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Netflix-Film „Cuties“ : Von einem mutwilligen Missverständnis

Wissen nicht, was sie tun: Amy (Fathia Youssouf, rechts vorne) und ihre Gang. Bild: Netflix

Dem Film „Cuties“ wird vorgeworfen, er ergötze sich an Mädchen in sexualisierten Posen. Das Gegenteil ist der Fall. Der Sturmlauf von Konservativen gegen die Regisseurin Maïmouna Doucouré ist Heuchelei.

          3 Min.

          Weg mit diesem kinderpornographischen Machwerk, das Mädchen in erotischen Posen zur Schau stellt! So fordern eine halbe Million Unterzeichner einer Online-Petition, die von Netflix verlangt, Maïmouna Doucourés Coming-of-Age-Film „Cuties“ (im französischen Original „Mignonnes“) aus dem Programm zu nehmen. Das FBI müsse sich einschalten, der amerikanische Kongress ebenso, wollen die Empörten. Zu ihnen gesellen sich Verschwörungstheoretiker von QAnon, rechtskonservative amerikanische Medien wie „Breitbart“ und Politiker wie der republikanische Senator Ted Cruz.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie alle haben etwas missverstanden. „Cuties“ befördert nicht die Sexualisierung junger Mädchen, sondern kritisiert eben diese – genauso wie die Unterdrückung weiblicher Selbstbestimmung in traditionell geprägten Gesellschaften. Wer Augen hat zu sehen, wer sich diesen zutiefst einfühlsamen, aber auch verstörenden Film ganz ansieht, kommt an diesem Schluss nicht vorbei. Doch die selbsternannten Moralapostel und Kinderschützer ereifern sich über einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Szenen und die zugegeben unglückliche Werbekampagne des Streamingdienstes. Statt eine fröhlich in schrillen Klamotten durch Paris hopsenden Girlie-Gang wie auf dem ursprünglichen Filmplakat zeigte Netflix die Mädchen lasziv posierend im Minimaloutfit auf einer Bühne und textete dazu, dass die Heldin hier beim Twerk-Tanz – also beim sexuell Eindeutiges evozierenden Mit-dem-Hintern-Wackeln – Befreiung finde.

          Das lud zu Missverständnissen nur so ein, geht am Inhalt des Films vorbei und wurde zu Recht von Netflix zurückgezogen. Die Momentaufnahme auf dem Werbebild aber gehört zu einer Sequenz, in der das Unbehagen im Publikum angesichts der sich so darbietenden Kinder mit Händen zu greifen ist und auch die Hauptfigur erfasst: Mitten im Tanz bricht Amy, als die Fathia Youssouf eine bemerkenswerte Vorstellung gibt, in Tränen aus. Und die ganze Hilflosigkeit des verstörten Mädchens, das, von den Erwachsenen in seiner Familie alleingelassen, Anerkennung und ein Gefühl von Zugehörigkeit bei anderen sucht und sich in schreckliche Gefahr bringt, bricht sich Bahn.

          Die Elfjährige ist die älteste Tochter einer Immigrantin aus dem Senegal (Maïmouna Gueye), die auf sich gestellt zurechtkommen muss. In der Moschee predigt man ihr, die Frau habe dem Mann zu gehorchen und die „Entblößten“ auf den französischen Straßen seien das Böse. Später weint sie am Telefon, weil der Ehemann in der Heimat eine Neue gefunden hat. Bald werden die beiden mit in die Sozialwohnung ziehen, dann wird groß Hochzeit gefeiert. Der Schmerz darüber lässt keinen Raum für Amy. Von ihrer Mutter sieht diese – so fängt es die Kamera ein – vor allem den Rücken und die Füße. Kleine Liebesbeweise der Tochter werden übersehen und fortgeworfen. Stattdessen hängt bald ein monströses Kleid für die anstehende Heirat im Schrank.

          Das textile Kontrastprogramm sind die Hotpants und Crop Tops der „Mignonnes“, einer sich mit Steinwürfen, Wortbomben und Prügelattacken gegen alle und jeden zur Wehr setzende Clique aus vier Mädchen, die mit heißen Hip-Hop-Choreographien einen Tanzwettbewerb gewinnen wollen. Dass Angelica (Médina El Aidi-Azouni) im Stockwerk über Amy wohnt, hilft bei der Kontaktaufnahme.

          Die Tänzerinnen wirken so frei. Amy fällt durch das Kaninchenloch in eine Gegenwelt, in der frühpubertäre Mädchen zwischen Faszination und Ekel durch sexuelle Zumutungen oder Verheißungen navigieren, die aus dem Internet direkt in ihre Kinderzimmer gestreamt werden. Ein geklautes Smartphone und ein Laptop machen es möglich. Eltern sind weit weg. Als Rollenvorbilder dienen die Kardashians und Twerkerinnen. Die sozialen Netzwerke sind Pranger und Bühne, auf der es Herzchen und Likes regnet. Davon angestachelt, wird Amy immer extremere Moves üben, ihren Körper anbieten – zum Entsetzen eines männlichen Gegenüber – und Nacktbilder posten – zum Entsetzen ihrer Freundinnen.

          Kann man sichergehen, dass sich keine Erwachsenen mit pädophilen Neigungen sekundenweise heraussuchen, was sie suchen? Nein. Bei Netflix hat dieser Film das ganz große Publikum. Liefe er in Programmkinos, sähe das anders aus. Doch das ist ein Problem des Publikationskontexts, nicht des Films an sich. Jede Posing-Szene der Lolitas wird unmittelbar gebrochen und problematisiert. Doucouré nuanciert, statt schwarzweiß zu zeichnen. Das repressive Regime zu Hause entblößt Frauen anders als die sexualisierte Popkultur, doch es bietet Schutz. Ausgerechnet ein Geisterheiler erhebt die Stimme der Vernunft, als er sagt, mit dem Mädchen sei alles in Ordnung. Die Mutter müsse zu sich finden, etwa, indem sie ihre Ehe verlasse. Und am Ende, als die Mutter endlich rückhaltlos für ihre Tochter einsteht, gegen alle von außen an sie herangetragenen Erwartungen, scheint endlich etwas Drittes auf zwischen Hotpants und Schleier. Darauf hat „Cuties“ sich von Anfang an zubewegt.

          Cuties ist bei Netflix abrufbar.

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