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„Luther-Code“ bei Arte : Der Mensch ist schon krass

Fingerzeig: Luther (Daniel Arthur Fische) geht ein Licht auf. Bild: © EIKON-Media

Arte fragt zum Reformationsjubiläum, wie weit Martin Luther noch immer unsere Zeit prägt. Da bei ihm offenbar jeder findet, was er will, erweist sich „Der Luther-Code“ allerdings als schwer zu entschlüsseln.

          Martin Luther steht zurzeit hoch im Kurs. Die Reformationsjubiläumsfeiern sind eröffnet, Politik, Kultur und Kirche betreiben einen regelrechten Luther-Hype, der Markt sieht seine Chance gekommen, aus allem und jedem ein lutherisches Erlebnis zu machen. Dass der fünfhundertste Jahrestag der Reformation erst im nächsten Jahr dran ist - egal. Man kann gar nicht früh genug damit anfangen. Der deutsch-französische Kulturkanal Arte widmet dieses Wochenende dem Schwerpunkt „500 Jahre Reformation“ und begibt sich auf die Suche nach „Luthers Idealen“ in der heutigen Zeit. „Sind Emanzipation, Information im Takt des Social Media und der Streit um Internetdaten eine Reformation 3.0?“, lautet die Frage. Reformation 3.0 also. Demzufolge muss es ja schon eine Reformation 2.0 gegeben haben. Wann? Wo? In welcher Hinsicht? Vielleicht bringt Arte Licht ins Dunkel der Reformationswirren; schließlich präsentiert der Sender unter dem Titel „Der Luther-Code“ eine sechsteilige Dokumentationsreihe von Wilfried Hauke und Alexandra Hardorf.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Von Arte sind wir Qualitätsfernsehen gewohnt. Im Fall des codierten Luther aber fällt es aus. Was sich dem Zuschauer darbietet, hat mit intellektuellem Anspruch wenig und mit Filmkunst nichts zu tun. Das wird schon in den ersten Szenen deutlich: Vor dem Hintergrund einer billig wirkenden Bild-Collage beginnt jede Folge mit einer bedeutungsvoll vorgetragenen Passage, die aber bloß Gemeinplätze bedient und an schlechte Predigten im evangelischen Gottesdienst erinnert: „Schon immer haben sich die Menschen gefragt, woher sie kommen, wohin sie gehen - und wer sie eigentlich sind. Sie haben die Welt immer wieder neu erfunden und an eine bessere Zukunft geglaubt.“ Dann wird auf den großen, historischen Luther verwiesen, der einen Wandel des Glaubens und des Wissens ausgelöst habe, um ihn sodann auf die Bühne der Aktualität zu heben: „Heute erleben wir eine neue Zeitenwende. Wohin führt der Weg?“

          Was sagt uns Luther heute?

          Wenn man der plump dramatisierenden Musik im Hintergrund lauscht, die fast ohne Unterbrechung läuft, verheißt die Zukunft, zu welcher der Weg vermutlich führt, nichts Gutes. „Sind wir am Ende ganz allein?“, fragt die Stimme aus dem Off. Der Zuschauer ist es jedenfalls, denn eine Struktur sucht man in dieser Dokumentation vergeblich. In einem der vielen Handlungsstränge geht der Film chronologisch vor, fängt bei Luther an und hört im 20. Jahrhundert auf. Der Buchdruck, Johannes Kepler, Hexenverfolgung, Aufklärung, Industrialisierung, Weltkrieg - es geht Schlag auf Schlag. Geschmückt werden die Epochen mit Schauspiel-Szenen, die wie eine Schmierenkomödie wirken. Die Darsteller sind ungelenk, die Ausstattung ist ärmlich, die Musik wie schon erwähnt. Sobald Luther auftritt, zieht ein Gewitter auf. Dunkelheit, Blitz, Donner, Sturm, Regen - sichere Zeichen, dass Luther um die Ecke biegt. Das ist wohl zu verstehen als Superlativ einer plakativen Metaphorik für den gewaltigen Sturm, den die Reformation 1.0 losbrach. Oder so.

          Hier sitzt er und kann nicht anders: Spielszene mit einem Darsteller von Gottfried Wilhelm Leibniz.

          Um die Gegenwart geht es in Interviews mit einer Reihe von Gesprächspartnern, deren Berufung unklar bleibt. Als was sprechen sie? Als Experten? Zeitzeugen? Vertreter der Reformation 3.0? Es geht wild durcheinander. Wissenschaftler zu Luthers Erbe zu befragen, ist naheliegend. Die Interviewpartnern kommen aus allen Disziplinen: Geschichtswissenschaft, Philosophie, Soziologie und den Naturwissenschaften. Doch wer fehlt - ausgerechnet? Die Theologen. Haben sie nichts zu Luther 1.0 bis 3.0 zu sagen? Wahrscheinlich hätten sie das allgemeine Luther-Larifari nur gestört.

          Zum dem zählen Sätze wie die des Musikers Fayzen: „Ich glaube, dass der Mensch wirklich krass sehnsüchtig nach Glück ist.“ Oder die Einlassung eines Systembiologen: „Ich sehe die Zukunft superpositiv.“ Und was bedeutet im Zusammenhang mit Luther die Biographie der Feministin Autorin Laurie Penny? Ohne Zweifel handelt es sich bei ihr um eine interessante Persönlichkeit, was an ihrer Position zu Gender-Fragen „Luther 3.0“ ist, erschließt sich nicht. Was für ein Sammelsurium: Wie sehen eine Dokumentation über starke Frauen plus Wissenschaftsjournalismus inklusive soziologische Abhandlung über die Liebe, plus Ausflug in die digitale Revolution plus Exkurs zur Flüchtlingspolitik. Was hat das alles mit Luther zu tun? Oder gar mit einem „Luther-Code“, der dem Ganzen innewohnt? Es bleibt rätselhaft. Nur eine Konstante weist die sechsteilige Dokumentation auf: Luther steht immer im Regen.

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