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„Bird Box Challenge“-Kommentar : Blind in den Blödsinn

  • -Aktualisiert am

Die Augenbinde soll gegen die bösen Geister helfen: Sandra Bullock in „Bird Box“. Bild: dpa

Netflix zeigt einen Horrorfilm mit Sandra Bullock und was passiert? Menschen legen eine Augenbinde um und rennen gegen die Wand. Die „Bird Box Challenge“ zeigt, wie gefährlich Fernsehen sein kann.

          Der Mensch ist ein soziales Wesen: Wer wüsste das besser als Internetunternehmen, die möglichst vielen das paradoxe Wohlgefühl verschaffen wollen, separiert vor ihren Geräten zu sitzen und doch Teil eines großen Ganzen zu sein, weil sie suchtartig die Serie aufrufen, die gerade angesagt ist, oder in den Netzwerken liken, was massenweise Likes hat.

          Netflix jedenfalls ist in Sachen lukratives Gemeinschaftserlebnis wieder einmal ein Volltreffer gelungen, und das mit einem Horrorfilm, der – so die allgemeine Einschätzung des Publikums – nicht einmal besonders gut ist. Schlappe 62 Prozent Zustimmung findet „Bird Box – Schließe deine Augen“ nach einem Roman von Josh Malerman auf dem Bewertungsportal „Rotten Tomatoes“.

          Doch binnen weniger Tage nach dem Start wurde der Thriller mit Hollywoodstar Sandra Bullock in der Hauptrolle und Hollywoodstar John Malkovich in einer Nebenrolle mehr als 45 Millionen Mal gestreamt. Worum es geht? Menschen werden – Gemeinschaftserlebnis der übelsten Sorte – in Scharen dahingerafft oder in den Selbstmord getrieben, weil sie eines unbekannten Aggressors ansichtig wurden. Malorie (Sandra Bullock) legt sich und ihren Kindern Augenbinden um und versucht blindlings, einen Ort der Sicherheit zu erreichen.

          Was tun die Zuschauer? Spielen das Gruselszenario in den sozialen Netzwerken nach. In denen grassiert die „Bird Box Challenge“. Es geht darum, Videos von sich hochzuladen, die zeigen, wie man mit verbundenen Augen orientierungslos durch die Gegend tappt. Oder Rolltreppe fährt. Oder einen Hundertmeterlauf hinlegt, der krachend in der Bande endet. Oder als Baby mit Augenbinde vor die Wand läuft.

          Kinder, habt ihr nicht aus schmerzhaften Erlebnissen beim Topfschlagen oder Blinde-Kuh-Spielen gelernt? Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, dass es blinde Menschen gibt, die diesen Quatsch gar nicht lustig finden könnten, weil sie ihr ganzes Leben ohne Augenlicht verbringen, ohne dass jemand groß hinschaut? Steckt hinter dem Hype vielleicht die Sehnsucht nach Justitia oder danach, vor dem realen Horror die Augen zu verschließen?

          Wohl nichts von alldem, sondern eher die Sehnsucht, sich auf möglichst großer Bühne zum Deppen zu machen für ein bisschen Online-Ruhm. Selbst Netflix will da lieber weggucken. Über seinen amerikanischen Twitter-Account mahnt der Streamingdienst: „Bitte, verletzt euch nicht“. Man habe keine Ahnung, wie der Trend entstanden sei, freue sich über die Zuneigung, aber im Krankenhaus solle bitte keiner landen. Ob es hilft? Fernsehen scheint jedenfalls doch gefährlicher zu sein, als man bisher dachte.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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