hinschaut, wie Guggenheim, bietet sich hin und wieder ein Blick hinter die Fassade eines Sonderbegabten.

          Guggenheim entlockt Gates, seinen Freunden und Geschwistern Aussagen, die er zu einem intimen Porträt zusammenfügt. Die Kamera folgt Gates und Guggenheim bei Spaziergängen durch die Wälder Washingtons und die Wüste New Mexikos („Bill denkt am besten beim Spazieren“). Gates’ Frau Melinda, mit der er seit 2000 die weltgrößte private Wohltätigkeitsstiftung führt, und seine Geschwister, kommen ausführlich zu Wort. In zahlreichen Ausschnitten aus Privatvideos der Familie ist Bill als strahlendes Kind mit dem Kosenamen „Happy Boy“ und als Achtklässler zu sehen, der mit dem zwei Jahre älteren Paul Allen, seinem späteren Microsoft-Partner, eine elektrische Schreibmaschine mit einfachen Computercodes füttert; Fernsehbilder aus dem Archiv zeigen ihn als Mittdreißiger, der als reichster Mann der Welt gefeiert wird, und als unwirschen Angeklagten in seinen Vierzigern, der sich gegen den Vorwurf des Monopolismus verteidigt. Man sieht Gates beim Bridge und beim Blödeln mit seinem Kumpel Warren Buffett; bei der Lektüre während seiner „Denkwochen“ auf seinem Anwesen am Hood Canal; in der Diskussion mit Geschäftspartnern; beim Kajakfahren mit Melinda.

          Guggenheim lässt Gates den Rückblick auf seine Vergangenheit selbst kommentieren. Seine Schwestern Kristi und Libby schildern das Familienleben. Melinda Gates, mit der Bill seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet ist, ordnet alles ein. „Komplexe Sachverhalte lassen ihn aufblühen“, sagt sie. Auf Guggenheims Bemerkung hin, er sei mit seiner staubtrockenen Art nicht gerade anregend, gibt Gates zurück, das sei auch nicht sein Anliegen. Sondern? „Optimierung.“

          Der schlimmste Tag seines Lebens, sagt Gates, sei der gewesen, an dem seine Mutter starb. Gates’ jüngere Schwester Libby schiebt nach, dass sich ihr Bruder, wenn es emotional werde, auf seinen Intellekt zurückzieht, „seine sichere Ecke“. Die Trauer um seine 1994 verstorbene Mutter Amy prägt Gates. Sie war es, die seinen Sinn für soziales Engagement schärfte.

          Eine wichtige Nebenrolle spielt der Baumwollbeutel, in dem Gates kiloweise Lektüre mit sich herumschleppt – Fachliteratur über Immunologie und Energie, aber auch Werke wie Robert Sapolskys „Behave“, ein 700-Seiten-Opus über die biologischen Wurzeln und den sozialen Rahmen von Aggression und Gewalt, oder Matthew Desmonds „Evicted“ über den Kampf einer Handvoll Familien um ihre Wohnungen nach der Wirtschaftskrise von 2008. Womöglich rückt Gates diese Bücher allerdings mit Bedacht ins Bild, so wie man das heimische Bücherregal ein wenig frisiert: Wirkt ja sympathisch, wenn einer der reichsten Menschen der Welt sich mit den Sorgen einkommensschwacher Familien beschäftigt. Aber sein soziales Engagement ist nicht zu verleugnen. Und es wird deutlich, dass Gates, anstatt bloß Geld auszugeben, umfassende Lösungsansätze für komplexe globale Probleme sucht.

          Den roten Faden des Porträtfilms bilden diese philanthropischen Bemühungen. Seit seinem Rückzug von Microsoft im Jahr 2008 nimmt sich Bill Gates großer Themen an. Es geht ihm um die Bekämpfung von Polio und Malaria, die Entwicklung sicherer Nuklearenergie im Angesicht der Erderwärmung. Es sind Projekte mit hohem Anspruch und hohen Risiken, zu denen Guggenheim die Frage stellt, ob sie nicht von Selbstüberschätzung zeugen.

          Dass das Ehepaar Gates bei allem Edelmut auch andere, finanziell lukrative Projekte verfolgt, kommt nicht zur Sprache. Den Rahmen eines Films, der den „Menschen Bill Gates“ (so der deutsche Titel) ergründet, hätte dies wohl kaum gesprengt. Die wichtigste Frage stellt Guggenheim nicht: Welche Rechenschaft superreiche Unternehmer wie Bill Gates (geschätztes Vermögen neunzig Milliarden Dollar), Jeff Bezos (120 Milliarden Dollar) oder Mark Zuckerberg (siebzig Milliarden) mit ihrer wachsenden politischen Macht der Gesellschaft schuldig sind.

          Weitere Themen

          „Dinner Date“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dinner Date“

          „Dinner Date“ läuft montags bis freitags um 18.35 Uhr bei ZDFneo.

          Topmeldungen

          Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

          Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

          Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
          Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

          Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

          Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.