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„Der letzte schöne Tag“ im Ersten : Jedes Weltvertrauen geht verloren

Zweifelnder Blick nach oben: Tochter Maike (Matilda Merkel), der kleine Piet (Nick Julius Schuck) und ihr Vater Lars (Wotan Wilke Möhring) Bild: WDR/Willi Weber

Eine Frau nimmt sich das Leben. Ihr Mann und die beiden Kinder bleiben zurück: Der Spielfilm „Der letzte schöne Tag“ ist die berührende Elegie auf einen großen Verlust.

          Man schmälert weder die durchweg überzeugende Arbeit des Regisseurs Johannes Fabrick noch die zum Teil exzellenten Leistungen seiner Hauptdarsteller, wenn man für das stupende Gelingen des Fernsehfilms „Der letzte schöne Tag“ vor allem das atmosphärisch wie szenisch ungemein genaue Drehbuch von Dorothee Schön verantwortlich macht.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Autorin, die Ende der achtziger Jahre mit der Vorlage zu Reinhard Hauffs Politdrama „Blauäugig“ debütierte und unter deren inzwischen knapp dreißig Filmskripten sich mehr als ein Dutzend „Tatort“-Texte finden, wurde einem breiteren Publikum erst vor kurzem bekannt. 2010 erhielt sie für ihr Drehbuch zu Connie Walthers Fernsehfilm „Frau Böhm sagt Nein“ sowohl den Grimme- als auch den Ernst-Schneider-Preis.

          Vor wenigen Wochen erfuhr man, dass sie für den Produzenten Nico Hofmann und im Auftrag von Sat.1 an den Monologen und Dialogen eines erkennbar fiktiven Freiherrn und Exministers arbeitet, der final, aber vielleicht ja auch nur vorderhand an all seinen Promotionen scheitert. Wenn alles gutgeht, gibt es die Satire - Arbeitstitel: „Der große Bruder“ - wohl noch in diesem Jahr zu sehen.

          Das Recht des schieren Fortgangs

          „Der letzte schöne Tag“ beginnt als Tragödie. Eine Frau, die wir nicht sehen, ruft der Reihe nach ihren Mann, ihre pubertierende Tochter und ihren acht, neun Jahre alten Sohn an. Sie stellt dabei sicher, dass sie am frühen Abend allein zu Hause sein wird. Gefunden wird sie am nächsten Morgen im Kölner Stadtwald. Sie, Narkoseärztin von Beruf und seit geraumer Zeit an Depressionen leidend, hat sich das Leben genommen.

          Fortan ist der Film eine Elegie. Etwas mehr als eine Woche lang folgt er den Hinterbliebenen. Er zeigt, dass und wie ihr Leben weitergeht. Seine Wahrhaftigkeit besteht darin, dass er die sofort nach dem Auffinden der Toten wieder einsetzende Alltagsrealität in allen bedeutsamen wie banalen Details entfaltet und festhält. Nichts wird je mehr so sein, wie es gerade noch war. Aber alles behauptet auch weiterhin sein Recht auf schieren Fortgang und folgerechtes Handeln.

          Eine der großen Stärken des Drehbuchs besteht im Verzicht. Also gibt es, von ein, zwei kurzen Dialogen am Küchentisch und beim Leichenschmaus abgesehen, keine wohlfeilen Mutmaßungen über das Wesen der Depression und so gut wie keine nachgereichte Erklärung für die Krankheit und den Suizid der aus rundum wohlsituierten Verhältnissen stammenden Sybille Langhoff.

          Solcher Verzicht verdichtet den Verlust, den ihr Fehlen bedeutet. Und er schafft Raum für eine Fülle von psychologisch präzisen Szenen, in denen sich die hinterbliebenen Mitglieder der Familie den Folgen dieses Fehlens stellen müssen. Vom Gang zum Bestattungsunternehmen bis zum Aussuchen der Grabstelle, vom Aufsetzen der Todesanzeige bis zum Bestehen des Begräbnisses: Dorothee Schön entwickelt daraus eine wirklich berührende Phänomenologie des Trauerns durch Tätigsein.

          Eine ungeheure Szene elementarer Ohnmacht

          Wotan Wilke Möhring spielt Lars Langhoff, den auf die radikalste Weise verlassenen Ehemann, mit einer enormen Spannbreite emotionaler Valeurs. Gegenüber den beiden Kindern ist er einfühlsam bis zur Selbstverleugnung und stark bis zur Zerbrechlichkeit. Er ist so bedachtsam und handlungsklug wie zutiefst verunsichert und verletzt. Lange Zeit meistert er alles irgendwie. Aber wenn seine Schwester Ruth (Lavinia Wilson) auf dem Friedhof dann Verse der Dichterin Mascha Kaléko rezitiert, bricht er zusammen und weint hemmungslos: eine ungeheure Szene elementarer Ohnmacht - und großer Kunst.

          Ganz und gar herausragend sind die beiden Kinderrollen. Ihnen gibt das Drehbuch alle auch nur denkbaren und für das jeweilige Alter auch völlig glaubhaften Regungen und Reaktionen mit auf den Weg. Der kleine Piet sieht in den kurzen Augenblicken vor dem Einschlafen die tote Mutter höchst lebendig neben seinem Bett, absolviert aber zugleich die auf ihn zukommenden Trauerpflichten mit der naiven Lässigkeit eines Jungen, der auf seine Weise nahezu alles zu begreifen und einzuordnen vermag: Nick Julius Schuck spielt das schlicht großartig.

          Überwältigend ist Matilda Merkel. Sie ist Maike, die pubertierende Tochter der Langhoffs. Wie sie alles in Frage stellt, was ihr Verhältnis zur Mutter ausmachte, wie sie gleichwohl die Schuld an deren Tod bei sich sucht, wie sie andererseits im Gespräch mit ihrer besten Freundin die Motive der Vaters, der sich rührend um sie kümmert, radikal in Zweifel zieht: es ist das ganze Spektrum der Verlassenheit, es ist der zumindest zeitweise Verlust jeglichen Weltvertrauens, den Matilda Merkel in solchen Momenten ausdrückt.

          Am Ende des Films ändern Lars und die Kinder die Ansage auf dem häuslichen Anrufbeantworter. Natürlich versprechen sie sich dabei dauernd und müssen über sich selbst lachen. Auch dieses Ende ist im Grunde zum Heulen - und auch deshalb ist es mehr als gut

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