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„Landkrimi“ im ZDF : Zwei Dramen sind hier eins zu viel

  • -Aktualisiert am

Kriminalfall und persönliches Drama: Stefanie Reinsperger spielt die Postenkommandantin Franziska Heilmayr. Bild: ZDF

Im „Landkrimi – Das dunkle Paradies“ ringt eine Polizistin mit einem Mordfall und ihrem Coming-out. Stefanie Reinsperger spielt eine Postenkommandantin in persönlichen Nöten. Dahinter steht der Krimi deutlich zurück.

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          Die österreichische „Landkrimi“-Reihe besticht in den meisten Folgen durch besonderes Kolorit. Gesprochen wird im Dialekt oder in gerade noch verständlicher Einfärbung, die den Fällen und Figuren individuelle Bodenhaftung und Glaubwürdigkeit gibt. Das „Landkrimi“-Ermittlerpersonal ist in der Gegend tief verwurzelt. Und hadert mit ihr. Ein österreichischer Gemeinplatz wie das Granteln, das Es-sich-richten oder die allgemeine üble Nachrede – Heimatverbundenheit eben, meist dazu in schwärzester Färbung. Ein gefundenes Fressen für den Krimi, siehe Bibi Fellner und Moritz Eisner im „Tatort“ aus Wien.

          Der Landkrimi „Das dunkle Paradies“ ist der zweite Fall aus dem Salzburger Land, genauer aus Zell am See. Der Tourismusort erfreut sich unter betuchten arabischen Urlaubern großer Beliebtheit. Auf die Wünsche der Kundschaft hat man sich, wie in der internationalen Spitzenhotellerie üblich, eingestellt. So berichtet es der Concierge Leopold (Nikolaus Paryla) vom Grand Hotel der Postenkommandantin Franziska Heilmayr (Stefanie Reinsperger, die neue „Tatort“-Ermittlerin in Dortmund).

          Jeder Scheich ein König. Kundschaft ist heilig und Diskretion eh Berufsgrundlage. Leopold ist eine Figur wie von Nestroy, ein Hans-Moser-Wiedergänger, vielsagend schweigsam und devot, bis er ein paar Obstbrände intus hat. Im Koran, so Leopold schwadronierend, sehe das Paradies wie Zell aus. Schneebedeckte Berge, an ihrem Fuß ein kristallklarer See. Vom Edelbordell der Promi-und-Politiker-Versorgerin Beate Rottner (Muriel Baumeister) erzählt er trotz steigender Promille weniger, obwohl die Callgirls im Hotel ein und aus gehen und Rottners Liste mit Ministerverfehlungen ein offenes Geheimnis ist. Ein Schelm, wer an die Ibiza-Affäre denkt, die im Mai 2019 zum Bruch der Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ führte.

          Der Krimi beginnt mit einer langen Kamerafahrt ohne sichtbaren Schnitt (es gibt einen, vielleicht sogar zwei). Über den nächtlich glitzernden See nähert sich das Bild der Uferterrasse des Hotels, erkundet den Außenbereich, nimmt Anlauf über die Paradetreppe ins Foyer, scheint sich dort umzusehen, setzt durch den Vordereingang nach draußen, trifft eine junge blonde Frau, folgt ihr in eine dunkle Unterführung, dreht sich um hundertachtzig Grad und kommt am strahlenden Morgen am Ufer wieder heraus. Im Wasser schwimmt eine Leiche – die blonde Person von eben. Die Sequenz ist ästhetisch verspielt und will gleichzeitig spektakulär sein (Kamera Klemens Hufnagl). Weder in der einen noch in der anderen Hinsicht hält „Das dunkle Paradies“, was dieser Anfang verspricht.

          Die Tote war ein Luxus-Callgirl, verhaftet wird der offenbar unschuldige Roland Teichtner (Wolfgang Rauh). Annie Lichtauer (Andrea Wenzl) ist seine Schwester und die Freundin von Polizistin Franziska. Letztere will ihren stockkonservativen Eltern schon lange von ihrer Liebesbeziehung mit Annie berichten. Während Franziska sich mit dem zunächst widerstrebenden Kollegen Martin Merana (Manuel Rubey) an die Aufdeckung der politisch brisanten Hintergründe macht, versucht sie gleichzeitig, mit ihrem Coming-out zu Rande zu kommen.

          Über diesem – von Reinsperger und Wenzl differenziert gespielten – Drama gerät der Kriminalfall zeitweilig fast gänzlich aus dem Blick. Seine Aufklärung wird dann fast lieblos heruntergebetet – trotz globalwirtschaftlicher Dimension. Zwei Dramen sind hier entschieden eins zu viel. Catalina Molina (Regie und Ko-Autorin) und Sarah Wassermair (Autorin) hätten sich besser für eine klarere Gewichtung entschieden. Düster stimmungsvoll bleibt der immer wieder mystisch in Szene gesetzte See samt Nebelmeer. Exzellente (Theater-)Schauspielerinnen wie Reinsperger, die, überaus ausdrucksstark und bewegend, nicht dem gängigen normativen Schönheitsideal entspricht, mag man außerdem gern öfters sehen. Als reiner Mitratekrimi ist „Das dunkle Paradies“ folglich eine Enttäuschung. Als gesellschaftliche Prüfung lesbischer Liebe sticht der Film aus dem Krimieinheitsprogramm heraus.

          Landkrimi – Das dunkle Paradies, heute, 20.15 Uhr, im ZDF.

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